Symposion 04

Es geht nicht darum zu provozieren. Gespräch mit Hans-Ulrich Obrist

AutorInnen
Robert Fleck

Robert Fleck: Seit September letzten Jahres organisierst Du zwei Ausstellungen im STANDARD: „Vital Use“, wobei jüngere Künstler zu Wort kommen, die selbst ein Unternehmen gegründet haben, um ihre künstlerische Arbeit produzieren zu können – bislang waren in diesem Rahmen Werke von Fabrice Hybert, Hans-Peter Feldmann und Wolfgang Tillmans zu sehen; und eine Ganzjahresausstellung von Nancy Spero, bei der die New Yorker Künstlerin einmal pro Monat ihre nicht zuletzt vom Holocaust geprägte Lebenserfahrung einbringt. Ist die Zeitung ein geeignetes Medium für Ausstellungen?

Hans Ulrich Obrist: In der Zeitung ist ein Phänomen hervorstechend: ein Bild und ein Text stehen nie alleine. Immer ist der Text vorher und das Bild nachher, oder umgekehrt. Alles besteht aus Beziehungen zwischen schriftlichen und visuellen Botschaften, aus intertextuellen und zwischenbildlichen Relationen. Es ist ein Netzwerk. Der Künstler greift in dieses Netzwerk verändernd ein. Eine Zeitung ist ja ein labiles Gleichgewicht, ein Equilibrium zwischen Werbung, Bild, Text, redaktioneller Arbeit usw. Insofern ist „Vital Use“ eine Ausstellung, die in Zwischenraum stattfindet. Die Künstler gehen in diese Zwischenräume hinein, um sie zu verändern, zu verschieben.

RF: Die Künstler begeben sich damit aber auch aus dem geschätzten Raum des Kunstmuseums auch hinein in ein Medium des unmittelbaren Alltags – ihre Werke hängen nicht mehr an einer weißen Wand, sondern müssen der Konkurrenz der Werbung und der Pressefotos standhalten. Zugleich sind ihre Werke am nächsten Tag „veraltet“, wie jede Tageszeitung vom Vortag.

HUO: Ausstellungen in einer Tageszeitung zu veranstalten hat nun schon eine gewisse Tradition. Am Anfang stand das Projekt des „museum in progress“ mit Peter Kogler, das 1989 bereits im STANDARD stattfand. Dann kam die thematische Gruppenausstellung „The Message as Medium“, 1991 von Helmut Draxler für „museum in progress“ im STANDARD und der Zeitschrift „Cash Flow“ organisiert. Seither und gerade an diesen Beispielen haben die Künstler gelernt, noch differenzierter mit dem Medium umzugehen. Es handelt sich auch um eine neue Generation von Künstlern, die wieder mit politischen und sozialen Zusammenhängen umgeht, das aber sehr sensibel, unplakativ und mediengerecht vollzieht. Es geht ja nicht darum, zu provozieren.

RF: Das „ästhetische Preisausschreiben“, das der französische Künstler Fabrice Hybert im letzten Herbst im Rahmen von „Vital Use“ im STANDARD veranstaltete, war aber doch eine Regelverletzung, auch indem Hybert das gar nicht „kunstmäßig“ gestaltete.

HUO: Jede Ausstellung stellt den Versuch dar, die Regeln leicht zu verschieben. Insofern ist es ein sehr langsames Vorgehen, da Regeln sich ja nur allmählich wandeln. Der Kunsthistoriker Hubert Damisch prägte einen wunderbaren Vergleich mit Fußball: die Geschichte der modernen Kunst sei wie ein Match Paris-Saint Germain gegen Marseille, das zum Alptraum eines Spiels ausartet, da es ein Jahrhundert dauert. Auch das Spiel „Fußball“ geht ja ständig weiter: Nächsten Samstag ist wieder ein Match und so fort. In gewisser Weise erscheint mir auch jede Ausstellung wie ein neues Match, bei dem die Regeln mehr oder weniger dieselben sind. Das ist selbst in der Tageszeitung der Fall. In einer Ausstellung geht es darum, Regeln dieser Art – Regeln der Ausstellung und Regeln der Zeitung – peu à peu zu modifizieren. 

