Eiserner Vorhang 2025/2026

XOHANAMI

Mit XOHANAMI, seinem jüngsten Werk für die Wiener Staatsoper, kehrt El Anatsui zu seinen Anfängen als ein in westlicher Theorie und Praxis geschulter Künstler zurück, dem es stets darum ging, mit den Materialien und der Formensprache seiner eigenen Kultur zu arbeiten.

Das Opernpublikum sieht sich bei diesem Bild einer Anhäufung von unbelebten Objekte gegenüber, die Figuren gleichen, mit Köpfen aus runden Markttabletts und Körpern aus Holzpalettenfragmenten. Sie sind so angeordnet, dass eine menschenähnliche Präsenz entsteht, jede mit eigenem Charakter: Ein Spalt im Holz suggeriert einen Mund, oder Gebrauchsspuren lassen an ein Auge oder eine Nase denken. Man hat den Eindruck, dass diese riesige hölzerne Menge uns als Zuschauende wahrnimmt und unseren Blick vielmehr erwidert, als unser passives, voyeuristisches Schauen hinzunehmen. Das Bild begründet gleichsam einen Dialog: eine Versammlung stummer Gestalten, die in ihrer Reglosigkeit das vor ihr versammelte Publikum spiegelt, mit einer Gegenwärtigkeit, die sich unheimlich und doch vertraut anfühlt.

Beim Betrachten des Bildes möchte man vermeinen, selbst vor Publikum auf einer Bühne zu stehen. Ganz vorne erscheinen die Gestalten klar definiert, doch schweift der Blick weiter über die Menge noch oben, treten sie zurück und verschwinden in der Masse gleichförmiger Holzköpfe. Anatsui vermittelt dem Opernpublikum das Gefühl des Auftretens, des Beobachtet-Werdens, der Rollenumkehr von Darstellenden und Betrachtenden zwischen den Akten, wenn der Vorhang wieder sichtbar wird. Er hält der Szenerie auf diese Weise einen metaphorischen Spiegel vor, macht den Zuschauenden bewusst, welche Position sie einnehmen.

In der Volkskunst Ghanas verwurzelt, bildet Anatsuis XOHANAMI einen starken Kontrast zum prächtigen, reich dekorierten Zuschauerraum der Wiener Staatsoper. Die Sprache im Inneren der Oper ist speziell durch Materialien – Vergoldung, schmückenden Stuck, roten Samt – codiert, die in der europäischen Kultur seit jeher Luxus bedeuten. In diese Kulisse setzt Anatsui mit Bedacht ein Bild aus hölzernen Gegenständen aus dem westafrikanischen Lebensalltag, etwas ganz und gar „Andersartiges“ von weit außerhalb der österreichischen Kultur. In den 1970er-Jahren, als er die Markttabletts erstmals in sein Schaffen aufnahm, setzte er sie als Wandtafeln ein. Mithilfe glühender Eisenstäbe gravierte er Adinkra-Symbole der Akan-Kultur in die Oberfläche: Bildmotive, die für Sprichwörter, kulturelle Werte und philosophische Inhalte stehen.

Fünfzig Jahre später, bei der erneuten Beschäftigung mit demselben Material, lässt Anatsui nun die Tabletts unverziert. Die verwitterten Oberflächen und Spuren tagtäglicher Verwendung berichten Geschichten vom Alltag, die keiner zusätzlichen Verschönerung bedürfen. Im Rohzustand belassen, erzählen sie von den Orten ihrer Herkunft, den Märkten, die Anatsui als „pulsierende Bühnen des täglichen Lebens und Austausches“ beschreibt. Damit lässt er die Rhythmen der westafrikanischen Alltagserfahrung in einen Dialog mit den glanzvollen Entwürfen und Narrativen der traditionellen Oper treten.

Die in XOHANAMI dargestellten Figuren erinnern auch an die Grundform von Akuaba, Fruchtbarkeitspuppen des Volksstamms der Fante aus der Ethnie der Akan in Ghana. Diese Puppen zeichnen sich durch große, scheibenförmige Köpfe und schmale Säulenkörper aus. Traditionell werden Akuaba von Frauen, die schwanger werden möchten, verwendet; man glaubt, dass sie der Gesundheit und Attraktivität künftiger Kinder zuträglich sind. Für seine Komposition hat Anatsui eigens zusammengebaute Figuren vervielfältigt, um sie in ihrer Wirkkraft zu stärken: eine übliche Vorgehensweise in seinem Schaffen, die er vor allem dann einsetzt, wenn er im großen Maßstab arbeitet. So erzielt er beispielsweise mit seinen viel beachteten Skulpturen aus Flaschenverschlüssen durch den repetitiven Einsatz einfacher Alltags­elemente eindrucksvolle Effekte. In großer Zahl zusammengefügt, werden diese Abfallprodukte zu breiten Bahnen opulenter Draperien verwoben. Bei seinem Opernprojekt, bei dem Anatsui nun zum ersten Mal mit einem realen Vorhang arbeitet, bedient er sich eines ähnlichen Ansatzes: Unter der Verwendung und wirkungsvollen Vervielfältigung vorgefundener Formen aus dem Alltag erfüllt er Objekte, die ansonsten in den Müll wandern würden, mit neuer Präsenz und Menschlichkeit.

Insgesamt regt XOHANAMI das Publikum, das während der bevorstehenden Opernspielzeit kommen und gehen wird, zur Innenschau an. Indem Anatsui den Besucherinnen und Besuchern den eigenen Blick bewusst macht, fordert er sie auf, die eigene Position im Raum zu überdenken. Gleichzeitig führt der Künstler eine im Wiener Opernhaus unübliche Bildsprache ein, die wichtige Fragen aufwirft: Wer oder was kann Räume wie diesen einnehmen? Wie lässt sich Andersartigkeit darin erkennen und verhandeln? Die Frage des Andersseins scheint heute besonders dringlich: Wer gilt des Lebens, der Kultur und Freude würdig? Und wie gehen wir mit dem um, was uns fremd ist?

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