Robert Fleck
Neugestaltung des "Eisernen Vorhangs". Vom statischen Medium zum lebendigen Museumsraum

Veränderungen in der Oper

Im Verlauf eines halben Jahrhunderts haben sich auch für die Oper einschneidende Veränderungen ergeben. Das Repertoire hat sich erneuert. Unter dem Einfluß des modernen und postmodernen Theaters ebenso wie auf musikalischem Gebiet durch die Erneuerung der Interpretationsweisen und durch die Ausbildung neuer Hörgewohnheiten im Zusammenhang mit der zeitgenössischen Musik erfuhr die Gattung tiefgreifende Wandlungen. In diesem Sinne erwartet das Publikum von der Wiener Staatsoper die Bewahrung der Tradition ebenso wie Relevanz für die Gegenwart. Eine Oper, die nicht in Bewegung ist, erstarrt wie jedes Aufführungstheater, das keine Veränderung zuläßt. Für die Wiener Staatsoper gilt dies um so mehr, weil sie vorgegeben ist, unter den großen internationalen Häusern zu sein.

Der äEiserne Vorhangô

Als der bestehende äEiserne Vorhangô von Rudolf Eisenmenger 1954/55 entstand, war das Werk in der Öffentlichkeit umstritten. In dem rein österreichisch ausgeschriebenen, nichtöffentlichen Wettbewerb war nach Urteil der Jury kein einziger Entwurf befriedigend. Eisenmengers Werk entstand nach mannigfaltigen Veränderungen als akzeptabler Kompromiß. Heftiger Ablehnung aus politischen und künstlerischen Gründen stand damals das ausgewogene Urteil des bekannten Kunsthistorikers Wieland Schmied gegenüber: "Ein Wettbewerb, über den man Ungutes genug gehört hatte, hat mit einem tragbaren Kompromiß seinen Abschluß gefunden. ... Der Entwurf Eisenmengers ... wird sich, obwohl er nach unserem Geschmack für sein Thema - die Macht der Musik - doch zu wuchtig ist, gut als dekorative Grenzlinie zwischen Zuschauerraum und Bühne ausnehmen." (Die Furche vom 18. Dezember 1954)

Neue Technologien

Seither sind knapp fünfzig Jahre vergangen, die auch in der bildenden Kunst tiefe Spuren hinterließen. Neue Technologien erlauben auch neue Arten der Ausstellung. Selbst das Medium äEiserner Vorhangô muß heute nicht mehr statisch aufgefaßt werden. Das Projekt der Neugestaltung von museum in progress in Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper strebt eine neuartige Behandlung der Herausforderung äEiserner Vorhangô an, die auch international noch keine Parallele besitzt. Sie wird auch außerhalb Österreichs als große Innovation im Opern- wie im Kunstbereich Beachtung finden. Pro Saison wird ein zeitbefristetes künstlerisches Werk vor den bestehenden äEisernen Vorhangô gespannt. Diese werden von zeitgenössischen KünstlerInnen durch die Auswahl einer internationalen Jury anerkannter KunstexpertInnen entwickelt. In den folgenden vier Opernsaisonen (1998/99, 1999/2000, 2000/2001, 2001/2002) wird während der Opernsaison (zehn Monate) jeweils eine internationale Künstlerpersönlichkeit unserer unmittelbaren Gegenwart eine persönliche Vision des äEisernen Vorhangsô der Wiener Staatsoper vortragen. Die Großbilder werden mit neuen technologischen Verfahren (Calsi System, Magneten) vor den äEisernen Vorhangô gespannt. Die Ansicht des äEisernen Vorhangsô wandelt sich mit jeder Saison, ähnlich wie der Wechsel der Inszenierungen im Opernbetrieb. Der bereits bestehende äEiserne Vorhangô wird nach präzisen konservatorischen Studien bewahrt und jeweils in den Sommermonaten weiterhin ausgestellt. Bei der nunmehr beschlossenen Erneuerung und Dynamisierung wird der äEiserne Vorhangô weder ausgewechselt oder zerstört noch wird das Werk abgehängt oder übermalt.

Der äEiserne Vorhangô als lebendiger Museumsraum

Der bestehende äEiserne Vorhangô wird in Hinkunft nur ergänzt und in eine dynamische Wandlung eingebracht. Die Gestaltung aus dem Jahre 1955 hat einmal pro Jahr eine andere, angesehene internationale Künstlerpersönlichkeit zu Gast. Die 16 Tonnen schwere Brandschutzwand wird aus einem statischen, ein für allemal eingefrorenen Medium zu einem lebendigen Museumsraum. Dies stellt auch ein zusätzliches Angebot der Wiener Staatsoper an das Publikum dar. Bei einem Opernbesuch im Abstand von zehn Monaten erlebt man nun nicht mehr nur ein anderes Opernwerk. Auch die großflächige bildnerische Realisation wird regelmäßig gewandelt sein, die den Zuschauer in Gestalt des äEisernen Vorhangsô vor Beginn der Aufführung, in der Pause und am Schluß der Aufführung in der kontemplativen Erfahrung des Opernerlebnisses begleitet. Die wichtigste Innovation des Projektes von museum in progress und der Wiener Staatsoper besteht in der Auffassung des äEisernen Vorhangsô als eigenständigem Medium und potentiellem Museumsraum. Weit entfernt davon, eine bloße kunstgewerbliche Gestaltungsaufgabe darzustellen, bildet der äEiserne Vorhangô die Voraussetzung für ein Bilderlebnis und für Darstellungsmöglichkeiten, die kaum eine Parallele in anderen Betrachtungssituationen besitzen.

