Eiserner Vorhang 2025/2026

Zusammenhalt als Stärke – El Anatsui im Gespräch

Hans-Ulrich Obrist: Für Deinen Eisernen Vorhang bist Du zu den runden Tabletts zurückgekehrt, die man häufig auf den Märkten Ghanas findet und die schon in Deinen allerersten Werken auftauchen, entstanden nach dem Abschluss der Kunstschule. Warum hast Du überhaupt begonnen, damit zu arbeiten?

El Anatsui: Nach dem britischen Curriculum der Kunstschule von Kumasi wollte ich aus meiner eigenen Kultur und meinem Umfeld schöpfen. Ich stieß zufällig auf diese Tabletts und nahm sie zum Ausgangspunkt, kombinierte sie mit Adinkra-Symbolen, die ich in die Oberfläche einbrannte. Nachdem ich erst in jüngerer Zeit aus Nigeria nach Ghana zurückgekehrt bin, beschäftige ich mich wieder mit den Tabletts. Die Adinkra-Symbole haben mich fast mein ganzes Leben lang dazu angeregt, abstrakt zu arbeiten, doch nun versuche ich die Tabletts zu nutzen, um die menschliche Form zu verstehen.

HUO: Du verbindest die Tabletts mit anderen Elementen aus Holz.

EA: Ja, in der Gegend um mein Atelier in Tema liegen überall alte Paletten herum. Wie bei den Markttabletts besteht eine Verbindung zum Handel, zum Import und Export.

HUO: Indem Du diese beiden Elemente miteinander verbindest, bringst Du auch die Form der Akuaba-Fruchtbarkeitspuppen ins Spiel. Hunderte von ihnen blicken uns in der Oper entgegen. In gewisser Weise ist es ein Publikum, das einem Publikum gegenübertritt.

EA: Im realen Leben tragen Menschen die Akuaba-Puppen auf dem Rücken; hier treten sie zum ersten Mal einem Publikum gegenüber. Fruchtbarkeit und Musik sind beides schöpferische Akte. Die offenen Märkte Afrikas sind ein wahres Theater, jedoch mit ungezügelten, unkontrollierten Geräuschpegeln. Im Theater kann es totenstill sein oder laut zugehen. Zwei Kulturen werden hier also zusammengebracht, die unregulierte Kultur des Marktes und die kontrollierte Kultur des Theaters – um zu sehen, was passiert.

HUO: Gilles Deleuze hat über Wiederholung und Differenz geschrieben, und mir scheint, dass beides in Deinem Schaffen eine wesentliche Rolle spielt.

EA: Ich schaffe Vielfalt durch Wiederholung. Die Flaschenverschlüsse, die Tabletts und Holzpaletten sind sich wiederholende Formen und Elemente, ähnlich den unterschiedlichen Gruppen eines Orchesters. Ich sehe mich als Dirigent, der entscheidet, wann welche Gruppe des Orchesters einsetzt, um eine Kunst zu erschaffen, die für den Geist nicht eintönig wirkt, sondern durch die richtige Mischung Diversität entstehen lässt.

HUO: Auch die Erinnerung ist ein wichtiger Aspekt Deiner Arbeit.

EA: Die Erinnerung ist in den Tabletts und Paletten überaus gegenwärtig. Alles, was ich in meiner Kunst verwende, trägt die Erinnerung an menschliche Berührung in sich. So verleiht zum Beispiel der Geruch von Fischen, die einst auf diesen Tabletts lagen, dem Werk zusätzliche Kraft. Deshalb ist das Arbeiten mit diesen Tabletts, die so reich an Tradition sind, für mich interessant, weil sich über die Jahre so viel Geschichte in ihnen angesammelt hat. Das macht die Werke auch so beredt.

HUO: Gleichzeitig hast Du gesagt, dass Du Wert auf freie Interpretation legst, dass das Werk uns überall hinführen kann.

EA: Ja, es soll dem Werk überlassen bleiben, uns in ganz unterschiedliche Richtungen zu führen, denn als Menschen tragen wir alle unterschiedliche Erfahrungen und Erinnerungen in uns.

HUO: Dein Eiserner Vorhang wird zu einem wichtigen Element in der Architektur dieser Wiener Oper.

EA: Der Vorhang ist wie eine Wand. Ich habe schon mehrfach über Wände gesprochen, die sowohl verbinden als auch trennen. Der Vorhang trennt das Publikum von der Aufführung und verbindet es zugleich mit ihr. Die Wiener Oper ist mit den größten Musikikonen der Welt verbunden, angefangen bei Mozart und Strauss. Mein Projekt stellt somit eine Verbindung von europäischer und afrikanischer Kultur her.

HUO: Du hast einmal gesagt: „Was das Tuch für Afrikaner bedeutet, sind die Denkmäler für die Menschen im Westen“ – und der Eiserne Vorhang ist auch eine Art Stoff.

EA: Dieses Zitat geht auf die Künstlerin Sonya Clark zurück. In Afrika wahrt Textiles das Andenken an Ereignisse, Menschen und andere wichtige Dinge.

HUO: Der Vorhang unterstreicht auch den Übergang von freistehenden skulpturalen Objekten zu eher raumgreifenden Installationen an Wand und Boden. Okwui Enwezor nannte dies „Triumphant Scale“.

EA: Wie kam der „Triumphant Scale“ in meine Arbeit? Ein einzelnes Tablett wirkt nicht triumphal, also bin ich dazu übergegangen, sie in Gruppen von bis zu zehn zu zeigen. Das ist bereits deutlich größer als eine herkömmliche Leinwand. So entstand auch die Idee, mit einer großen Anzahl von Objekten zu arbeiten, vor allem im Fall der Holzleisten und Flaschenverschlüsse. Weil sie so klein sind, muss ich sie miteinander verbinden, um eine Bildwirkung zu erzielen. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, mit einer Vielzahl an Elementen und der unregelmäßigen, zusammengesetzten Form zu arbeiten. Schließlich entwickelte sich die Idee des „Triumphant Scale“ aus diesem Arbeitsprozess, durch die Vielzahl der Elemente, die ich zusammenbringen muss, um zum Ausdruck zu bringen, dass Stärke im Zusammenhalt liegt.

HUO: In unserer stark polarisierten Welt ist der Gedanke von Zusammenhalt als Stärke auch politisch.

EA: Ja, er ist politisch, betrifft aber nicht nur Menschen, sondern alle Lebenssituationen. Ameisen kommen zusammen, um Dinge hochzuheben, die ein Vielfaches ihres Gewichts wiegen. Ein Rudel Waldhunde kann es mit Löwen aufnehmen!

TOP