Reise zu den Quellen

Die Interkulturalität heutiger Kunst

AutorInnen
Robert Fleck

Die Realität der zeitgenössischen Kunst ist seit dreißig Jahren vom Moment der Interkulturalität geprägt. Dieses Phänomen, das sich in drei oder vier Momenten zusammenfassen lässt, wird von der „immateriellen Ausstellung“ REISE ZU DEN QUELLEN in eine praktische Form umgesetzt. Worin besteht diese „Interkulturalität“ heutiger Kunst? Die Antwort verteilt sich im Wesentlichen auf zwei Bereiche. Zum einen bezieht sie sich auf die moderne Kunst insgesamt. Dass die künstlerische Moderne im 20. Jahrhundert, und insbesondere in der zweiten Jahrhunderthälfte, zu einer internationalen Kunst geworden sei, die sich nicht mehr auf ein Land beschränken und auch nicht mehr aus einer Isolation auf eine lokale Szene heraus von hohem Niveau betreiben lässt, ist seit den fünfziger Jahren fast sprichwörtlich geworden. Das aber heißt konkret, dass nicht zuletzt die Originalwerke der modernen Kunst – anders als noch vor hundert Jahren – über die ganze Welt verstreut sind und es unter dem Grundsatz, dass das Studium nach Originalwerken weiterhin zum essentiellen Faktor jeder künstlerischen Ausbildung zählt, für jeden (jungen und alten) Künstler heute vorrangig wird zu reisen, um die Originale in Paris, New York, Tokio oder Indianapolis einmal zu sehen. Ebenso aber ist es heute eine Binsenweisheit, dass das Kunstgeschehen ganz allgemein international geworden ist, sodass das Reisen heute auch für jeden Künstler, der bloß lokalen Rahmen überschreiten will, zur Berufsverrichtung zählt. Daneben aber ist die zeitgenössische Kunst auch in einem zweiten Sinn interkulturell geworden. Seit 10 Jahren, zumindest aber seit dem Ende der Teilung der Welt im Kalten Krieg, ist die zeitgenössische Moderne nicht allein mehr eine „Westkunst“ wie zuvor, sondern besteht aus einem Dialog der Kulturen, in dem der Raum außerhalb der euro-amerikanischen Zivilisation eine zunehmende Rolle spielt. Ebenso wie die Originale aber sind diese Kulturen lediglich aus einer eigenen Anschauung zu erfassen. Damit wird der heutige Künstler noch in einem dritten Sinn buchstäblich zu einem reisenden Wesen. Das Projekt „Reise zu den Quellen“ bilanziert dieses Phänomen erstmals, woraus auch ein Aufforderungscharakter hervorgeht: für den Künstler als intelligenten Nomaden.


Paris, Jänner 1994 
Robert Fleck
 

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