ALTER ECO

ALTER ECO – Fâ – Das Andere im Wind des gemeinsamen Hauses

Romuald Hazoumè verbindet in seinen Werken westafrikanische Traditionen mit zeitgenössischen ökologischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Momenten des Alltags entnommen, tragen seine Objekte Spuren eines geteilten Lebens, nicht als Abbilder, sondern als kraftgeladene Sinnbilder, die sich von ihrem Ursprung lösen und in uns weiterwirken.

Für die Klimabiennale zeigt der Künstler Symbole basierend auf dem Fâ, einem jahrhundertealten Wissens- und Divinationssystem der yorùbásprachigen Kulturen Westafrikas, das zum UNESCO Kulturerbe1 zählt. Sie wirken als wertvolles Instrument der Lebensbewältigung, verankert in einer kosmischen Ordnung und einer Metaphysik von Naturkräften und Ahnenwissen. Am Ufer des Wiener Schwedenplatzes entfalten diese kraftvollen Zeichen ihre universelle Gültigkeit im Wunsch nach Rückbesinnung und Orientierung für unsere Gemeinschaft. Ihre spirituelle und epistemische Dimension verleiht diesen Flaggen, die sich in die Fâ-Serie des Künstlers einfügen, eine Bedeutung, die weit über ihr ursprüngliches Umfeld hinausreicht und sie zu einer global anschlussfähigen Erfahrungs- und Denkpraxis werden lässt.

Hazoumès Flaggen werden zu Bild-Membranen, die sich zwischen innen und außen öffnen, zwischen Oikos (griechisch οἶκος / ECO: das Haus, das wir teilen) und dem Anderen (ALTER), dem Gefüge aus Wegen, Stoffen, Atem und Arbeit. Dem Wind überlassen, verlassen sie den Raum allen Besitzes.2 Was uns dabei begegnet, ist nicht das Andere selbst, sondern was das Andere in uns bewegt.

Das Ich formt sich am Anderen,3 am Gegenüber – nicht um es zu besitzen, sondern um Verantwortung zu übernehmen. Die Flaggen halten diese Spannung offen; sie lassen das Andere fremd und gerade darin wirksam. ALTER ECO, kein Eins-Werden – kein Abgrenzen – kein Zurückziehen – (No) Funny Games. Hazoumè thematisiert ein Leben in gegenseitiger Berührung, in dem jede Bewegung Spuren4 hinterlässt. Die Flaggen wehen nicht nur als Zeichen an unserem gemeinsamen Haus. Sie zeigen uns: Die Anderen sind nicht draußen, sondern Teil dessen, was wir teilen.
 


1 Das Fâ-System (vgl. Ifâ) wurde 2005 durch die UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt und 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit übernommen. Vgl. Unesco, Ifa divination systemhttps://ich.unesco.org/en/RL/ifa-divination-system-00146 (Zugriff: 13.02.2026) und Unesco, Incorporation of items proclaimed Masterpieces in the Representative List, 01.10.2008: https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000234698_eng (Zugriff: 13.02.2026).
2 Der „Raum allen Besitzes“ verweist auf das Konzept der Commons bzw. des Gemeinguts (oikos). Im römischen Recht wird dieses als res communis bezeichnet – Dinge, die allen zur Nutzung offen stehen, etwa Luft oder Wasser – und bildet die Grundlage des Commons-Gedankens in der europäischen Tradition.
3 Laut Martin Buber ist das Ich keine innerliche, abgeschlossene Substanz, sondern entsteht im Dialog: „Der Mensch wird am Du zum Ich“, denn „alles wirkliche Leben ist Begegnung“. Vgl. Martin Buber, Ich und Du, Werkausgabe, Bd. 1, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 15f.
4 Vgl. Jacques Derrida: „Die Spur ist nicht nur das Verschwinden des Ursprungs, sondern besagt, dass der Ursprung nicht einmal verschwunden ist. Sie hat sich immer nur im Rückgang auf einen Nicht-Ursprung konstituiert und wird damit zum Ursprung des Ursprungs. Die Spur ist demnach die notwendige Bedingung für die Konstruktion von Ursprung und Bedeutung, existiert aber selbst als Differenzierung ohne festen Grund.“ Aus dem Französischen von Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1974, vgl. Originalausgabe, Jacques Derrida, De la grammatologie, Éditions de Minuit, Paris, 1967, S. 90.

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