Eiserner Vorhang 1998/1999

Alles lässt sich in Gestalt von Schatten darstellen. Gespräch mit Kara Walker.

AutorInnen
Hans-Ulrich Obrist

Hans-Ulrich Obrist: Was brachte Sie dazu, mit Scherenschnitten zu arbeiten?

Kara Walker: Der Scherenschnitt ist eine fast vollkommene Lösung für ein komplexes Projekt, das ich in Angriff nahm. Vor etwa sechs Jahren machte ich den ersten Versuch, aufzudecken, wie Rassismus, rassistische und sexistische Stereotypen auf oft subtile und unerfreuliche Weise unser tägliches Leben beeinflussen. Diese „Diskursform“ war im Süden Amerikas, wo ich aufgewachsen bin, besonders ausgeprägt. Hier gibt es weiterhin eine Sehnsucht nach einer romantisierten, einheitlichen „Vergangenheit“. Diese Sehnsucht hat ihre frühere Aussagekraft in Form zweifelhafter Kunstformen beibehalten...Liebesromane, pornographische Phantasien, Cartoons, alte Postkarten und Sammelfiguren. Mich hat immer interessiert, wie schwarze Menschen (allgemein ausgedrückt „Afroamerikaner“) oder ich auf bestimmte Stereotypen reagieren, und wie diese Stereotypen ignoriert, wiederbestätigt oder verstärkt werden. Der Scherenschnitt ist die prägnanteste Weise, eine Vielzahl von Interessen zusammenzufassen: Dieses Werk hängt lose mit dem „Historischen“, den „niedrigen“ Künsten und dem Alltag zusammen. Die schattenähnliche Form ist eine Wiederspiegelung unserer (bzw. meiner) Denkprozesse... Sie bietet eine halbherzige Leugnung „unreiner“ Gedanken, sie hält sich selbst für sehr höflich und wahrheitsgetreu – wie der vornehme Adel des Südens. Drittens bietet sie mir eine Möglichkeit, eine bestimmte Art von Schönheit mit einer gewaltsamen Lust zu verbinden, die manchmal selbstinkriminierend und voller Exzess ist, d.h. jeden schwarz malt.

HUO: Jedes Bild ist eine Wahrheit, die von vielen anderen Wahrheiten umgeben ist, die es wert sind, entdeckt zu werden.

KW: Oberflächlich betrachtet ist jedes Bild oft eine Lüge oder ein schlechter Witz und keine unmittelbare Wahrheit. Die „Wahrheit“ eines Bildes oder einer Situation innerhalb eines ganzen Werkes ergibt sich dann, wenn die Betrachter verleitet werden, die Leerstellen zu füllen. Dabei werden sie mit der unangenehmen Erkenntnis der bizarren und mitunter gewaltsamen Phantasien ihrer Gedanken konfrontiert.

HUO: Welche Rolle spielt Zeit in Ihrem Werk?

KW: Ich mochte immer diese anmaßenden Geschichtsbilder, die einer großen Tradition angehören. In meinen Gedanken sehe ich die „bescheidenen“ aus Papier geschnittenen Bilder, wie sie versuchen, sich zu einer GROSSEN historischen Landschaft zu formieren. In meiner Arbeit sind es aber unruhige Gestalten, die mit ihren Furzen, ihrem Erbrochenem und allgemeinen Misstrauen gegenüber einer Tradition, die sie nicht einmal schätzt, störend wirken.

HUO: Wie finden Sie die Themen ihrer Arbeit, was sind die Quellen?

