River

Über das Großbild „River“ von Gerhard Richter

AutorInnen
Robert Fleck

Zum dritten Mal findet im Rahmen der Reihe „Vienna Strip“ von museum in progress in Kooperation mit der Kunsthalle wien und dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (Kurator Markus Brüderlin) eine Ausstellung in Form eines Großbildes statt, das über die gesamte straßenzugewandte Front der Kunsthalle wien, Wien 1, Karlsplatz, angebracht wird.

Der deutsche Maler Gerhard Richter hat dazu speziell für diese Medienfläche und den Standort im Wiener Verkehrsgeschehen eine Accrochage entworfen, die aus seinem 1995 entstandenen Bild „River“ hervorgeht.

Mit seinem vielfältigen Werk hat Gerhard Richter seit den sechziger Jahren, als er eine Variante der Pop Art schuf, und den fotorealistischen Bildern der frühen siebziger Jahre eine der bedeutendsten Positionen der Malerei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgebaut, die von eminentem Einfluß auf das heutige Kunstgeschehen ist.

Der Großbildraum „Vienna Strip“ wurde erstmals anläßlich der Ausstellung „Der zerbrochene Spiegel“ im Frühjahr 1993 mit einer speziell für diesen Ort geschaffenen Malerei-Installation des Kaliforniers Ed Ruscha („The 20th Century“) bespielt. Diese für die nächsten Jahre geplante Ausstellungsreihe wurde 1994/95 mit dem „20 Fleckenbild“ des österreichischen Künstlers Walter Obholzer fortgesetzt.

Gerhard Richter hat sich an diesem mit dem täglichen Verkehrsgeschehen einer stark befahrenen Route und mit dem historischen Ensemble des Karlsplatzes konfrontierten Ausstellungsort für die Intensivierung und Monumentalisierung des abstrakten Bildes „River“ entschieden. Gerhard Richter hat für die Bildfläche von 54 mal 10 Meter auf der Längsfront der Kunsthalle wien einen bestimmten Ausschnitt aus dem 2 mal 3,20 Meter großen Original ausgewählt, der per Computermalverfahren (CALSI System / art beko) auf die Dimension der Gebäudefront vergrößert wird.

Es handelt sich um die erste Intervention von Gerhard Richter in diesem Medium eines für die Installation auf einer Gebäudefront modifizierten und damit architektonischen Großbildes. Aus diesem Grund hat der Maler in diesem Fall auch nicht die Vergrößerung eines gesamten Bildes gewählt vor einigen Monaten in Dresden, wo eines der bekannten „Kerzenbilder“ (1982/83) von Gerhard Richter zur öffentlichen Ausstellung kam, sondern für seine erste Intervention in den öffentlichen Raum nach der Dresdner Erfahrung und nach den mit Sigmar Polke und Konrad Fischer durchgeführten, happeningähnlichen Ausstellungsinszenierungen der frühen sechziger Jahre den bewußten Eingriff durch ein Gemäldefragment in den Stadtraum gewählt.

Die „abstrakten Bilder“ von Gerhard Richter sind Teil eines vielfältigen Werks, das in allen Bereichen vom gegenständlichen Bild aus fotografischen und historischen Vorlagen („Ema-Akt auf einer Treppe“, 1966; „48 Porträts“, 1971-72; Landschaften und Wolken nach Motiven der deutschen Romantik, seit 1969) bis zum geometrischen und gestisch abstrakten Bild (seit 1966 bzw. 1972) sämtliche Möglichkeiten der Malerei auf der Grundlage der Formensprache der modernen Kunst durcherprobt, wobei der Maler in jedem einzelnen Gemälde seine unverwechselbare Konzeption des Bildes transportiert. Die „abstrakten Bilder“, aus kontrollierten gestischen Verfahren hervorgehend, sind daher nicht als expressionistische Äußerungen im Sinne des Tachismus oder als Festlegungen auf das abstrakte Bild als einzige Perspektive der Malerei im Zeitalter der Postmoderne mißzuverstehen, sondern sie verstehen sich als ein mögliches Erscheinungsbild unter anderen einer konzeptuell und theoretisch durchdachten Malerei „nach der Moderne“, die wieder die ganze Breite der Malerei klassischer Zeitalter erreicht. Gerhard Richter ist heute der Hauptzeuge für ein solch weitgespanntes, zukunftsoffenes Feld der Malerei.

Zugleich hebt sich das Werk von Gerhard Richter von anderen Positionen der „Malerei nach der Moderne“ dadurch ab, daß der Künstler von Anbeginn an das Verfahren der Bildreproduktion wie kein anderer auch für die abstrakten Bilder ins Zentrum einer malerischen Praxis stellte, die aus diesem geänderten Ausgangspunkt heraus wieder die historische Tiefendimension der Malerei zurückerobert. Aus diesem Grund bildet die Installation auf der Längsfront der Kunsthalle wien auch keine technische „Anwendung“ eines Bildes von Gerhard Richter, sondern einen weiteren Schritt jener Reproduktion, die bereits im Malverfahren des betreffenden Bildes selbst angelegt ist. Christian Boltanski meinte nach dem Wien-Aufenthalt für seine Ausstellung in der Kunsthalle vom letzten Sommer, das Großbild an der Längsfront sei „ein großartiges Medium für Maler“. In dieser Richtung hat auch Gerhard Richter das Projekt an der Großwand wahrgenommen: „Meine zwei großen Striche sind die Vergrößerung von Entwürfen, die ich nur zu diesem Zweck gemacht hatte. Das Bild für die Wiener Kunsthalle dagegen ist eine Reproduktion, noch dazu die eines Details aus einem Bild. Es wird also ein ganz neues Bild und zwar auch deshalb, weil seine Urheberschaft eine ganz andere ist. Vielleicht lassen sich auch mal Ausstellungen viel besser und publikumswirksamer mit Reproduktionen statt mit Originalen inszenieren.“

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