Der Fallschirm ist integraler Bestandteil des Oeuvres von Clemens Wolf (*1981 in Wien). Das technische System zur Beherrschung der Vertikalen, zur Kontrolle im freien Fall wird bei Clemens Wolf zum Fall der Kunst, zum Medium der Auseinandersetzung mit der Form und dem Momentum. Faltungen werden durch Verwendung von Epoxidharzen fixiert und damit der von ihm bestimmte plastische Zustand im Moment materiell fixiert. Die Bewegung des Stoffes wird zur Form, die Falte und damit das Kunstwerk selbst wird zum gespeicherten Momentum. In diesem Resonanzraum erscheint Raising Parachutes nun als Schubumkehr: Als Flagge im Wind tritt das Material des Fallschirms wieder in Bewegung.
Raising Parachutes ist der 42. Beitrag zu raising flags. Clemens Wolf verwandelt gebrauchte Fallschirme in Flaggen und damit in öffentliche, bewegte Zeichen. Auf der Stubenbrücke und der Aspernbrücke werden jeweils 4 Flaggen gehisst, die das Material von Fallschirmen auf beide Orte gespiegelt verwenden. Das Material der Fallschirme, ursprünglich vertikal im Einsatz, zur Reduktion der Geschwindigkeit, wird zu Medium und Inhalt der Flagge, und beschleunigt vom Wind getragen das Signal seiner ursprünglichen Verwendung. Die vertikale Funktion des Fallschirms wird zum Kunstfall und erfährt durch seine Verwendung als horizontal umfunktioniertes Flaggensignal der Kunst einen funktionellen Tracking Turn, die Umwandlung der Fallrichtung in der Sprache der Fallschirmspringer.
Der Wind aktiviert die erstarrte Form. Was bei den Arbeiten von Clemens Wolf oftmals plastisch fixiert wird, beginnt als Fahne erneut zu reagieren. Die Oberfläche faltet sich, entfaltet sich, spannt sich und fällt in sich zurück. Mit jedem Augenblick entsteht eine andere Konstellation. Das Material bleibt dasselbe und erscheint doch unablässig neu. Vertikale und horizontale Farbfelder greifen die visuelle Grammatik von Nationalflaggen auf und überführen das ursprüngliche Material der Fallschirme in eine neue Zeichenform. Ihr Erscheinungsbild entsteht erst in der Bewegung: im Wechsel von Sichtbarkeit und Verdeckung, Spannung und Entspannung, Fülle und Zusammenfallen.
Die Bewegung der Flagge setzt auch die Reflexion über das von ihr Signalisierte in Bewegung. Das Zeichen ist nicht von seiner materiellen Erscheinung zu trennen. Jede Bewegung verändert das Bild; jede Veränderung verschiebt die Wahrnehmung. Die Flagge wird zu einem Signal, dessen Inhalt sich durch seine Modulation immer neu hervorbringt.
Damit berührt Raising Parachutes eine zentrale Dimension von Wolfs künstlerischer Arbeit: die Frage, wie sich ein flüchtiger Zustand bewahren lässt, ohne dabei die Flüchtigkeit selbst aufzuheben. Die gebrauchten Fallschirme tragen eine Vergangenheit in sich. Nähte, Verfärbungen, Abnutzungen, Reparaturen und Falten verweisen auf eine Geschichte, die anwesend ist, ohne vollständig lesbar zu sein. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich.
Die Flagge wird damit zu einem paradoxen und polyvalenten Objekt: Sie bewahrt und verändert zugleich, ist Bild und Körper, Zeichen und Material, Fläche und Bewegung. Raising Parachutes sind gleichzeitig Fallschirm und Flagge, Skulptur und Bild, Material und Zeichen, Objekt und Ereignis. Der Fallschirm verweist auf Fall und Aufstieg, Freiheit und Risiko, Sicherheit und Kontrollverlust. In seiner Transformation zur Flagge werden diese Bedeutungsfelder nicht aufgelöst, sondern gleichzeitig wirksam.
„Die Differenz ist zugleich der Ursprung und das Ziel der Wiederholung.“ Gilles Deleuze
In Raising Parachutes wird diese Differenz sichtbar: Jede Wiederholung erzeugt eine neue Erscheinung. Jede Bewegung verändert das Bild. Die Flagge ist damit nicht nur ein Zeichen im öffentlichen Raum, sondern bewegtes Zeichen in der Bewegung der Zeit.







