Symposion 17

Die Gänse vom Feliferhof. Gespräch mit Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz

AutorInnen
Robert Fleck

Bundesheersoldaten sind Teil eines Konzeptkunst-Mahnmals

Robert Fleck: Ihr habt kürzlich einen bemerkenswerten und auch international wohl einmaligen Wettbewerb gewonnen: Das österreichische Bundesheer und die steirische „Kunst am Bau“-Kommission luden einheimische und ausländische Künstler für ein Mahnmal über bislang weitgehend unbekannte Nazi-Verbrechen auf dem Heeresschießplatz Feliferhof bei Graz ein. Euer Projekt soll nun verwirklicht werden.

Jochen Gerz: Ab 1941 wurden auf dem Feliferhof rund fünfhundert Menschen ohne ordentliches Gerichtsverfahren hingerichtet. Die Erschießungen fanden heimlich statt, die Leichen kamen zu wissenschaftlichen Zwecken an die Grazer Universität. 1945 entstand ein Massengrab, über das die Angelegenheit dann aufflog.

Esther Shalev-Gerz: Es war nicht ganz einfach, da mitzumachen. Uns hat überzeugt, daß Personen aus der Jury, Frau Dr. Heidemarie Uhl vom Institut für Zeitgeschichte und Oberst Manfred Oswald aus der Armee, selbst über Jahrzehnte hinweg ungeheuer viel Material von den Kriegsverbrechen zusammengetragen haben und wir fast ein schlechtes Gewissen gehabt hatten, unter diesen Umständen nein zu sagen.

JG: Das Kunstwerk soll an einem nichtöffentlichen Platz stehen, einem Übungsgelände der Armee. Doch wird der Schießplatz jährlich von zehntausend Personen frequentiert – was eine Öffentlichkeit ergibt mit einer schönen Besucherzahl selbst für ein Museum. So beschlossen wir, das Denkmal gewissermaßen in die Hände der Armee zu legen und ein neues Ritual zu begründen.

RF: Seit Eurem „Mahnmal gegen Faschismus“ in Hamburg-Harburg (1983–1991) zählt Ihr zu den begehrtesten Künstlern für neue Formen des Denkmals und Arbeiten im öffentlichen Raum. Auch Euer Mahnmal für Graz-Feliferhof hat mit ephemeren Formen und der Unsichtbarkeit als einer Bedingung von Erinnerung zu tun.

JG: Die Arbeit in Graz ist ganz einfach. Vier Fahnenstangen werden an der Stelle aufgestellt, an der die Rekruten antreten. Die ersten, die morgens kommen, ziehen die Fahnen auf. Die letzten nehmen sie wieder ab. Die Präsenz von Leuten auf dem Schießplatz wird also jeweils durch die aufgezogenen Fahnen markiert. Auf der Wiese am Hauptversammlungsplatz gibt es einen Infostand, auf dem auf eine nüchterne Art über diese Vergangenheit und die gesamte Geschichte des Feliferhofs gesprochen wird. Am Ende jeder Rekrutenzeit wird in jeder der sieben Kasernen, die Leute zum Feliferhof schicken, eine Feliferhofwand entstehen: ein Foto – wie in Eaton etwa – zeigt die Präsenzdiener unter dem Mahnmal ihres Jahres vereint. Die Fahnen werden jedes Jahr erneuert. Die alten Fahnen kommen ins Heeresgeschichtliche Museum in Wien. Für die neuen Fahnen wird bundesheerintern unter den Soldaten ein jährlicher Wettbewerb ausgeschrieben, mit einer gemischten Jury von Leuten aus dem Heer und der Kunst. Ab dem zweiten Jahr gestalten die Soldaten die Fahnen also selbst.

RF: Ihr seid mit Eurem Mahnmal gewissermaßen nur Anreger zu einem Prozeß, der einen Teil der Gesellschaft zum Handeln und zum Nachdenken über das Thema des Denkmals auffordert. Ein ähnliches Prinzip erweckte schon in Hamburg-Harburg oder kürzlich bei Eurer „Bremer Befragung“ breites Interesse, aber auch ein Konfliktpotential.

ESG: In der Ausschreibung steht an einer Stelle, daß die Armee, da es sich um ein sehr kleines Budget handle – die unangenehmen Aufgaben werden immer schlecht belohnt – auch manuelle Arbeiten übernehmen könne. Das steht im Herz des Mahnmals: Die Soldaten müssen das Aufziehen und Einholen der Fahnen dann auch durchführen. Das ist körperlich nicht schwer und dauert auch nicht lange, aber man muß es gemacht haben. Man muß daran denken.

RF: Im ersten Jahr, bevor der erste bundesheerinterne Wettbewerb über die Gestaltung der Fahnen stattfindet, schreibt Ihr jedoch die Inschriften vor?

JG: Im ersten Jahr sind unsere vier Sätze auf den Fahnen angebracht: „Auf Mut steht der Tod“, „Verrat am Land wird dekoriert“, „Barbarei ist die Soldatenbraut“, „Soldaten so heißen wir auch“.

