Travelling Eye

Das soll Kunst sein? Über das Echo auf „Travelling Eye“.

AutorInnen
Hubertus Czernin

Es war die erste Redaktionskonferenz nach Eröffnung des museum in progress im profil. Und was da im ersten Ausstellungsraum zu sehen war, entsprach ganz und gar nicht dem Geschmack mancher Redaktionsmitglieder. Da stand, photographiert von Bernhard Fuchs, ein gelber Fiat 900 mit oberösterreichischem Kennzeichen am Rand eines Nadelwalds und nahm zwei teure profil-Seiten in Anspruch. „Das soll Kunst sein? Das könnt' ich auch! Langweiliges Urlaubsphoto!“. Die Irritation war nicht zu überhören. Kunst in einem Nachrichtenmagazin gab's ja bisher nur als Gegenstand der Berichterstattung. Aber Kunst, die nicht gleich als solche zu erkennen ist – und was soll an einem alten Fiat mit altem Kennzeichen in einem Nadelwald Kunst sein? –, das überforderte den einen oder anderen, innerhalb und außerhalb der Redaktion, um so mehr als in der Woche darauf ein Opel Ascona, dann ein Ford Transit und schließlich ein roter Toyota, allesamt in oder nahe eines Nadelwalds, zu sehen waren. Kunst? Mitten drin in einem wohl organisierten Medienprodukt wie es ein Nachrichtenmagazin sein sollte? Auf Fuchs mußte ausgerechnet John Baldessari folgen, der für Redakteure noch provokanter wirkte. Der nützte nicht einmal die ganze Doppelseite aus, ließ viel Weißraum frei, obwohl doch jeder, der journalistisch tätig ist, immer unter eklatantem Platzmangel leidet. Was für ein Sakrileg! 

Der Start des „Travelling Eye“ hätte – so gesehen – nicht erfolgreicher sein können. Zwei von 76 oder 100 oder 124 Seiten genügten, um Verunsicherung und Diskussion auszulösen. Zwei Seiten, auf die die Redaktion keinen Einfluß hatte, zwei Seiten, von denen bis zum Erscheinen niemand wußte, wie sie aussehen würden. Die Geier des Felix Gonzales-Torres beispielsweise: Viermal hintereinander ein grauer Himmel mit weit entfernten und als Geier kaum erkennbaren Vögel am Firmament – das soll Kunst sein? Hans Rauscher, der „Kurier“-Chefredakteur, der Zuhause über eine hübsche Bildersammlung verfügt, hätte das „Travelling Eye“ am liebsten sofort eingestellt. Er wird wohl nicht der einzige in der Medienbranche gewesen sein. Freiheit der Kunst im klassischen Museum, in der traditionellen Galerie, auch im Kunstbuch, aber in einem Nachrichtenmagazin, das informieren und aufklären soll, ist es mit der Freiheit auf einmal vorbei. Da kann sie zur Belastung, mehr noch zur Belästigung werden, weil sie aus jenem Rahmen füllt, an den sich unser Auge längst gewöhnt hat. 

Ich gebe zu, daß ich mit so viel Irritation nicht gerechnet habe, als mir Josef Ortner das Projekt im Frühjahr 1995 präsentiert hat. Aber gerade das Ausmaß an Verunsicherung unterstreicht erst die Dringlichkeit dieses Unternehmens. Massenmedien, auch profil, sind erwartbar: Wir kennen die Haltung eines Mediums genauso gut wie die Nackte auf Seite sechs der „Kronen-Zeitung“, wir kennen die Dramaturgie einer Zeitung/Zeitschrift, wir wissen, wohin wir Woche für Woche oder Tag für Tag schauen und sind oft nicht einmal mehr von den Meldungen/Texten/Kommentaren wirklich überrascht, da uns im Regelfall die Themen bereits aus den elektronischen Medien bekannt sind, oberflächlich zwar, aber ein Vorwissen ist vorhanden. Deshalb ist der Überraschungseffekt, den ein Projekt wie „Travelling Eye“ erzielt, auch aus der Sicht des Blattmachers etwas absolut positives: Es erweitert die Zeitschrift um eine zusätzliche Dimension, es löst mit anderen Mitteln jenen Diskurs aus, den gerade ein Medium wie profil sucht und braucht. Und über museum in progress ist sicherlich mehr diskutiert worden als über manchen profil-Artikel in dieser Zeit. Sollte profil diese Kooperation fortsetzen, was ich mir als Leser und regelmäßiger museums-Besucher wünsche, würde ich einen Rat für die Zukunft geben: Beschränkt das Museum künftig nicht auf eine Doppelseite, auch nicht auf einen Beileger, sondern nützt das gesamte Blatt. Tobt Euch aus, mitten im Leitartikel, mitten in der Anzeige, überall dort, wo der Künstler zur Formulierung seiner Kunst Platzbedarf hat – und stellt ihm einmal das komplette Heft zur freien Verfügung. profil wird das sicher nicht schaden. 

(Hubertus Czernin, Jahrgang 1956, war von 1992 bis 1996 Herausgeber und Chefredakteur des profil.)

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