Blickt man ins blau-weiße Pinselstrichgewirr von Herbert Brandls Tableau, fragt man sich: Schau ich nach oben oder nach unten, seh ich den Himmel oder das Meer? Herbert Brandl, der zu den wichtigsten Malern seiner Generation zählt und mit dessen Tod 2025 ein einflussreicher internationaler Vertreter der non-figurativen Malerei von uns gegangen ist, hat mit seiner Kunst stets die Möglichkeiten zwischen dem Figurativen und Abstrakten erforscht. Statt sich für das eine oder andere Gebot zu entscheiden, hat er virtuos beide Herangehensweisen beherrscht oder wie hier miteinander kombiniert. Die Originalvorlage zu diesem Vorhang in der Wiener Staatsoper ist zehnmal kleiner und stammt vom Acrylgemälde aus einer Serie, an welcher Brandl über einen längeren Zeitraum mit großem körperlichem Einsatz gearbeitet hat. Die weißen Spuren lassen uns an Wolken erinnern, sind ursprünglich aber die energetische Übertragung von Brandls Bewegungen, sind gestische Malerei. Kenner seines Werkes und Person wissen, dass er sehr naturverbunden war und diese gerne intensiv mit Touren im Gebirge oder an geschützten Gewässern wie der Sulm erleben wollte.
Tatsächlich ließ sich Herbert Brandl hier von den Sequenzen des Programms „Space Night“ inspirieren, das seit 1994 das eintönig-statische Testbild an Europas TV-Bildschirmen einnimmt. Er nutzte diese spektakulären Aufnahmen der NASA und ESA als kraftvolle, dynamische Inspirationsquelle einerseits des Formenzaubers wegen, andererseits aber auch wegen der Frage, wie sich die Welt für uns von oben, von „außen“ her anfühlt. Diese Frage ist eine der Sehnsucht und so alt wie die Menschheit selbst. Die Antwort darauf jedoch erst knappe 65 Jahre: Der Kosmonaut Juri Gagarin hat 1961 als erster Mensch die Weltkugel verlassen und von außen betrachten können. Aber wirklich massentauglich ins kollektive Gedächtnis gedrungen ist diese Perspektive 1968 mit der Aufnahme Earthrise des Astronauten Wilhelm Anders auf der Apollo 8-Mission, welche den „Erdaufgang“ hinter dem Mond zeigt. Eine komplette Ansicht der Erde entstand erst 1972 auf dem Apollo 17-Flug und der damit bislang letzten bemannten Mondlandung durch die Linse von Harrison Schmitt unter dem Namen Blue Marble, der blauen (Glas-) Murmel. Earthrise und Blue Marble sind Ikonen des kollektiven Menschheitsgedächtnis, und noch weit mehr: Sie haben unsere Selbstwahrnehmung auf der Erde und unser Verhältnis zu ihr komplett revolutioniert! Ironischerweise sind es gerade diese Bilder, die uns auf Kosten eines extremen Ressourcenverbrauchs auf die Endlichkeit über-lebensnotwendiger Rohstoffe angefangen haben zu sensibilisieren. Sie sind zum Symbol der Ökologie-Bewegung schlechthin geworden und ein Mahnmal darauf, dass es nur eine bewohnbare Erde in unserem Universum gibt.
Obwohl die 1968er-Protestbewegung der Mondlandung insgesamt eher skeptisch gegenüberstand, waren es erstaunlicherweise doch diese Bilder einer „Selbstbegegnung der Erde“ (Günther Anders, 1969), die zu Ikonen für die nachfolgende Umweltbewegung werden sollten. Sie zieren in unterschiedlichen Varianten den wiederholt (1969, 1971, 1980) aufgelegten und von Stewart Brand herausgegebenen Whole Earth Catalog, eine beeindruckende Gebrauchsanweisung für autarkes Leben, in der so bedeutende Persönlichkeiten wie der Architekt Richard Buckminster Fuller genauso Beiträge verfassten wie Astronomen und Landwirte. Der himmlische Blick auf die Erde wird hier – nicht ohne eine Prise Ironie – in der Präambel deutlich als Ausgangspunkt für einen kreativen Evolutionssprung des Menschen fixiert: „We are as gods and might as well get good at it.“ Mit der wachsenden Verantwortung, die dem Menschen angesichts der gravierenden Konsequenzen der Klimaerwärmung zukommt, erhält diese Aussage neue Sprengkraft, denn ob die Erde für Menschen in mittlerer und ferner Zukunft bewohnbar bleibt, wird im Wesentlichen von uns selbst abhängen.
Es ist dieser Perspektivenwechsel, das Verlassen und Fliegen über der Erde, der so genannte „Overview-Effekt“, der Herbert Brandl so faszinierte und uns ermöglicht, gemeinschaftlich über die Fragilität des Lebens nachzudenken. Kein anderer wie der Philosoph Emmanuel Levinas brachte es so deutlich auf dem Punkt: „Das Bewundernswerte an Gagarins Heldentat ist sicher nicht sein ‚Luna Park‘-mäßiger Auftritt, der die Massen beeindruckt; es ist auch nicht die sportliche Leistung, weiter als die anderen gekommen zu sein und die Weltrekorde in Höhe und Geschwindigkeit gebrochen zu haben. Was am meisten zählt, ist die wahrscheinliche Erschließung neuer Formen des Wissens und neuer technologischer Möglichkeiten […] Doch was vielleicht noch mehr zählt, ist, dass er diesen Ort verlassen hat.“ (Levinas in „Gagarin, Heidegger und wir“, 1961). In einem Satz zusammengefasst: Gagarin ist der Inbegriff des Exils, ein Mann ohne Wurzeln in einer kosmischen Wüste ohne Horizont und ohne Ende. Exil, welcher Art auch immer, ist eine Extremform der Einsamkeit, und doch muss es immer im Verhältnis zur Gemeinschaft gesehen werden, ja erhält erst in Bezug zu ihr seinen Sinn. Bemannte Mondfahrten, welche die letzten 30 Jahre unmöglich und wenig erstrebenswert erschienen, sind wieder aktueller denn je und für 2028 geplant. Und wir leben heute in Zeiten größtmöglicher und vielfältigster Interessensgemeinschaften, wo jede/r ihre oder seine Community findet, und nie mehr Gefahr läuft, einsam zu werden. Aber der Kontext für diese Gemeinschaft, das Internet, befördert paradoxerweise auch das genaue Gegenteil, und zwar die Vereinzelung bzw. die damit einhergehende Einsamkeit. In einem Podiumsgespräch von 2019 der kalifornischen „Long Now Foundation“ nehmen der hier bereits erwähnte Gegenkultur-Held Steward Brand und der Bestsellerautor Ian McEwan, der da gerade “Machines Like Me” veröffentlicht hatte, die Overview-Perspektive ein und kommen zu folgendem Schluss: Langfristig sei die Gemeinschaft in der realen Welt nicht ersetzbar. Darum gehen wir nach wie vor ins Kaffeehaus, ins Kino, ins Museum, in die Oper: Wir können diese Orte alle von den unterschiedlichsten Makro- und Mikroperspektiven sehen, aber tatsächlich erleben können wir sie nur auf eine Weise, mit den Sinnen unseres Körpers vor Ort.
Eiserner Vorhang 2026/2027
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