gefüllt 1993

gefüllt 1993

AutorInnen
Judith Fischer

Für den neuen Firmensitz von ABB im Business Park Vienna hat der österreichische Künstler Walter Obholzer gemeinsam mit dem museum in progress ein situationsbezogenes und raumgreifendes Projekt entwickelt. Ein auf Aluminiumplatten aufgetragenes und an der Wand befestigtes Kreis-Muster zieht sich vertikal durch das ganze Gebäude.

Diese in sich immer wieder variierte dreiteilige Bildanordnung mit dem Titel „gefüllt 1993“ – eine Anhäufung zweifärbiger Kreisringe – wird zuerst auf einer Wand der Eingangshalle großzügig präsentiert und zieht sich dann als eine Art Wirbelsäule durch die einzelnen Stockwerke am Platz vor den Lifttüren. Die vertikale Anordnung der Tafeln übereinander vermittelt den Eindruck eines von oben angefüllten Gefäßes. Im Empfangsbereich der Chefetage plaziert der Künstler ein Bildobjekt – eine zu einer Box gefaltete bemalte Aluminiumplatte.

Das Projekt, welches auf einer Kooperation zwischen dem Auftraggeber ABB und dem museum in progress basiert, garantiert dem Künstler weitgehende Handlungs- und Entscheidungsfreiheit und ermöglicht ihm eine konzise Fortsetzung seiner Arbeit.

Walter Obholzer formuliert im Rahmen des vorgefundenen Kontextes seine eigene malerische, formale und inhaltliche Position. Der Künstler ändert durch die Umstände des Ortes sein ästhetisches Vokabular nicht, sondern entwickelt syntaktisch und symbolisch komplexe Varianten. Ihm selbst geht es dabei um ein „Eindringen in den Ort“. Er verbindet seine ornamentale Malerei mit der Architektur.

In seiner Wandarbeit verwendet Obholzer einen aus zwei Komplementärfarben zusammengesetzten Kreisring als symbolisches Ornament. Der Kreis ist gleichzeitig etwas Offenes und Geschlossenes. Er ist Bewegung, Drehung, Aktivität, Zirkulation und doch feste, verläßliche Form. Er ist die Versöhnung binärer Logik, er vereint, was sich auszuschließen scheint und zeigt, daß alles sich notwendig ergänzt.

Die Kreisringe haben auf jeder Wandtafel einheitliche Größe. Zwar sind die einzelnen Elemente der Form nach aber sie sind in einem je anderen Status der Drehung fixiert. Im Zusammenhang ergeben sich für das Auge der Betrachter Verbindungen und Wellen, Linien, Gewirr und Gewebe. Die Komplementärfarben verstärken Umspringeffekte (z.B. von horizontalen auf vertikale Strukturen).

Statt die harmonische Gleichmäßigkeit eines Musters zu erzeugen, betont der Künstler die Eigenbewegung der Elemente. Die auf den ersten Blick chaotisch rhythmische Abfolge bildet auf den zweiten Blick lesbare komplexe Ordnungen. Die Art und Weise, wie Obholzer hier das Verhältnis von individueller Bewegungsfreiheit und kollektivem Ergebnis thematisiert, bringt Form und Bedeutung zur Deckung.

Die Installation verweist als abstraktes mehrteiliges Schaubild auf die Struktur des ABB – Konzerns, ein weltweit tätiges Unternehmen mit vielen dezentralen Einheiten. Obholzers Matrix betont die Bewegung der einzelnen Elemente und das gleichzeitige Entstehen komplexer Verbindung und Liniennetze. Aber die Bilder verwehren sich nicht ausdrücklich gegen den leichtfertigen Blick, der sie als reine Dekoration wahrnimmt. Die komplexe Struktur und die Funktion der Arbeit als simuliertes Parallelphänomen zeigt sich erst dem aktiven Betrachter.

Walter Obholzer bleibt in seinem künstlerischen Statement sachlich. Suggestiv und sensibel schafft er durch bewußte Setzung die Möglichkeit, dekorative Elemente als Zeichen und Sinnbilder zu lesen. Neben der visuell-ästhetischen Komponente erhält das Bild so potentiell ethische Qualität.

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