KünstlerInnenporträts 05

Gespräch mit Raymond Pettibon

AutorInnen
Hudson
Hudson: Als ich zum ersten Mal Zeichnungen von Raymond sah, hat mich besonders die Kluft interessiert, die zwischen der Bedeutung der Worte und der Bedeutung der Bilder besteht. Besonders interessant fand ich, daß diese Spaltung in beinahe jeder Zeichnung sichtbar wurde, die ich sah. Ich hielt das für ein Zeichen, daß etwas ganz Besonderes und sehr Interessantes in dieser Person vorgehen mußte, der es gelingt, Raum für vielfältige Bedeutungsbereiche in jeder einzelnen Zeichnung zu schaffen. Ich hoffe, Raymond, du kannst ein wenig über dein Interesse an diesem Raum zwischen Bedeutungsvielfalt und Bedeutungslosigkeit sprechen? (...) Hast du dir vorgenommen, diese Spaltung zu erzeugen? Oder hast du gemerkt, daß sich das so ergibt, wenn du anfängst, den Text und das Bild zu mischen, und du dann entscheidest, was dich daran interessiert?

Raymond Pettibon: Das ist nichts, was wirklich von vornherein in meiner Vorstellung als Teil meiner Kunst existiert, sondern so arbeitet mehr oder weniger mein Verstand, so stellt sich mir die Wirklichkeit dar. Wenn wir hier über Bedeutung sprechen: Mir ist es nie gelungen, Bedeutung direkt zu bestimmen. Ich nähere mich ihr wahrscheinlich indirekt, umständlich. Mein Ansatz verläuft einfach über Umwege.

H: Das scheint so zu sein, denn sehr oft, wenn man eine Pettibon Zeichnung liest und das Bild betrachtet – wenn dort etwa zwei Figuren und ein Text vorkommen –, ist es typisch, daß die Koordination von „wer sagt was“, wer von beiden sagt welchen Text, völlig unklar bleibt. Es kann also auf unterschiedlichste Weise gelesen werden, und es scheint, als ließest du dem Betrachter die größte Auswahl an Möglichkeiten.

RP: Ja, und vor allem gestehe ich auch mir selbst diese ganze Breite der Möglichkeiten zu. In meiner Art zu denken gibt es normalerweise keine klare Linie. Ich würde auch nicht sagen, daß irgendeine dieser vielen Stimmen meine eigene ist. Ich neige nicht dazu, tiefschürfende Gedanken oder Ansichten zu irgend etwas zu haben, und es ist mir deshalb auch überhaupt nicht wichtig, etwas Eigenes auszudrücken. Und wenn ich es täte, dann könnten das nur viele unterschiedliche Standpunkte sein, innerhalb von nur einer Seite oder einer Zeichnung. Ich habe immer versucht, so viel wie möglich zu sagen oder Bedeutungen so weit als möglich zu öffnen. Das hat mehr mit meinen ästhetischen Vorstellungen zu tun, wenn ich dabei einen Satz oder Ausdruck aus der Einheit eines Absatzes herausnehme, um ihn dadurch zu öffnen.

H: Schreibst du auf dem Blatt im Sinne einer Erzählung, oder schreibst du auf dem Blatt im Sinne eines Bildes?

RP: Egal ob Erzählung oder nicht, egal ob auf dem Blatt oder auch nicht.

H: Ich denke, das ist ein Bereich, der noch nicht wirklich angesprochen worden ist in bezug auf deine Arbeit, nämlich die Literatur, der literarische Aspekt. Typischerweise wird von den meisten Leuten der Bezug zu Comics hergestellt, werden dort Referenzen gesucht. Ich denke allerdings, daß das letztlich ziemlich unbedeutend ist: Die Traditionen für die du dich in deinem Werk interessierst, und an die du dich annäherst, sind viel historischer als das. Es sieht so aus, als wäre dein Interesse für Literatur etwas, das im Hinblick auf dein Werk erst noch zu diskutieren sein wird.

