Eiserner Vorhang 2016/2017

Alles ist eine Spirale

AutorInnen
Hans-Ulrich Obrist

Tauba Auerbach: Als ich die Einladung zu diesem Projekt erhielt, stellte ich mir unter einem Vorhang ein Stück Stoff vor, also etwas Weiches; doch dann erfuhr ich, dass dieser Vorhang in Wirklichkeit eine Metallwand ist. Ich wollte die unklare Identität dieses spezifischen architektonischen Elements als „Vorhang“ aufgreifen und stieß bei der Suche nach einem biegsamen Material aus festen Metallteilen auf ein Fließband in einer Fabrik und fotografierte es. Mir gefiel dieses Material auch deshalb so gut, weil es sich hauptsächlich aus zylindrischen Spiralen zusammensetzt und für mich die zylindrische Spirale etwas Erhabenes ist; sie ist die kosmische Geste schlechthin.

Hans-Ulrich Obrist: Der zylindrischen Spirale begegnet man auch in vielen deiner anderen Arbeiten, in deinen Büchern bei „Diagonal Press“, in deinen Bildern und Skulpturen.

TA: Ja, sie spielt in meiner Arbeit auf vielfältige Weise eine Rolle. Und wenn ich mich auf der Welt umsehe, taucht sie in den unterschiedlichsten Formen auf. Ich denke, dass alles eine Spirale ist, weil sich alles dreht und immer auch in Relation zu etwas anderem in Bewegung ist. Und wenn man eine Rotationsbahn mit einer Translationsbahn kombiniert, erhält man eine zylindrische Spirale. Insofern hat alles eine spiralförmige Identität, vom kleinsten Teilchen bis hin zur größten denkbaren Einheit. Was die Spirale darüber hinaus so faszinierend macht, ist die Tatsache, dass sie sich durch sich selbst winden kann; sie hat also eine Bindefähigkeit. In meinem Denken ist sie die Form, die das Universum zusammenhält.

HUO: Kannst du uns auch ein wenig über deinen Arbeitsprozess erzählen?

TA: Die Fotografie ist so komponiert, dass der „Vorhang“ auf dem Bild leicht gehoben und angewinkelt ist. Ich wollte nicht bloß sagen: Hier habt ihr eine andere Beschreibung dessen, was ihr seht. Ich wollte in dieser Wand auch eine Bruchlinie erzeugen, sie als porös präsentieren, vielleicht auch als Röntgenbild der Eingeweide von etwas anderem. Die Fotografie sollte außerdem ein wenig den Eindruck eines dieser manipulierten Weltraumbilder erwecken – eines, das Wärmeempfindlichkeit vermittelt oder Wellenlängen, die anders sind als die im Licht sichtbaren.

HUO: Ab einem bestimmten Zeitpunkt – und das ist nicht nur in Bezug auf den „Eisernen Vorhang“ relevant, sondern generell für viele deiner Arbeiten – entsteht so etwas wie ein Oszillieren zwischen 2-D und 3-D. Du sagtest, du hättest eine Eingebung gehabt, und dass du über die Fläche hinausgehen und über binäre Systeme und das Binäre zwischen dem Flachen und dem Nicht-Flachen nachdenken wolltest. Wann genau hattest du diese Eingebung?

TA: Ich denke, mein Interesse für Schrift wurde zu einem Interesse für Sprache und Logik beziehungsweise für Sprache als eine Art Heimstätte der Logik. Und da große Bereiche der Logik auf der Grundstruktur binärer Systemen beruhen, bestand mein Interesse darin, zwischen vermeintlich getrennten Zuständen ineinander übergehende Beziehungen herzustellen. Dazu gelangte ich auf unterschiedliche Art und Weise, doch eine Überlegung, die mich nicht mehr losließ, hatte mit räumlicher Dimensionalität zu tun und damit, einen Zustand zu finden, der weder eindeutig zweidimensional noch dreidimensional ist, und wenn das gelingt, dass dadurch theoretisch eine Art Portal in eine andere fraktale Dimension jenseits der drei eröffnen werden könnte ... dazu muss man wissen, dass ich immer schon vom vierdimensionalen Raum besessen war.

HUO: Du hast 2013 zum Jahr des diagonalen Denkens erklärt und auch dein Verlag heißt „Diagonal Press“. Kannst du uns ein wenig mehr über diese Besessenheit mit dem Diagonalen erzählen und wo sie herkommt?

TA: Für mich ist die diagonale Linie ein Modell für eine bestimmte geistige Bewegung – eine innere Einstellung, die ich mir vor Augen zu halten versuche, wenn ich mich durch die Welt bewege, über etwas nachdenke oder meine Arbeit mache. In einer zweidimensionalen Zeichnung stellt eine diagonale Linie die über das Papier hinausreichende Dimension dar. Sie ist ein relativ mächtiges Kürzel für etwas, das sich nicht eingrenzen lässt. Und ich finde es bemerkenswert, wie einfach wir drei Dimensionen auf zwei einschreiben, diese Reduktionen lesen und – durch diagonale Signale – diese Räume in unserem Denken wieder ausdehnen.

HUO: Ich musste auch an Marcel Duchamp und seine Bemerkung denken, dass der Betrachter fünfzig Prozent der Arbeit leistet, und daran, dass vor deinem Vorhang viele Menschen sitzen werden. Welche Rolle spielt der Betrachter/die Betrachterin für dich?

TA: Ich kann Duchamp nur beipflichten. Da es sich hier nicht um mein typisches Publikum handelt und wir einander kaum kennen, müssen wir wahrscheinlich beide mehr Arbeit investieren – so wie man sich bei einem Gespräch mit einem Fremden mehr anstrengt als mit einem Menschen, mit dem man eng befreundet ist. Die Betrachter werden auch unterschiedliche Erfahrungen machen, und zwar je nachdem, wo sich ihre Sitze befinden. Was mir an der Opernkultur missfällt, ist die damit einhergehende Zurschaustellung von Klassenhierarchie. Für diese Arbeit befinden sich die besten Sitze in den hintersten Reihen. Ich habe das Bild mit einem Druckraster bearbeitet, der so adaptiert wurde, dass die Bildauflösung für die Leute auf den billigeren Plätzen am besten ist.

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