KünstlerInnenporträts 11

Auszug aus einem Gespräch mit Matt Mullican

Ist Ihre Kindheit Teil Ihres Werkes?

Ja, ich denke schon, wenn auch nur insofern, als sie die Basis meiner Persönlichkeit bildet. Da mein Werk mit dem Subjektiven zu tun hat, wird die Kindheit automatisch wichtig. Aber natürlich ist meine Erinnerung an sie sehr verschieden von dem, wie sie war. Meine Kindheit verändert sich ständig, von Jahr zu Jahr werden mir andere Aspekte bewußt. Zum Beispiel habe ich gerade eine Arbeit unter Hypnose gemacht und mich dabei in das Alter von 5 Jahren versetzen lassen. Das war sehr interessant, denn ich hatte das schon einmal versucht und diesmal tauchte ein ganz neues Bild von mir als Kind auf. Und auch dieses wird sich nächstes Jahr wieder ändern! 

Dennoch, in Ihren Arbeiten bleiben einige Parameter immer konstant. Zum Beispiel in Ihren „Strichfiguren“ bleiben die Linien ziemlich gleich.

Ja, das sind Signaturen, es ist eine Art des Schreibens. Auch in meinen „charts“ bleiben einige Elemente „unverändert“ und das soll so sein, denn Zeichen werden nur durch ihren Gebrauch real. Würde ich meine Zeichen jede Woche ändern, könnten sie keine Kraft oder Präsenz gewinnen. Außerdem geht es dabei viel mehr um Beziehungen zwischen Dingen und Menschen, d.h. Zeichen sind vor allem sozial bedingt. Es ist interessant, daß Leute immer meinen, Zeichen könnten ständig verändert werden. Aber es ist nicht der Fall, daß ich sie jeden Tag erfinde und wieder neu erfinde.

Aber trotzdem können Sie aus allem ein Zeichen machen?

Ja natürlich, Sie können jedes Zeichen machen, egal welches. Ein Zeichen ist so etwas wie ein Wort. Aber der Punkt ist, daß es genauso ist wie mit der Kunst: Wir denken oft an Kunst im Sinne eines Objektes, also daß sich die Kunst irgendwie in einem Objekt verbirgt, genauso wie wir denken, daß sich die Bedeutung in einem Zeichen verbirgt. Aber so ist es nicht, sondern sie realisiert sich in unserer Beziehung zum Objekt. Dort „passiert“ die Kunst, in Form eines Prozesses, während wir glauben, auf eine beinahe magische Weise sei in einem Objekt irgendeine Form von Kunst verkörpert, oder daß Zeichen selbst irgendwelche Bedeutungen verkörpern würden. Aber die Bedeutung liegt nicht im Zeichen, sondern in uns. Also das Zeichen ist nicht selbst bedeutsam, sondern meine Beziehung zu ihm, dadurch erst wird es mit Bedeutung aufgeladen.

Sie haben mit Ihren „charts“ ein Modell von Farben und Zeichen entwickelt, mit dem diese Beziehungen zur Welt dargestellt werden können. Würden Sie dieses „fünf Welten“-Schema erklären?

Ja, zum Beispiel an Hand meiner Uhr: Ich habe diese Uhr die ganze Zeit über getragen. Würde ich einen Hammer nehmen und sie in kleine Stücke zerschlagen, wären das zwar noch immer Teile meiner Uhr, aber es wäre keine Uhr mehr, sondern im Zusammenhang mit meiner Arbeit, Materialität ohne Bedeutung, wenn man davon sprechen kann, daß es Materialität ohne Bedeutung geben kann. Das ist „der Boden der Welt“, dieser ist rein materiell und ich nenne ihn die „grüne Welt“. Die nächst höhere Welt ist die „normale“ Welt, die „ungerahmte Welt“, in der ich meine Uhr vorher getragen habe, ohne an sie zu denken, sie gleichsam nur unbewußt gebraucht habe. Das ist die „blaue Welt“, in der man sein Leben führt, ohne Bewußtheit oder Bewußtsein dafür zu haben, und auch so mit den Dingen umgeht, die einen umgeben. Die nächste Welt weiter nach oben ist die „gelbe Welt“, die ich die „gerahmte Welt“ nenne. In dieser Welt ist meine Uhr nicht länger nur Materie, sondern wird zur Repräsentation, z.B. für kulturelle Hierarchie oder für andere Dinge, vor allem aber wird sie ein Symbol. Die Uhr ist zum Beispiel eine Rolex oder eine Cartier und wird dadurch zum Symbol für Reichtum. Die nächste Ebene ist die von „Schwarz und Weiß“ als Zeichen der Sprache. Hier braucht man die physische Uhr nicht mehr. Stattdessen gibt es das Bild, das Zeichen, das Wort einer Uhr. Die Uhr wird also transformiert, transferiert auf die Ebene des Nicht-Physischen, des Virtuellen, Imaginären, Fiktionalen, also in das Reich der Sprache. Die letzte Welt ist die des rein Subjektiven; das ist die leere, die „rote Welt“. Das heißt, hier geht es nicht um das Wort „Uhr“ oder die Sprache, sondern um die Beziehung zwischen mir und der Uhr, die Uhr ist gleichsam in meinem Leben. Das sind Wege, alles mögliche zu interpretieren, wobei es nicht so sehr um die physische als um die interpretative Welt geht. Oder Welten, denn das existiert alles nebeneinander.

Sie verwenden Hypnose und moderne Computer-Technologien für Ihre Arbeit. Wie hängen diese Medien zusammen?

Ich lasse mich hypnotisieren, um in ein Bild einzusteigen oder mich in ein Bild zu projizieren. So habe ich zum Beispiel eine Performance im „Artists Space“ (New York 1976) gemacht, bei der ich mein geistiges Auge in eine Zeichnung projizierte, die an der Wand hing und ich habe dem Publikum eine halbe Stunde lang beschrieben, was ich sah. Auf diese Weise habe ich damals ein Bild betreten und 12 Jahre später mache ich dasselbe, nur mit Hilfe eines Computers, der die Bilder herstellt, durch die ich gehe. Das ist dadurch viel objektiver, aber man betritt immer noch Bilder. Virtuelle Realität ist natürlich nicht Kunst, sondern nur ein Medium dafür, es ist eine Art „Monument“ der Imagination, denn wie im Traum erschafft man eine Welt, im selben Moment, während man sie wahrnimmt. Und wenn man in ein Bild eintritt, zum Beispiel beim Lesen oder wenn man etwas imaginiert, ist man sehr kreativ. Und tatsächlich, nach der Performance kamen Leute auf mich zu, die alle möglichen Ideen hatten, wo wir gewesen waren, weil ich es beschrieben hatte.

(Textfassung: Christian Muhr; publiziert in: Der Standard, 05.12.1995, S. 10)

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