KünstlerInnenporträts 11

Gespräch mit Matt Mullican

Denys Zacharopoulos: Ist Ihre Kindheit Teil Ihres Werkes ?

Matt Mullican: Ja, ich denke schon, wenn auch nur insofern, als sie die Basis meiner Persönlichkeit bildet. Da mein Werk sich mit dem Subjektiven beschäftigt, wird die Kindheit dort automatisch wichtig. Aber klarerweise ist meine Erinnerung an sie sehr verschieden von dem, wie sie war. Meine Kindheit verändert sich ständig, von Jahr zu Jahr werden mir andere Aspekte bewußt. Zum Beispiel habe ich gerade eine Arbeit unter Hypnose gemacht und mich dabei in das Alter von fünf Jahren versetzen lassen. Das war sehr interessant, denn ich hatte das schon einmal gemacht und diesmal tauchte ein ganz neues Bild von mir als Kind auf. Und auch dieses wird sich in einem Jahr wieder ändern! (...)

DZ: In Ihren Arbeiten bleiben einige Parameter immer konstant. Zum Beispiel bleiben in Ihren „Strichfiguren“ die Linien immer ziemlich gleich.

MM: Ja, sie sind Signaturen, es ist eine Art des Schreibens. Auch in meinen Diagrammen und schaubildartigen Gestaltungen bleiben einige Elemente unverändert, und das ist mir wichtig. Ich würde nicht jeden Tag etwas komplett Neues machen wollen. Zeichen werden nur durch ihren Gebrauch wirksam. Würde ich meine Zeichen jede Woche ändern, könnten sie keine Kraft oder Präsenz gewinnen. (...) Sie haben mit dem Verhältnis zu Dingen und Personen zu tun und sind sozial begründet. Es ist interessant, daß Leute immer meinen, die Zeichen selbst könnten ständig verändert werden. Aber es ist nicht so, daß ich sie erfinde... jeden Tag neu erfinde.

DZ: Können Sie aus allem ein Zeichen machen?

MM: Ja, denn ein Zeichen ist so etwas wie ein Wort. Natürlich, Sie können Zeichen machen, egal welches. (...) Es ist dasselbe wie mit der Kunst: Wenn wir uns Kunst im Sinne eines Objekts vorstellen, also daß die Kunst irgendwie in einem Objekt verkörpert ist, und daß genauso die Bedeutung in einem Zeichen verkörpert ist. Aber so ist es nicht! Sie besteht in unserer Beziehung zum Objekt. Dort „ereignet“ sich die Kunst, das ist ein Prozeß. Wir glauben, auf eine beinahe magische Weise sei in einem Objekt irgendeine Form von Kunst verkörpert und Zeichen verkörperten irgendwie diese Bedeutung. Aber die Bedeutung liegt nicht im Zeichen, sondern in uns selbst. Eben wie Farbe nicht Kunst ist oder eine Leinwand nicht Kunst ist. Also das Zeichen ist nicht selbst bedeutsam, sondern erst meine Beziehung zu ihm, dadurch erst wird es mit Bedeutung aufgeladen.

DZ: Können Sie uns Ihr Modell der „fünf Welten“ erklären?

