Eiserner Vorhang

Die Eisernen Vorhänge in der Wiener Staatsoper

AutorInnen
Dominique Meyer

Die Entscheidung meines Vorgängers Ioan Holender in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Kunstverein museum in progress, nach einem Konzept von Kathrin Messner und Joseph Ortner, die große Fläche des eisernen Vorhanges durch jährlich wechselnde neu gestaltete Sujets in den künstlerischen Diskurs einzubinden, war wichtig und richtig. Und auch ich sehe in diesen zur temporären Ausstellungsfläche umgewidmeten 176 m² einen geradezu notwendigen Beitrag im Sinne des Gesamtkunstwerkes eines Opernhauses im Allgemeinen und der Wiener Staatsoper im Besonderen. Auf diese Weise wird den Besucherinnen und Besuchern eine ideale Möglichkeit gegeben, liebgewordenes Altes und herausforderndes Neues, Tradition und Gegenwart in einen sich – hoffentlich – befruchtenden Kontext zu bringen. Denn mitnichten besteht das Musiktheater im bloßen Anhören von Musik und Betrachten von Kostümen und Bühnenbildern. Vielmehr wird das Erleben des Dargebotenen erst im Zusammenklang des umgebenden Rahmens, also des Zuschauerraumes und im weiteren Sinne des gesamten Hauses, zu dem singulären Ereignis, das einem Opernbesuch innewohnt und ihm den Wert gibt, den es für uns besitzt.

Das viel beachtete und von der Bundestheater-Holding tatkräftig unterstützte Kunstprojekt „Eiserner Vorhang“, das zu seiner Entstehungszeit Ende der 1990er-Jahre heftige Kontroversen auslöste, ist in den letzten zwanzig Jahren selbst zu einer weithin anerkannten und geschätzten Tradition geworden, ohne dabei an Prägnanz und Aktualität einzubüßen. Mit mehr als 600.000 Besucherinnen und Besuchern in jeder Spielzeit erreicht das Projekt in der Wiener Staatsoper ein deutlich größeres Publikum als die meisten (Kunst-)Ausstellungen. Unsere Opernfreunde erfahren oftmals unversehens die starke und vielschichtige Präsenz der gezeigten Kunstwerke, die ihr Opernerlebnis erweitern und bereichern, während immer wieder auch Freunde der bildenden Kunst den „Eisernen Vorhang“ als Anlass für ihre Opernbesuche nehmen. Die herausragenden, von einer unabhängigen Jury (derzeit: Daniel Birnbaum und Hans-Ulrich Obrist) ausgewählten zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler nehmen in vielfältiger und inspirierender Weise auf den Ausstellungskontext Bezug. Ihre Werke sind stimmig in die Architektur der Oper eingebettet, wobei das Bühnenportal zu einem monumentalen Bilderrahmen mutiert. Wie durch eine Folie ermöglichen die „Eisernen Vorhänge“ einen neuen Blick auf das Musiktheater und die einzelnen Aufführungen, wobei das Erscheinen des jeweiligen Großbildes vor Spielbeginn, in den Pausen und nach dem Schlussapplaus den Opernabend rhythmisiert und begleitet.

Seit 1998 wurden die Werke folgender Künstlerinnen und Künstler verwirklicht: Kara Walker (1998/1999), Christine und Irene Hohenbüchler (1999/2000), Matthew Barney (2000/2001), Richard Hamilton (2001/2002), Giulio Paolini (2002/2003), Thomas Bayrle (2003/2004), Tacita Dean (2004/2005), Maria Lassnig (2005/2006), Rirkrit Tiravanija (2006/2007), Jeff Koons (2007/2008), Rosemarie Trockel (2008/2009), Franz West (2009/2010), Cy Twombly (2010/2011), Cerith Wyn Evans (2011/2012), David Hockney (2012/2013), Oswald Oberhuber (2013/2014), Joan Jonas (2014/2015), Dominique Gonzalez-Foerster (2015/2016), Tauba Auerbach (2016/2017) und John Baldessari (2017/2018).

Die Wiener Staatsoper ist stolz darauf, dass sie diese einzigartige Kunstinitiative beherbergt, zu der mir weltweit kein anderes Projekt bekannt ist, das in Form, Dauer, Qualität und Konsequenz auch nur annähernd vergleichbar wäre. In vorliegender, umfassender Publikation und in einer Sonderausstellung in Marmorsaal der Oper, beide von museum in progress unter der Leitung von Kaspar Mühlemann Hartl in Zusammenarbeit mit Alois Herrmann realisiert, kommt die äußerst erfreuliche Zwischenbilanz dieses fortdauernden Langzeitprojektes eindrücklich zur Geltung. Es ist immer wieder betont worden – und es schadet nicht, es immer wieder zu betonen –, dass Kunst, und zwar jede Form von Kunst, nur lebendig erhalten werden kann in der ständigen Auseinandersetzung mit Ungewohntem, nicht Gekanntem, Unerwartetem, durch das Beschreiten neuer Wege, durch Widerspruch und Ergänzung, damit sie wie Hans Sachs in Wagners Meistersingern sagt „in der Gewohnheit trägem Gleise, ihr Kraft und Leben nicht verlier“.

Dominique Meyer
Direktor der Wiener Staatsoper


(Der Text entstammt der Publikation „Curtain – Vorhang“, 2017, Verlag für moderne Kunst, S. 8)

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