Eiserner Vorhang 2020/2021

Carrie Mae Weems: Where I enter...

AutorInnen
Deborah Willis

Angeregt von der vielseitigen Geschichte der Schönheit in bildender Kunst, Fotografie, Architektur und Mode, setzt die in Syracuse (New York) lebende Konzeptkünstlerin Carrie Mae Weems einen Augenblick der Sinnesfreude in Szene. Sie imaginiert Welten der Fülle, die zu gedanklicher Einkehr und stiller Betrachtung animieren. Weems wurde mit ihren Fotografien und der Performativität ihrer Foto- und Videokunst, die den Blick auf das Leben der schwarzen Bevölkerung weltweit richtet, international rezipiert und hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Wiener Staatsoper bildet den idealen Rahmen für dieses Bild, zumal die großformatige Fotografie Konzepte der Bühne und der Inszenierung von Schönheitscodes wiedergibt und gleichzeitig kostbare Momente sowie wörtlich gemeinte und symbolische Kostbarkeiten erkundet.

Schönheit geht in der Oper oft ebenso von den auf der Bühne stattfindenden Aufführungen aus wie vom Bühnenbild, den Kulissen, Kostümen und den Schauspielerinnen und Schauspielern selbst. In dieser Fotografie wird Schönheit durch die in der Bildmitte platzierte Kultsängerin Mary J. Blige (Queen B) inszeniert, einer mit Edelsteinen und Perlen geschmückten schwarzen Frau im Pelz, die ihre Schönheit in einem ovalen Spiegel mit einer Rückwand aus rotem Samt begutachtet und sich ihrer vergewissert. Ich stelle mir vor, wie die Zuschauerinnen und Zuschauer in diesem Opernhaus die Monumentalität schwarzer Schönheit auf der Bühne der Welt schätzen, während sie, auf ihren Plätzen sitzend, die Objekte der Schönheit auf Weems’ Fotografie auf dem eisernen Vorhang betrachten.

Sehr bewusst setzt Weems Sinnbilder oder Codes des Begehrens ein – vom Aufgebot frischer Pfingstrosen und rosafarbener Rosen über die den Spiegel spiegelnden ovalen Rahmen mit Krone und Diadem bis hin zu den Marmorbüsten des Künstlers Kehinde Wiley, die historische Werke des 18. und 19. Jahrhunderts in Miniaturform nachbilden. Zahlreiche geschichtliche Metaphern, Verflechtungen und Zusammen hänge ergeben sich aus der Verwendung eines Tyi-Wara-Kopfschmucks der Bambara aus Mali, der den Wohlstand und die Leistung jener würdigt, die Land nutzbar gemacht haben. Auf dem reich verzierten Kaminsims ist eine sitzende geschnitzte Ebenholzfigur aus Nigeria zu sehen. Durch Kristall, Silber, mit Goldborten eingefasste Kissen, Polsterstühle und geschmückte Marmorwände vermittelt Weems Opulenz. Der auf dem Bild in Erscheinung tretende „ausgestopfte“ weiße Schwan steht für Schönheit und Anmut. Mit diesem Wechselspiel von Historie und Metapher verweist Weems auf das Narrativ des Balletts Schwanensee, das den Eleganzbegriff auslotet, welcher in diesem Bild stilsicher und opulent zur Geltung kommt. Weems setzt auf die Aussagekraft von Architektur und Innenräumen und lädt den Betrachter/die Betrachterin ein, einen Raum der Macht zu betreten.

Weems ist sich dessen gewahr, was die Schaffung eines „Environmental Portrait“ – eines „Umgebungsporträts“ – bedeutet, das uns Raum zum Träumen gibt, das neue Identitäten und Vorstellungen zulässt, die Freiheit, die Welt gleichzeitig zu bewahren und umzugestalten. Angesichts des Globus auf dem Tisch ergibt sich auch der Gedanke an Herrschaft und die Vermessung neuer Räume, in denen Örtlichkeit neu gedacht werden kann. Weems zaubert für den Betrachter/die Betrachterin und für Queen B eine imaginäre Welt hervor, indem Sinnesfreude und Fortschritt, Begehren und Möglichkeit durch Schmuck, einen Designer-Trainingsanzug und eine Hochsteckfrisur, welche die Schönheit der Dargestellten unterstreicht, ins Bild gesetzt werden. Die reich mit vollmundigen Früchten, Käse, Beeren und Brotlaib gedeckte Tafel bereitet dieser Inszenierung, welche mit der Geschichte der Negierung schwarzer Schönheit aufräumt, die Bühne.

Carrie Mae Weems’ Bild ist durchdrungen von der Nostalgie und Romantik klassischer Kunst, von einer Geschichte der Kulturen, Rassen und Geschlechter. Darauf verweisen ikonische Bezugnahmen auf weltweit erfolgte Eroberungen und Übergriffe. Weems hinterfragt sowohl historische als auch zeitgenössische visuelle Narrative, die andere als privilegiert darstellen, indem sie schwarzen Stil und schwarze Klasse im symbolträchtigen Umfeld der Oper ins Rampenlicht rückt. Indem sie unseren Blick auf schwarzen Wohlstand und schwarze Schönheit richtet, verschafft Weems schwarzen Frauen aus aller Welt und allen Zeiten Präsenz und ihren Platz. Die Fülle und Komplexität dieser vielsagenden Fotografie vermitteln eine Überschneidung von politischer Körperlichkeit mit Populärkultur und Ästhetik. In der Serie „Eiserner Vorhang“ werden Theater, Mode und Kunst einer Neuinszenierung unterzogen, um neue Geschichte(n) zu schreiben und neue Narrative der Gegenwart zu imaginieren. Auf Weems’ glamourösem, idealisiertem Porträt nimmt der schwarze Frauenkörper einen ebenso prominenten Platz in der Kunstgeschichte ein, wie ihn die Dargestellte in der Musik innehat. In diesem idealen Setting hat die Künstlerin eine vielschichtige Geschichte der Schönheit konstruiert und sichtbar gemacht.

(Deborah Willis)

Der Titel „Where I enter..." bezieht sich auf die Publikation von Paula J. Giddings, When and Where I Enter: The Impact of Black Women on Race and Sex in America, 1984.

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