RP: Das ganze Thema hat wirklich überhaupt keine Bedeutung für mich, denn der Zeichenstil beruht eher auf dem, was ich bei Leuten wie Milton Conneff oder Barry gelernt habe, oder er ist einfach eine allgemeine Form von komischer Illustration. In visueller Hinsicht besitzt mein Werk eigentlich nicht viele persönliche Charakteristika, und das gilt nicht nur für diesen Bereich. Grundsätzlich fange ich mit einem ganz allgemeinen, illustrierenden Stil an, aber daraus entsteht nur eine Gliederung für das Schreiben. Das ist nichts, was für sich alleine bestehen könnte, es hat für mich keine weitere Bedeutung. Soweit zur Bedeutung der Comics als Quelle von Ideen und ähnlichem: Sie existiert nicht. Es ist sehr schwer für mich, Comics überhaupt zu lesen, denn ich komme einfach nicht durch.

H: Hast du eine Kunsthochschule besucht?

RP: Nein.

H: Was hast du dann im College studiert?

RP: Meinen Abschluß habe ich in Ökonomie gemacht. ...Wir hatten eine Band, die „Deregulators“. (...)

H: Was hat dich an Ökonomie interessiert?

RP: Sie wurde zu einer Art Sackgasse für mich, denn wir erreichten gerade das Ende der Reagan-Jahre. Das war wie eine Wand gegen die man anrennt und die man die nächsten 8, 12, 16 Jahre anstarren würde – allein schon in ökonomischen Kategorien zu denken wurde etwas deprimierend.

H: Aber worin bestand dein Interesse am Anfang des Studiums?

RP: Ich glaube, Ökonomie ist fast ein besser begründeter Bereich als Psychologie, denn die Menschen sind ungemein „ökonomische Wesen“. Deshalb ist die Ökonomie für mich eine der grundlegenden Sozialwissenschaften mit großer Wichtigkeit für viele Bereiche. Als ich mich dafür interessierte, war ich noch sehr jung und wurde sehr gefördert. Doch schon zur Zeit der Inskription am College hatte ich mich bereits davon entfernt, das Interesse verloren. (...) Meine eigentliche Ausbildung ist eine eher literarische.

H: Wann hast du zu zeichnen begonnen?

RP: Ich habe immer gezeichnet, so wie ein Kind eben zeichnet, wahrscheinlich nicht viel mehr als andere. In meinem reifen Stil – würde ich sagen – zeichne ich seit 1987.

H: Und kommt in deinen Zeichnungen immer Text vor?

RP: Ja, ich mache immer noch kaum Zeichnungen, die keinen Text haben. Das war immer schon so und ist bis heute ungefähr so geblieben.

H: Manchmal machst du auch Arbeiten auf Papier, die nur aus Text bestehen. In der Ausstellung in der Galerie Metropol gibt es eine, die auch auf der Rückseite des Kataloges zu sehen ist. Ich glaube, es heißt dort: „I will always think of you“. Ich halte das für ein sehr feines Spiel mit der Tatsache, daß normalerweise der Betrachter ein Kunstwerk ansieht und dann später versucht, sich daran zu erinnern, während hier das Kunstwerk vorgibt, sich an den Betrachter zu erinnern!

RP: Diese Arbeit ist etwas zu offensichtlich und gehört wohl nicht zu meinen besten. Ich glaube, sie paßt in die Ausstellung, aber ich weiß es nicht genau. Ich müßte noch darüber nachdenken, ob sie wirklich so wie einige der anderen für sich alleine bestehen kann. Es gelingt mir nicht immer zurückzuverfolgen, was ich mir gedacht hatte, als ich etwas gemacht habe. Manchmal fällt es mir wieder ein, und ich sehe das dann in einem anderen Licht. Manchmal brauche ich dabei Hilfe, und durch das, was sich andere Leute denken, wird mir dann meine Absicht wieder bewußt. Und das kann dann zu ganz neuen Einschätzungen führen.

(Wien, Juni 1992)

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