RF: Das sind auf den ersten Blick Schocksätze, doch stellen sie auch eine direkte Beschreibung dessen dar, was auf dem Feliferhof von 1941 bis 1945 stattfand.

JG: Es geht um das Paradox, daß Begriffe wie Tradition, Disziplin, Tapferkeit, Selbstaufgabe und Gehorsam in jeder Armee präsent sind, aber auch im Zusammenhang mit Barbarei, Diktatur, Unmenschlichkeit, Folter, Morden usw. auftauchen. Unser Vorschlag dreht sich um dieses Paradox. Der Militärkommandant der Steiermark, Divisionär Manner, meinte kürzlich: „Sie machen es uns aber nicht leicht.“ Daraufhin sagten wir: „Sie machen es uns auch nicht leicht!“ Wenn man in einer Kunstschule ist, dann träumt man auch nicht davon, auf einem Schießplatz einen solchen grauenhaften Ort zu finden.

RF: Wollt lhr gerade deshalb die einfachen Soldaten zu den „Autoren“ der künftigen Fahnen machen, sie gewissermaßen in den Künstlerstatus für dieses Mahnmal erheben?

ESG: Die Soldaten sind auch Zivilisten, Staatsbürger und Leute mit einem normalen Leben. Unsere Arbeiten im öffentlichen Raum gehen davon aus, daß die Menschen heute viel informierter sind, als man sich vorstellen kann. Man liest, sieht, hört über eine ungeheure Anzahl von Dingen. Und die Leute wollen eine aktive Rolle spielen. Sobald man daran appelliert, entstehen die interessantesten Dinge. Das ist zum Beispiel im Harburger „Mahnmal gegen Faschismus“ das wirkliche künstlerische Material.

JG: Du kannst Barbarei und Verbrechen nicht ungeschehen machen, und das kann und soll und will Kunst auch nicht. Das einzige, was man machen kann, ist dieses Miteinanderleben in Richtung einer Toleranz, einer Pluralität zu erweitern. Daß die Armee nicht wieder zu einem Ort wird, der jenseits jeder Gesetzlichkeit existiert, wo das Wort Mut zum Gegenteil seiner selbst wird, wo das Wort Verrat zum Gegenteil seiner selbst wird, wo also jeder Begriff, der eigentlich in der Armee selbst geboren und gehegt wird, zum Gegenteil seiner selbst wird. Wo Tradition zu einer Karikatur von Tradition wird, usw. Das Wichtigste dabei ist, daß die Kunst selbst sich in gewisser Weise opfern muß, sie muß sich so zum Verschwinden bringen wie eine Pille, die man ins Wasser tut, daß man sie nicht mehr sieht. Was geschaffen wird, ist eigentlich nur ein Terrain für die Selbstverantwortung der Armee. Im Kontext des Friedens ist das noch viel wichtiger als im Kontext des Kriegs. Denn alles was die Armee leistet oder nicht leistet, ist im Frieden mindestens so relevant wie im Krieg.

RF: Warum heißt das geplante Denkmal „Die Gänse vom Feliferhof“?

JG: Die Arbeit versteht sich als ein Warndispositiv. Das Mahnmal existiert nicht, wenn keiner das Ritual ausführt, aus dem es besteht. Es ist also von einer Aktivität abhängig. Insofern entspricht es den Gänsen des Kapitols im antiken Rom: Es ist etwas Lebendiges, das die Funktion eines Frühwarnsystems übernimmt. Was wir normalerweise in Objekte delegieren, ist da in den Menschen drin. An dem Tag, wo sich politisch in Osterreich etwas verändert, ist es ganz klar, daß diese Arbeit nicht mehr tragbar ist. Sie würde verschwinden.


Jochen Gerz, geb. 1940 in Berlin, lebt seit 1966 in Paris. Zunächst aus der konkreten und visuellen Dichtung kommend, wurde Gerz seit 1967 zu einem der Mitbegründer der Konzeptkunst in Europa und seit dem „Dachau-Projekt“ (1972/74) zum Vordenker eines neuen Denkmalbegriffs. Zuletzt erschien von Jochen Gerz „Gegenwart der Kunst. Interviews 1970–1995“ in der „Statement“-Reihe des Verlags Lindinger + Schmid, Regensburg.

Esther Shalev-Gerz, geb. 1948 in Wilnus, Litauen, lebt in Paris. Absolventin der B.A. Bezahel Academy of Art & Design in Jerusalem, kam über Buchkunst und bildhauerische Arbeiten zu Projekten im öffentlichen Raum, seit 1984 in Zusammenarbeit mit Jochen Gerz. Zuletzt entstand „Verstreuung der Saav Ernte der Asche“ als Geschenk der BRD an die UNO in Genf. Publikation: Esther ESG: „Irreparable“, Musee de la Roche sur Yon 1996.

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