Symposion 02

Gewichtsverschiebung durch Bilder. Gespräch mit Nancy Spero

AutorInnen
Stella Rollig

Stella Rollig: Von Oktober 1994 bis März 1995 erscheint im STANDARD einmal pro Monat eine künstlerische Arbeit, die Sie speziell für dieses Medium und dieses Forum konzipierten. Haben Sie schon früher kunstprojekte für Tageszeitungen entworfen? 

Nancy Spero: Nicht in diesem Ausmaß. Group Material, eine Gruppe von New Yorker Künstlern und Aids- Aktivisten, lud mich einmal zu einem Kunstprojekt für die Sonntagsbeilage der New York Times ein. Doch war damals die gesamte Beilage für diesen einen Anlaß von Künstlern gestaltet worden; es wurde also eine Art „Sonderbeilage“, die ähnlich aussah wie die beigelegten Werbebroschüren vor Weihnachten. Wir Künstler waren damit wieder einmal in einen Sonderbereich abgeschoben, auf dem groß die Aufschrift „Kunst“ prangte. Mit dem normalen Funktionieren des Mediums Tageszeitung hatte das nur wenig zu tun. Das ist hier natürlich anders. Ich war überrascht, wie sehr die künstlerische Arbeit in diesem Fall in den normalen Ablauf einer Zeitung integriert werden kann.

SR: Ihre Arbeit heißt „Womanl War/Victimage/Resistance“. Was war der Ausgangspunkt?

NS: Ein Foto, das mein Mann und Arbeitspartner Leon Golub einmal fand. Es zeigt eine gefesselte, nackte junge Frau mit einer Augenbinde in einer erniedrigenden Haltung. Die Fesseln sind so brutal angelegt, daß eine Brust höher liegt als die andere. Und sie trägt eine Schlinge um den Hals, offenbar soll sie gleich gehängt werden. Unter dem gefundenen Foto stand: „Aufgefunden an einem Mitglied der Gestapo.“ Ich schließe daraus, daß der Betreffende bei der Hinrichtung der jungen Frau dabeigewesen war. Damit ist das Foto für mich obszön, im wirklichen Sinne. Extreme Pornografie.

SR: Nicht zu vergessen ist, daß Ihre Arbeit in einer österreichischen Zeitung erscheint Wir haben ja unsere eigene Nazi-Vergangenheit.

NS: Ich finde es auch tatsächlich sehr bemerkenswert, daß eine Zeitung in einem Land mit Nazi-Vergangenheit meine Arbeit veröffentlicht. Damit trete ich gewissermaßen aus der Kunstszene heraus und hinein in eine Form des öffentlichen Dialogs. Natürlich mag ein Leser einwenden, was gehe mich das als amerikanische Künstlerin an. Vielleicht wirkt es auch belehrend oder moralisierend. Aber ich habe nun einmal diese moralistische Ader, insbesondere was repressive Systeme angeht.

SR: Seit zwei Jahrzehnten verwenden Sie ausschließlich Bilder von Frauen in Ihrer künstlerischen Arbeit. 

NS: Ich wollte damals meine Kunst in Übereinstimmung mit meiner politischen Haltung bringen. Anfang der siebziger Jahre wurde uns in den ersten Arbeitsgruppen von Künstlerinnen klar, wie wenige Frauen im Kunstgeschehen geduldet wurden – bedeutende Galerien, die Lehrstühle an Kunsthochschulen und auch Kunstzeitschriften waren uns noch weitgehend versperrt. 1971 stellten wir uns als Streikposten vor der Whitney Biennale amerikanischer Kunst in New York auf – der Anteil der Frauen unter den teilnehmenden Künstlern betrug damals gerade vier Prozent! Diesbezüglich hat sich bis heute doch einiges verändert. Oder bin ich zu mild gestimmt, weil man mich 1993 schließlich doch noch zur Whitney Biennale einlud?

SR: Als Sie Ende der fünfziger Jahre aus New York weg nach Europa gingen, waren da schon Überlegungen dieser Art im Spiel?

NS: Nein. Daran dachte man erst später ausdrücklich. Ich ging damals mit Leon Golub nach Paris, um der allesbeherrschenden Stellung der abstrakten Malerei zu entkommen, die zu diesem Zeitpunkt in New York dominierte. Paris befand sich zwar schon im Abstieg, aber für uns, die inhaltliche Aussagen mit unserer Kunst transportieren wollten und realistische Mittel schützten, war es noch ein guter Ort. Wir beobachteten als Fremde die Proteste gegen den Algerienkrieg, was wohl eine unbewußte Vorbereitung auf unseren späten Aktivismus in New York darstellte, zunächst gegen das amerikanische Engagement in Vietnam und später mit den Künstlerkollegen der „Art Workers Coalition“, wo wir die Machtstrukturen untersuchten, die das Kunstgeschehen beherrschen – Museen, Galerien, Zeitschriften ... 

SR: Kunst und politisches Engagement rückten einander in Ihrer Arbeit immer näher. Ging dies langsam und allmählich vor sich oder ganz abrupt?

NS: Nein! Ich habe Männer 1975 bewußt und ein für alle Mal aus meinen Bildern verbannt. Es ging darum, die Dinge ein wenig zu verlagern. Ich hatte das Gefühl, die Welt funktioniere nicht besonders gut und als Künstlerin könnte ich vielleicht symbolisch damit beginnen, die Gewichte zu verschieben.

SR: Im Gegensatz zu Ihrer Arbeit für den STANDARD verwenden Sie sonst häufig auch Bilder von starken Frauen, die voller Freude scheinen ...

NS: ... und die feiern, die ihre Kraft ausspielen und Sinn für Chancen zeigen. Das sehen Sie richtig. Doch haben es Bilder dieser Art an sich, sich immer wieder zu verlagern, zu verändern, zu verschieben. Ich möchte, daß meine Arbeit offen bleibt – offen für alle Facetten unserer Realität.

(New York, 03.11.1994)


Nancy Spero, geboren 1926 in Cleveland, Ohio, studierte an der School of the Art Institute in Chicago (Abschluß 1949) und im Jahr darauf an der Ecole des Beaux-Arts und am Atelier André L'Hote in Paris. Zahlreiche Gruppen und Einzelausstellungen ihrer Bilder seit 1964. Spero lebt in New York.

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