Eiserner Vorhang 1999/2000

Eiserner Vorhang 1999/2000 von Christine und Irene Hohenbüchler

AutorInnen
Stella Rollig

INDIVIDUELLE GESCHICHTSSCHREIBUNG

130 Jahre sind vergangen, seit die Wiener Staatsoper eröffnet wurde. Welche Oper wurde gewählt, um dem Glanz des Anlasses gerecht zu werden? Das gäbe eine Quiz-Frage für eine entspannte Pausengesellschaft kundiger Besucher. Wahrscheinlich würde mancher die Antwort erraten, auch wenn er oder sie in der Chronik des Hauses nicht sattelfest wäre: Mozarts „Don Juan“ stand am 25. Mai 1869 auf dem Spielplan.

Geschichtsschreibung hebt jeweils spezifische Ereignisse heraus, um unterschiedliche Fragestellungen zu beantworten, verschiedene Kontexte zu beleuchten. Längst ist das wissenschaftliche Primat der Chronologie von Herrscherhäusern und deren Eroberungen, der Abfolge von Machtinhabern, Kriegen und Revolutionen außer Kraft gesetzt. Historiographie kann individuelle Schicksale beleuchten oder Staatsverträge, technische Erfindungen nennen oder Wirtschaftsdaten. Wohl immer wird die Lektüre solcher Geschichtssegmente systemisch ergänzt durch vorhandenes Wissen. Wer würde nicht angesichts der Uraufführung von Salmhofers „Iwan Tarassenko“ am 9. März 1938 unwillkürlich an den dritten darauf folgenden Tag denken und an die Zäsur mit all ihren Implikationen, die er für die Geschichte Österreichs bedeutet hat?

ILLUSIONEN UND REALIEN

Für ihr Bild, das in der Saison 1999/2000 die Stelle des Eisernen Vorhangs einnimmt, haben Christine und Irene Hohenbüchler sich mit der Geschichte des Opernhauses am Ring auseinandergesetzt. Wie jedes große Theater ist auch die Wiener Staatsoper eine sprichwörtliche „eigene Welt“, ein exterritorialer Ort exquisiter Illusionen. Doch die Realien der Welt bleiben nicht vor der Eingangsrampe zurück. Die Werkauswahl etwa lässt sich als Spiegel eines politischen Klimas deuten, wenn man mögliche Interpretationen der Stoffe ins Kalkül zieht – man denke nur an die Feier der Freiheit in Beethovens „Fidelio“. Der stand übrigens zwei Wochen nach dem Eröffnungs-„Don Juan“ am 10. Juni 1869 auf dem Spielplan. Andererseits gibt vielleicht auch der Anteil zeitgenössischer Werke Aufschluss über den herrschenden Geist am Hause. Jeder Kenner, jede Kennerin wird eigene Schlüsse ziehen.

PORTRAIT DER INSTITUTION

Mit Unterstützung durch die engagierte Archivbetreuung von Chefdramaturg Christoph Wagner-Trenkwitz haben die Hohenbüchlers eine Liste sämtlicher Ur- und Erstaufführungen im Haus am Ring erstellt. Jedem Komponisten ist eine andere Schrifttype zugeteilt, um ihm eine eigene Stimme zu verleihen, ein individuelles Profil. Dieser Text gibt das Gerüst für ein bildhaftes Portrait der Institution, das in transparenten Schichten aufgebaut ist. Wiederkehrendes Element ist ein blutrotes Kreuz: das Kreuz als christliches Symbol, das die Zeiten umspannt, das Tod signalisiert, den Glauben, das aber auch ganz aktuell die Rolle des Roten Kreuzes an den Kriegsschauplätzen dieser Erde in Erinnerung ruft. Als Beitrag für die Biennale in Venedig 1999 haben Christine und Irene Hohenbüchler auf den Krieg im Kosovo reagiert. Mit dem Architekten Martin Feiersinger entwarfen sie ein transportables „Mutter-Kind(er)-Haus“ für Vertriebene, das Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden soll.

MULTIPLE AUTORENSCHAFT

Ihre künstlerische Praxis haben die Hohenbüchlers kontinuierlich als „multiple Autorenschaft“ entwickelt. Ihre Arbeit, die oft in komplexen Installationen umgesetzt wird, entsteht seit Anfang der neunziger Jahre immer wieder gemeinsam mit sogenannten Randgruppen der Gesellschaft: mit Behinderten, mit Strafgefangenen, mit Psychiatriepatienten, aber auch mit Kindern. Sie nehmen einen intensiven Dialog mit ihren künstlerischen Partnern auf, und sie präsentieren deren Werke mit und in eigenen Objekten und Environments. Oft schöpfen sie aus dem reichen Fundus ihrer kulturellen Schatzkammer, wenn sie mit dichten Referenzen auf die Kunstgeschichte, auf Literatur, Philosophie und zeitgenössische Gesellschaftstheorie verweisen. Hinweise auf Fra Angelico bis Philipp Otto Runge, auf Hannah Arendt, Virginia Woolf, Michel Foucault oder Elfriede Jelinek sind in früheren Werken als Textschicht über Zeichnungen, Objekte, Möbel und Wände gelegt – zugleich offen und geheimnisvoll, klar und opak.

TROMPE L'OEIL

In ihrer Arbeit für die Wiener Staatsoper visualisieren die Hohenbüchlers die Schichtungen der Zeit und überlassen es dem Publikum, sich in die Chronik zu vertiefen und seine eigenen Konnotationen herzustellen.

Es ist ein ganz theaterhaftes trompe l'oeil, das die Künstlerinnen für die Verhüllung der tonnenschweren Trennwand zwischen Bühne und Zuschauerraum geschaffen haben. Die am Computer erzeugte Überlagerung von Farbelementen fügt sich mit der Text-Graphik zur Erscheinung eines hauchzarten Stoffes. Er scheint sich im Wind zu bauschen – dem Wind, der im berühmten Gleichnis von Walter Benjamin den Engel der Geschichte rückwärts in die Zukunft treibt, die Vergangenheit vor den aufgerissenen Augen: „Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm“.

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