Eiserner Vorhang 2022/2023

Avatar am „Eisernen Vorhang“ der Staatsoper


Ö1 Mittagsjournal vom 02.11.2022 mit Wolfgang Popp und einem Interview mit Daniel Birnbaum zum „Eisernen Vorhang“ von Cao Fei in der Wiener Staatsoper.

Seit 1998 wird der eiserne Vorhang in der Wiener Staatsoper für jeweils eine Spielzeit von renommierten Künstlerinnen und Künstlern gestaltet. Heuer wurde erstmals eine chinesische Künstlerin eingeladen. The New Angel, also der neue Engel, heißt die Arbeit der in Peking lebenden Cao Fei. Wolfgang Pop informiert.

Wolfgang Popp: Der Kopf der jungen Frau nimmt den gesamten Vorhang ein. Die Frisur mit den seitlichen Haarknoten ist traditionell chinesisch, die Gestalt aber ein Wesen aus der digitalen Welt. Silbergrau ist ihre Haut und Silbergrau ist auch der Blick, mit dem sie das Publikum fixiert. Ein Blick, der gleichzeitig aus der Vergangenheit und der Zukunft zu kommen scheint.

Daniel Birnbaum: Es ist schon etwas unheimlich alles. Sie guckt uns an, man fühlt sich beobachtet. Ich bin sehr gespannt, wie Leute reagieren werden. Ganz angenehm ist es nicht.

WP: Sagt Daniel Birnbaum, der seit mehr als 20 Jahren in der Jury für die Gestaltung des eisernen Vorhangs sitzt. Die Künstlerin Cao Fei konnte zur heutigen Präsentation wegen der rigorosen Covid-Beschränkungen in China nicht anreisen. Ihr neuer Engel ist ein Avatar, den sie selbst geschaffen und dem sie den Namen China Tracy gegeben hat. Mitfühlend wie eine Buddha-Statue beobachtet China Tracy die reale Welt ohne Antworten zu geben, schreibt Cao Fei in einer Botschaft. Daniel Birnbaum:

DB: Cao Fei ist bekannt für ihre digitalen Experimente. Sie arbeitet mit virtueller Wirklichkeit. Schon vor 15 Jahren hat sie mit Second Life gearbeitet. Das kennt man vielleicht nicht mehr. Das war so eine Art Metaverse-Projekt.

WP: Damals hat Cao Fei eine virtuelle Stadt geschaffen, deren Schutzgottheit diese China Tracy war. Eine Stadt, in der die Tage nur 4 Stunden hatten und immer Vollmond herrschte. Eine Stadt, in der in einer wilden Collage Bauten aus der chinesischen Kaiserzeit, aus der Mao-Zeit und aus den letzten Jahrzehnten des Turbo-Kapitalismus nebeneinander standen.

DB: Es ist eine merkwürdige Mischung aus Optimismus und Pessimismus. Eine utopische, dystopische Welt. Einerseits großartig mit Fragmenten aus China, die man kennt. Klassische, historische Gebäude, aber auch das Stadion und das Gebäude von Rem Koolhaas. Es ist eine sozialistisch-kapitalistische, utopische, dystopische Vision.

WP: 2007, im Gründungsjahr Ihrer virtuellen Stadt, wurde Cao Fei zur Biennale in Venedig eingeladen und gestaltete dort den aufblasbaren China Tracy Pavillon, in dem das Publikum mit ihrem Avatar interagieren konnte. Es folgten Einladungen ins MoMA in New York und in die Londoner Tate Modern. Der Stadt, mit der sie international solche Furore machte gab Cao Fei den Namen R&B City nach der chinesischen Währung Renminbi.

DB: Das heißt, worum geht es hier überhaupt? Geht es nur um Geld oder geht es tatsächlich um andere utopische Möglichkeiten? Also sie ist eine kritische Künstlerin, würde ich behaupten, aber keine politische Künstlerin, die in China nicht arbeiten kann.

WP: Mit seinem stillen Blick sieht Cao Fei den New Angel auf das Publikum in der Wiener Staatsoper von heute an bis zum Juni 2023.

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