Eiserner Vorhang 2021/2022

Ode „An die Musik“

Eiserner Vorhang, Beatriz Milhazes Wiener Staatsoper
Ansprache Bice Curiger, 21.10.2021
 

Sehr verehrte Damen und Herren, sehr verehrte Gäste,

Es freut mich sehr, Ihnen im Namen der Jury den neuen Eisernen Vorhang - von Beatriz Milhazes vorzustellen. Der Titel des Werks, sie haben es schon vernommen, heißt „Pink Sunshine“, doch ich selber habe ihm auch einen heimlichen Untertitel gegeben. In Anlehnung an das berühmte Schubert-Lied ist für mich dieser Vorhang eine Ode „An die Musik“.

Wir blicken hier in der Oper auf das monumentale Gemälde, genießen das Spiel der Farben, folgen den Rhythmen der Formen und Motive im scheinbar leichten und beschwingten und doch komplexen Spiel des Ineinandergreifens, sich Verschränkens und des Abhebens und frei Schwebens…und all dies im gewaltigen Raumkontinuum der Architektur der Oper. Plötzlich nehmen wir wahr, wo wir sitzen und wie selten wir in solch gebauten Dimensionen in Muße uns raffinierten ästhetischen Gegebenheiten hingeben können.

Als Malerin hat Milhazes ihre Komposition als eine Art visuelle Musik geschaffen, die zugleich Ratio und Gefühl mit suggestiver Wirksamkeit anspricht und aktiviert. Breite und schmale Streifen, Kreise, Wellenlinien und tanzende Rechtecke formieren eine Art fröhliche Geometrie, zugleich Mathematik und den Wind anrufend, die physikalischen Gesetze, Landschaft sowie pflanzlich-organische und architektonische Elemente in vibrierender Eintracht: Pythagoras und die Naturphilosophie.

Gleichzeitig ist die Wirkung dieser Malerei unverhohlen, ja, kühn ornamental. Das Ornament und das Ornamentale sind ein kulturübergreifendes, weltverbindendes Phänomen. So kommen bekanntlich gleiche Motive in ganz unterschiedlichen Kontexten und Kulturen vor, sie entstanden unabhängig voneinander oder aber traten in einem Akt der Beeinflussung, der Übernahme oder im osmotischen Austausch immer wieder in anderen Zusammenhängen auf.

Das Ornament verkörpert auch die verbindende Kraft der Populärkultur. Wir sind hier in Wien und es ist nicht abwegig in diesem Zusammenhang an Adolf Loos zu denken, der sich auflehnte gegen das leere Ornament als „vergeudete Arbeitskraft“. Doch lassen sich Manifestationen von Lebensfreude in solchen Kategorien messen?

In Beatriz Milhazes Werken weht von weither der Einfluss von Matisse bis Mondrian. Von Jugendstil bis Max Bill – ja, zu diesem ganz besonders über die brasilianische Bewegung des Neo-Concretismo der 1950er Jahre und weiter zurück zu der Bewegung des Modernismo in Brasilien nach dem 1. Weltkrieg. Dabei mischten sich immer wieder Einflüsse der hohen Kunst mit der Volkskunst, der Folklore, so auch in der Musik. Man denke bloß an den Wiener Akkordeonbauer und Erfinder der Ziehharmonika, Cyrill Demian und an die unglaubliche Reise seines Instruments durch die verschiedensten Länder und Lebenszusammenhänge, seine Transformationskraft als Katalysator zwischen den Kulturen der Musik – aber eben nicht nur! Denn müßig ist es, immer die klaren Abgrenzungen zwischen den Gattungen zu ziehen. Hier in der Oper wird die Verschmelzung von Musik und dem szenisch Visuellen sowie dem Tanz gelebt, ja vorgelebt.

Wenn der Komponist und Landsmann von Milhazes, Heitor Villa-Lobos, in seinen „Bachianas Brasileiras“ genannten Werken die Inspiration durch die brasilianische Folklore direkt zum Ausdruck bringt, indem er Volksmelodien mit der Musik von Johann Sebastian Bach verbindet, so erkennen wir auch in Milhazes Werk vielleicht eine Anspielung an eine Bach‘sche Fuge? Eine Verbindung von High and Low, ja, von Kirchenmusik und Karneval von Rio…? Man spricht heute gerne von der Hybridisierung der Kultur – einmal mehr tut es gut zu erinnern, dass dies keine neue Erfindung ist, was aber deren Aktualität keineswegs schmälert.

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