RF: Man wirft Ausstellungsmachern aber schon seit Jahrzehnten vor, sie würden die Künstler bevormunden, würden ihnen vorschreiben, was sie tun sollen.

HUO: Es sind ja im Gegenteil die Künstler, die die Regeln permanent verletzen. Der Ausstellungsmacher verschiebt gar nichts. Er ist „dazwischen“: Er steht im Dialog mit den Künstlern und bildet dann die Passerelle – zwischen dem Künstler und dem Publikum, dem Künstler und dem Museum, und auch dem Medium „Zeitung“.

RF: Es scheint, als habe sich der Begriff der Ausstellung in der Kunst der letzten Jahrzehnte nachhaltig verwandelt. Die Ausstellung ist für viele Künstler ein eigenes Medium geworden, wie früher das Gemälde oder das Tafelbild.

HUO: Fabrice Hybert sagt ja, die Ausstellung sei eine der wesentlichen architektonischen Erfindungen dieses Jahrhunderts. Ich denke dabei nicht nur an Ausstellungsinstitutionen wie Museen oder Kunsthallen. Mich interessieren beispielsweise zumindest ebenso Ausstellungen in Institutionen, die keine Gegenwartskunst zeigen, wo die Menschen für einen anderen Zweck kommen. Da ergibt sich eine Kreuzung der Öffentlichkeiten, ein hybrides Publikum, das die Künstler aus dem Ghetto des Museums holt, ohne sie einfach auf die Straße zu stellen. Zur Ausstellung von Christian Boltanski im Stift von Sankt Gallen kam ein Publikum, das wegen der Klosterbibliothek anreiste – 100.000 Menschen übers Jahr – neben den wenigen Dutzend Menschen, die Boltanski kannten. Die Ausstellung war damit ein Zuschlag, eine Entführung dessen, was der Besucher der Klosterbibliothek erwartete. Man kann auch aktiv Strukturen schaffen, im Sinn der Überlegungen zur Fiktion des Museums, die Künstler wie Marcel Broodthears verlegt haben. So richtete ich ein „Robert Walser Museum“ ein, in Gestalt einer Vitrine in jenem Restaurant bei Sankt Gallen, in dem Robert Walser täglich speiste. Vierzehn Künstler machten da bislang eine Ausstellung. Und zuletzt gibt es die mobilen Ausstellungen, die nicht mehr an einen festen Ort gebunden sind, darunter gewisse Projekte des „museum in progress“: Die Zeitung kommt letztendes zu den Leuten ins Haus, was ein wichtiger Aspekt ist – daß die Ausstellung zu den Menschen nach Hause kommt.


Hans-Ulrich Obrist, geb. 1968 in Sankt Gallen (Schweiz), gilt als einer der innovativsten und meistbeachteten Vertreter einer neuen Generation von Ausstellungsmachern: „Küchenausstellung“ (Sankt Gallen 1991), „Der zerbrochene Spiegel“ (mit Kasper König, Wien und Hamburg 1993), „Hotelzimmerausstellung“ (Paris 1993), „Do it“ (Kunsthalle Ritter, Klagenfurt, und versch. Stationen seit 1994), „Cloaca Maxima“ (Zürich 1994), „Migrateurs“ (Ausstellungsreihe Paris seit 1993). Betreut für „museum in progress“ derzeit die Ausstellung „Vital Use“, periodisch im STANDARD. Lebt in London und Paris. Von 24. März bis 01. Mai 1995 findet in der Kunsthalle Serpentine Gallery in London seine Ausstellung „Take me (l'm yours)“ statt.

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