KW: Die Sklavenerzählung, die eine beliebte politische Taktik zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges war. Die wahren Geschichten vom Schrecken des Sklavenlebens wurden in Form von Romanen festgehalten und zugunsten der weißen Leser authentisch dargestellt. Unschmackhafte Details (wie Vergewaltigung oder Wollust) wurden oft ausgebügelt, damit ehrbare Christen keinen Anstoß daran nahmen. Pornographische Geschichten, die bei der Sklavenerzählung Anleihen machen und die Unzulässigkeit der Sehnsucht zwischen den Rassen ohne Handlung verschönern. Themen für meine Arbeit liefert insbesondere das politisch korrekte Amerika. Die Einstellung der Menschen gegenüber Rasse zu verändern, lässt sich mit dem Versuch vergleichen, einen nassen Aal anzufassen. Etwas Glitschiges kann sich immer davonschlängeln. Vor etwa zehn Jahren wurde ein beliebter Spruch auf T-Shirts aufgedruckt: „Es ist eine schwarze Angelegenheit. Du würdest es nicht verstehen.“ Hier ist offensichtlich, dass das „Du“ im Spruch nicht schwarz ist... Also was heißt es für jemanden, der schwarz ist und immer noch nicht recht begreift, worum es da geht? Dies rief eine Reihe von typischen Assoziationen mit Schwarzsein hervor – schwarz ist unverständlich, chaotisch, etwas Rätselhaftes, etwas völlig Anderes – und mag es so. Als Folge hat jedoch alles mit Schwarzsein zu tun – oder mit Afroamerikaner-sein (für mich schwingt in diesem Begriff etwas Historisches mit, „Neger im Laufe der Geschichte der amerikanischen Länder“) bildet Quellenmaterial. Alles von Josephine Bakers proto-transgressivem Akt, zu den Beobachtungen auf der Straße, der Transkription und der Ausschmückung meiner eigenen Erfahrungen mit der „Vermischung von Rassen“, bis hin zu Spekulationen darüber, warum ein schwarzes Fotomodell eingesetzt wurde, um die Rückkehr von Weiß als neuer Herbstfarbe anzukündigen. Ich mache auch viele Anspielungen auf historische Dokumente, Minstrellieder und Abbildungen von Noten, Abbildungen, die das Leben der Sklaven dokumentieren und Flugblätter, die Werbung für den Verkauf von Frauen und Kindern machen.

HUO: Können Sie mir etwas über Ihre Zeichnungen erzählen? In welcher Verbindung stehen sie zu Ihren größeren Wandarbeiten? Gibt es Skizzen, die als Vorbereitung für diese Arbeiten dienen?

KW: Viele der Zeichnungen nehmen direkten Bezug auf die Wandarbeiten. Sie sind eine Möglichkeit, ein Thema oder eine Reihe von Themen festzuhalten und mich selbst in den Mittelpunkt zu setzen. Im Augenblick entsteht eine Reihe von Zeichnungen mit dem Titel „Negress Notes“, die einfach so entstehen, sie sind unmittelbare, halbimprovisierte Aquarelle, die fast immer Figuren darstellen, die an die Geschichte der Schwarzen in der westlichen Kunst erinnern.

HUO: Könnten Sie dazu ausführen, wie der Übergang von den Bildern zu den Arbeiten direkt an der Wand zustande kam?

KW: Das erste Mal nahm ich die Silhouetten aus dem Rahmen des Bildes für meine erste Ausstellung in New York am Drawing Center. Zuvor hatte ich weder die Räumlichkeiten noch das nötige technische Wissen, um diese originellen Papierschnitte an der Wand zu befestigen. Bilder als Objekte stellen eine Art geschlossenes System dar, und in erzählerischen Arbeiten wie meinen stellt der Rand der Leinwand das Ende der Geschichte dar: hier ist der „Sklave“, hier ist der „Meister“, der eine ist das Opfer, die anderen der Täter – Schluss.

HUO: Beziehen sich die Dimensionen Ihrer Arbeiten auf die körperliche Präsenz des Betrachters?

KW: Ich wollte ein Werk schaffen, das den Betrachter umgibt, ihn in ein unbequemes Verhältnis zu einer Art von Bildern setzt, die unsere feinabgestimmten, wohlangepassten kulturellen Glaubenssätze unterwandern. Wandarbeiten können sich leicht ausbreiten... als Erzählung verstanden, könnten sie sich nach meinem Belieben immer weiter fortsetzen.

HUO: Welche Rolle schreiben Sie dem Betrachter zu?

KW: Die höfliche Leugnung geschmackloser Handlungen, wie sie der Scherenschnitt vollzieht, stellt für den Betrachter einen Anreiz dar, herauszufinden, was sich abspielt. Diese schwarzen Formen funktionieren, trotz vieler Details, wie ein Rorschachtest – wobei die Betrachter ihre bisweilen umständlichen und bezeichnenden Interpretationen der Bilder beisteuern.

HUO: Sie sagten einmal, dass Sie am Anfang Ihrer Auseinandersetzung mit Scherenschnitten die Idee hatten, sie zu einem Zyklorama zusammenzusetzen. Sind Sie noch daran interessiert, diese Art von Raum zu finden?