MM: Ich habe diese Uhr hier die ganze Zeit über getragen. Würde ich einen Hammer nehmen, sie in kleine Stücke zerschlagen und sie dann in einer Bratpfanne einschmelzen, wären das zwar noch immer Teile meiner Uhr; aber es wäre keine Uhr mehr, sondern, im Sinne meines Werkes, Materialität ohne Bedeutung – wenn man davon sprechen kann, daß Materialität ohne Bedeutung existiert. Das ist die grundlegende Welt und die ist grün.
Die nächsthöhere Welt ist die „normale“ Welt , die „ungerahmte“ Welt, in der ich meine Uhr vorher getragen habe, ohne an sie zu denken, sie gleichsam nur unbewußt gebraucht habe. Ich machte mir keine Gedanken über sie, sie war in Gebrauch. Das ist die blaue Welt, in der man sein Leben ähnlich einem Automaten führt – ohne Verantwortung oder Bewußtsein dafür.
Die nächste Welt weiter oben ist die gelbe Welt, die ich die „gerahmte“ Welt nenne. In der gelben Welt gehe ich so vor, daß ich die Uhr zeige; sie kann auch an der Wand hängen, Teil eines Spiels sein oder in einem Film vorkommen. Man schaut auf diese Uhr, jeder beobachtet sie: In 30 Sekunden fliegt das Haus in die Luft, alle müssen raus – die Uhr wird wichtig. In dieser Welt ist meine Uhr nicht länger nur Materialität, sondern wird zum Symbol, repräsentiert kulturelle Hierarchien, sie wird alles mögliche, aber in jedem Fall ein Symbol. Die Uhr ist eine Rolex oder von Cartier, steht für Reichtum oder ist eine Art Swatch und wird gesammelt, jedenfalls funktioniert sie symbolisch.
Die nächste Ebene ist die von „schwarz und weiß“ und der Sprache. Hier braucht man die physische Uhr nicht einmal mehr, stattdessen gibt es das Bild, das Zeichen, das Wort einer Uhr. Die Uhr wird also transformiert, transferiert in den Bereich des Nicht-Physischen, Virtuellen, Imaginären, Fiktionalen, was auch immer, also in das Reich der Sprache.
Und die letzte Welt ist rot und leer, es ist die des Subjektiven, d. h. hier geht es nicht um das Wort Uhr oder die Sprache, sondern um die Beziehung zwischen mir und der Uhr, um meine physische Reaktion auf die Uhr: Sie ist Teil meines Lebens. Hier haben wir Bedeutung ohne Materialität und sind gewissermaßen am anderen Ende angelangt. Die eine Seite wäre zu sagen, Bedeutung gibt es nicht ohne Materialität, die andere Seite, Materialität existiert ohne Bedeutung. Wir haben hier Möglichkeiten, alles zu interpretieren, wobei es nicht so sehr um die physische als um die interpretative Welt oder Welten geht, denn sie existieren alle nebeneinander. Das hat weniger mit dem Objekt zu tun, denn das Objekt kann unverändert bleiben, es geht vielmehr um unsere Beziehung zu diesem Objekt, auf die zu achten ist. Lustigerweise ist da kein Ende in Sicht, das kann ewig weitergehen. (...) Ich habe mich hypnotisieren lassen, um in ein Bild einzusteigen oder mich in ein Bild zu projizieren. Ich habe zum Beispiel eine Performance im „Artists Space“ gemacht, bei der ich mein geistiges Auge in eine Zeichnung projizierte, die an der Wand hing. Ich begab mich in die Zeichnung und beschrieb dem Publikum eine halbe Stunde lang, was ich in diesem Bild gesehen habe. Auf diese Weise habe ich damals ein Bild betreten und zwölf Jahre später mache ich dasselbe, nur mit Hilfe eines Computers, der die Bilder herstellt, durch die ich gehe. Das ist dadurch viel objektiver, aber man betritt immer noch Bilder...
Ich erschaffe während ich mich weiterbewege. Es ist wie mit dem Raum in einem Traum, denn im Traum findet und erfindet man im selben Moment. Im Traum bin ich der Gestalter, alles passiert in dieser einen Sekunde, in diesem Moment, ich erschaffe und finde es zur gleichen Zeit, beides koexistiert. Und wenn man in ein Bild eintritt, zum Beispiel beim Lesen oder wenn man etwas imaginiert, ist man sehr kreativ. Und tatsächlich kamen nach der Performance Leute auf mich zu, die alle möglichen Ideen hatten, wo wir gewesen waren, denn wir waren dort gewesen weil ich es beschrieben hatte.

(Wien, Dezember 1992)

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