Historisches

Der äEiserne Vorhangô setzte sich als mobiler Brandschutz zwischen Bühne und Zuschauerraum nach dem Brand des Wiener Ringstraßentheaters weltweit durch. Ebenso wie das Bühnenbild, das gleichwohl ganz anderen Gesetzen unterliegt, wurde der äEiserne Vorhangô rasch von Künstlern als neues Medium erkannt. Die moderne Kunst kannte mehrere, zum Teil utopische Projekte zu diesem Thema.

In den Jahren 1954/55 betraf die öffentliche Diskussion um den äEisernen Vorhangô der wiederaufgebauten Staatsoper nicht zuletzt die Frage, ob moderne Kunst für eine solche Aufgabe geeignet wäre oder nicht. Mehrere Entwürfe wurden im damaligen Wettbewerb mit der Begründung ausgeschieden, rein abstrakte Bildsprachen seien für das Thema ungeeignet. Zum Anderen gingen Gerüchte und Vorgespräche um, die eine Bereitschaft von Marc Chagall und Oskar Kokoschka betrafen, mit der Wiener Staatsoper für Bühnenbilder bzw. den äEisernen Vorhangô zu kooperieren. Rückblickend muß man wohl feststellen, daß der Zeitpunkt auch international für eine Beteiligung radikaler Moderne an solchen Aufgaben damals noch nicht reif war. Selbst in Paris war die Moderne noch nicht anerkannt. Französische Museen besaßen praktisch kein Werk von Marc Chagall. Als im September 1964 dann schließlich Chagalls berühmtes Deckengemälde in der Pariser Opéra Garnier eröffnet wurde, das André Malraux als Kulturminister durchgesetzt hatte, führte dies noch immer zu einem landesweiten Skandal. Erst in den sechziger und siebziger Jahren haben sich Öffentlichkeit und moderne Kunst nachhaltig versöhnt. 1989 war es bezeichnenderweise bereits kein Thema mehr, als der abstrakte Avantgarde-Maler Cy Twombly den Eisernen Vorhang der neuen Opéra Bastille gestaltete.

Neues Bilderlebnis

Die besondere Betrachtungssituation der Besucher, die vor dieser künstlerisch gestalteten Bildfläche von ca. 176 m² auf die Aufführung warten, unterscheidet sich grundsätzlich von einer klassischen Gemäldeschau. Das Bild ist im Fall des äEisernen Vorhangsô in eine ungemein dichte architektonische Situation eingebunden. Zudem sieht der Betrachter das Werk mehrfach in Bewegung. Es verschwindet und seine Wiederkehr rhythmisiert den Abend. Dies alles erfordert vom jeweiligen Künstler ein sensibles Eingehen auf eine Situation, die in mancher Hinsicht sogar eine ideale Betrachtungssituation für Bilder und Malerei darstellt.

Innovative Lösungen

In den letzten fünf Jahrzehnten wurde es zum Gemeingut der Malerei, aktiv auf den umgehenden Raum einzugehen und den Umraum gewissermaßen in den symbolischen Raum des Bildes einzubeziehen. Die Integration fotografischer Techniken, von Siebdruck, Computerverfahren und Sprache in die Malerei hat ein neues Verhältnis der Kunst zur Wirklichkeit und zur heutigen Lebenserfahrung geschaffen. Zudem ist die traditionelle Gattungsgrenze zwischen "reiner" und "angewandter" Kunst gefallen. Sie hatte das Medium äEiserner Vorhangô noch 1955 eindeutig, selbst in der Ausschreibung und in der Konzeption des schließlich realisierten Werks, dem Bereich des Kunstgewerbes zugeordnet. Heute sind Grenzüberschreitungen reiner Malerei in dekorative und angewandte Bereiche und umgekehrt längst eingeführt worden. Daher sind von den eingeladenen KünstlerInnen durchaus radikal gewandelte Lösungen für den äEisernen Vorhangô zu erwarten, die zugleich ausdrücklicher als früher auf die architektonische und kontemplative Situation der Betrachter wie auch auf die Institution äOperô insgesamt eingehen. Neue Verfahren der Allegorie und der Symbolbildung ersetzen unter anderem den Rekurs auf die antike Mythologie und das klassische Zeitalter, der vor fünfzig Jahren für eine solche Problemstellung noch im Vordergrund stand.

Ein vollwertiges Medium der Gattung Oper und der bildenden Kunst

Die flexible, regelmäßig erneuerte Bespielung des äEisernen Vorhangsô durch neuartige Großbildverfahren und die konservatorisch einwandfreie Anbringung per Magnetsystem begreift den äEisernen Vorhangô erstmals überhaupt als ein eigenständiges und vollwertiges Medium der bildenden Kunst, das bislang nicht als solches genützt wurde. Der bisher statische Bildraum wird als ein erweiterter Museumsraum außerhalb des traditionellen Museums begriffen, in dem sich durch speziell für den Ort konzipierte Werke wichtiger internationaler KünstlerInnen eine evolutive Kollektion aufbaut. Diese dynamische und flexible Behandlung des äEisernen Vorhangsô hat zudem ihre Parallelen in modernen Theaterkonzeptionen.

Mit der neuen, dynamischen Auffassung des äEisernen Vorhangsô und der Beteiligung führender internationaler KünstlerInnen holt die Wiener Staatsoper in gewisser Weise das Anliegen einer großen internationalen Ausschreibung nach, die 1954/55 wiederholt gewünscht wurde, aus objektiven Gründen aber noch nicht zustande kam. Zugleich schreibt die Behandlung des äEisernen Vorhangs" als evolutiver Museumsraum auch international ein neues Kapitel in der Geschichte der Gattung äEiserner Vorhangô, die als einzige sowohl dem Bereich der Oper als auch dem der bildenden Kunst zugehört.

Mai 1998