KW: „‚Slavery! Slavery!’ präsentiert eine GROSSARTIGE und LEBENSNAHE panoramahafte Reise in die pittoreske Sklaverei des Südens und ‚Life at Ol'Virginny's Hole (Zeichnungen vom Leben auf der Plantage)’ bietet einen noch nie dagewesenen Blick auf die seltsame Institution! Alles aus schwarzem Papier herausgeschnitten mit der gekonnten Hand der Künstlerin Kara Walker, einer emanzipierten Schwarzen und Wegweiserin in ihrem Bereich.“

Dies war der Titel meines Zykloramas, das am Walker Art Center in Minneapolis entstand. Ich schuf diese im letzten Jahr und muss sagen, die Arbeit in einem kreisförmigen Raum war schwindelerregend. Ich hatte nur eine Woche Zeit, um es aufzustellen, und so war sie nicht so detailreich wie ein echtes Zyklorama, aber sie war dennoch epochal! Es gibt Fluchtszenen und einen Platz im Zentrum des Ortes und die geheimnisumwitterten Sümpfe des Südens mitten in der Nacht und das „fröhliche“ Sklavenleben. Ich liebe die volkstümlichen Seiten des 19. Jahrhunderts, die in dieser Art von „Kunst“ zum Tragen kommen. Ich liebe den Rausch, den es noch vor dem Kino gab, einzusetzen, um für den Durchschnittsbürger historische Bilder mit Leben zu beseelen. Es gibt die Reste eines Zykloramas, das in New Bedford im US-Bundestaat Massachusetts als Teil des dortigen Walmuseums aufgestellt ist. Das ursprüngliche Transparent, das für sie warb, war voller wortreicher Ankündigungen todesverachtender Szenen, usw., doch das Bild selbst war auf komische Weise farblos, es hatte den süß-volkstümlichen Geschmack von etwas, das von jemandem gemacht wurde, der das Drama seiner Erfahrung nicht richtig erfassen konnte. Ich kann mich irgendwie damit

HUO: Was waren Ihre Eindrücke von Wien und wie wurden sie in Ihrem Werk aufgenommen?

KW: Ich hatte viele unterschiedliche Ideen für den Eisernen Vorhang und habe sie bis heute immer wieder in Frage gestellt. Ich habe einige Zeit in Deutschland verbracht aber nur einmal verregnete Ferien in Österreich. Ich dachte, dass ich genau das machen würde, was jeder Schwarze im Urlaub tun würde: nach Zeichen meiner selbst Ausschau halten und meine Stereotypen von Menschen zusammenzählen. Die erste wohl eindeutigste Frage lautet: „Was ist mit all diesen schwarzen Dienern, die Kaffee anbieten?“. Im Amerikanischen gibt es den Spruch „I like my coffee like I like my women“ (Ich mag meinen Kaffee wie ich meine Frauen mag). Historisch betrachtet, lässt sich der Einfluss der Nazis nicht leugnen, wenn es darum geht, zu klassifizieren, zu hybridisieren und all das abzuschaffen, was diesen furchtbaren Anderen darstellt! Auf geistiger Ebene wird man mit überlegter Sorgfalt behandelt (sogar ich weiß, dass mein deutscher Ehemann und seine Familie gute Leute sind).

HUO: Könnten Sie mir etwas über die verschiedenen Elemente Ihres Projektes für den Eisernen Vorhang in der Wiener Staatsoper erzählen?

KW: Es gibt ein Bild in diesem Stück, das „Entarteter Kunst“ entnommen ist – das Bild des „schwarzen Juden“. Dieses Bild interessiert mich besonders angesichts der Kluft, die sich in letzter Zeit zwischen amerikanischen schwarzen Gemeinden und jüdischen Gemeinden aufgetan hat, die lange Zeit ein Interesse für Menschenrechte und eine Geschichte teilten. Jetzt gibt es schwarze Sekten, die von sich behaupten, die „Wahren Juden“ zu sein, und die anderen als Hochstapler abtun... Diese Hybridisierung von Schwarzen, Juden und Türken bedeutet, dass man sich nie entschuldigen muss. Ich glaube nicht, dass man ohne selbst lebend verbrannt worden zu sein, sagen kann... lassen wir's. Ich baute den Jazzspieler der Entarteten Musik ein, als Kontrast zur göttlichen Musik von Orpheus, dessen Eurydike davon marschiert, um diesen verführerischen Kaffee zu untersuchen. Ich reduzierte mein sehr amerikanisches Bild von Österreich auf eine einzige einfache Hybride: HEIDI und der Tod. (sie ist sehr klein, sehr sentimental, und in Besitz einer Sense.)

(September 1998)

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