Symposion 11

Die Geschichte läuft am Wesentlichen vorbei

AutorInnen
John Latham

Die allgemeine Krise, der Zustand der Aufsplitterung als „Normalphänomen“

Betrachten wir die zwanzig Jahrhunderte der Entwicklung unserer Zivilisation: Diejenigen, die wirklich nach „Verständnis“ streben – für mich ein Grundbegriff des Weltzugangs überhaupt –, stellen verschiedene mögliche Zugänge zu dieser langfristigen Entwicklung fest. Ich habe einmal vier mögliche Wege beschrieben, diese Zivilisation in ihrer Gesamtheit zu orten. Wie immer man aber diese Zivilisation betrachten mag, ihr Selbstverständnis lief stets auf Einheit hinaus, auf eine zunehmende Einheit ihrer nationalen und transnationalen Äußerungen.

Was stellen wir dagegen am Ende dieses Jahrhunderts fest? Anstelle der schönen Einheit, die uns die Geschichte versprach, tritt und die Welt zunehmend als unzusammenhängend Anhäufung widersprüchlicher Phänomene entgegen. Der Zustand der Aufsplitterung ist zum Normalzustand unsres täglichen Lebens geworden. Ist es aber berechtigt, allein deshalb schon von einer „Krise“ oder gar von einer „kranken Gesellschaft“ zu sprechen, von einem „abnormalen Zustand“?

Wir müssen uns wohl vielmehr an die Idee gewöhnen, daß die Vorstellung einer zunehmenden Einheit, der Harmonie und Verträglichkeit der Lebenselemente, auf die die euro-amerikanische Zivilisation scheinbar hinauslief, sich allenthalben als überholt erweist. Das Verständnisproblem zwischen den verschiedenen Sprachen, das Problem der Wechselkurse, der unterschiedlichen Währungen, des Weltmarktes als einer Megastruktur, die neue Unsicherheit in der Berufsausübung und die neuen Technologien der Information, die von den weltweiten Nachrichtennetzen bis zum Internet nur scheinbar „informieren, zumindest wenn man den ursprünglichen Informationsbegriff unserer Zivilisation anwendet, der vom lateinischen „informo“: formen, gestalten, bilden, unterrichten abgeleitet ist – überall scheint mit dem postmodernen Fortschritt die Zersplitterung von Einheit einherzugehen. Dieser Prozeß bringt mit der zunehmenden Differenzierung der Tätigkeiten und Wirtschaftsbereiche selbstverständlich auch zusätzliche Energie und neues Kapital hervor, produziert also Geld und Wirtschaftswachstum. Doch wer weiß, ob diese Energie, die aus der fortgreifenden Aufspaltung der Ökonomie und der Lebensfelder hervorgeht, nicht auch die Selbstzerstörung von ebenso vielen Kapitalien und Lebensgrundlagen zur Folge hat und nicht das gleiche Geld, wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, wieder zerstört?

Diese Probleme sollten unsere Regierungen eigentlich tagtäglich herausfordern. In Wirklichkeit aber stellen wir an diesen makroökonomischen Problemen vielleicht mehr als in anderen Bereichen die Überforderung aller Entscheidungsträger unserer Gesellschaften fest. Keine Regierung scheint heute auf der Höhe dieser stattfindenden Umwälzungen zu sein.

Man hat den Eindruck, als würden diese strukturellen Revolutionen nicht mehr beherrscht, sondern gerade noch eingedämmt oder im Gegenteil in einer Politik des Schrecklichen übertrieben.

Jedes pessimistische Szenario, so ernst zu nehmen es auch in diesem Fin de siècle sein mag, ist per Definition vermeidbar. Vielleicht hat man die „Geschichte“ mit dem Postulat der Einheit als einem zunehmend erreichbaren Zustand in unserer Zivilisation auch einfach von Anbeginn falsch interpretiert.

Es scheint, als seien die Philosophie und unsere Weltbetrachtung immer noch nicht recht über die Welt eines Descartes hinausgekommen, in der der Raum und seine Überwindung im 17. Jahrhundert das grundlegende Problem darstellten. Für uns heute scheinen dagegen Vorstellungsmodelle, die die zeitliche Dimension als Basis begreifen, unumgänglich geworden zu sein. Sie sind vielleicht die einzige Möglichkeit, die heutige Welt noch zu verstehen.

Mit der Revolution der Kommunikationsmedien und der Aufsplitterung der Lebens- und Wirtschaftsbereiche vollzog sich die Emanzipation der Zeit gegenüber dem Raum, und wenn überhaupt etwas imstande ist, die Welt in einer gewissen Einheit zu erklären, so ist es wohl die verselbständigte Zeitdimension.

Die erfordert nicht zuletzt eine Neubestimmung der Position und der Rolle des Künstlers in unserer Gesellschaft. Uns erscheint es seit langem als ein besonderer Vorteil, daß die Künstler in diesem Jahrhundert sich zunehmend für die Dimension der „Zeit“ interessieren. Sie haben sozusagen als erste auf „Zeitbasis“ gearbeitet, lange vor der akademischen Welt der Wissenschaft, wo dieses Thema nach wie vor mehr oder weniger tabu ist. Die Praxis der „Artist Placement Group“, verschiedenste Künstler für bestimmte Zeiträume in Wirtschaftsbetriebe einzugliedern, zielt auch nicht auf einen „Beraterstatus“ oder eine „effizienzverbessernde Tätigkeit“ des Künstlers in dem bestimmten Unternehmen ab. Der Künstler, der solcherart aus der Isolation seines Ateliers oder seiner Werkstatt heraustritt, soll in diesem Fall einfach jemand sein, der durch seine Anwesenheit, seine Art der Arbeit und seinen Rhythmus der Tätigkeit an die notwendige andere Dimension, jene der „Zeit“, gemahnt – als Nomade und Störenfried an der Basis der heutigen Wirtschaftsgesellschaft.

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