Familienphotos

„Familienphotos“ von Hans-Peter Feldmann

AutorInnen
Robert Fleck

Seit vier Jahren bietet die jeweils in den Monaten Dezember und Jänner stattfindende Ausstellung „Das Plakat“ in Zusammenarbeit von museum in progress, Austrian Airlines und Gewista führenden Künstlern der Gegenwart Gelegenheit, sich auf öffentlichen Plakatflächen über eine ganze Stadt hinweg auszudrücken und sich damit an jedermann zu wenden, außerhalb von Museen und spezialisierten Orten für heutige Kunst.

Aus diesem Blickwinkel jedenfalls ging der in Düsseldorf lebende bildende Künstler Hans-Peter Feldmann das schon zu so etwas wie einer Wiener Tradition gewordene Ereignis „Das Plakat/museum in progress“ mit seinen ca. 3000 Plakatflächen im Wiener Raum an, das während mehrerer Wochen auch diesmal, zu Jahresende 1994/Jahresbeginn 1995, ein speziell für diese Gelegenheit, das Medium und den Ort Wien ausgeklügeltes Werk präsentiert.

Hans-Peter Feldmann hat für Wien und die unmittelbare Begegnung mit der Bevölkerung ein spezielles Bildkonzept geschaffen, das aus seiner bisherigen künstlerischen Arbeit hervorgeht, mit dem er sich aber auch einen alten Traum erfüllt: „Familienphotos“ lautet der Titel der Ausstellung, die auf Plakatwänden im gesamten Wiener Raum stattfinden wird.

Aus den sechs Bildmustern, die die fotografische Bilderwelt in den Printmedien seit den Nachkriegsjahren kennt, hat Feldmann Beispiele aus seiner eigenen Familie zusammengestellt. Die Plakate von Hans-Peter Feldmann zeigen demgemäß „Familienphotos“ aus der eigenen Verwandtschaft des Künstlers. Doch nur in der ersten Phase, denn die künstlerische Arbeit hat eine möglichst breite Reaktion bei den Betrachtern, den Privatleuten, auszulösen, ihre eigenen „Familienphotos“ ein wenig als Kunstwerke zu betrachten, sie jedenfalls nicht länger wegzuwerfen und sich ein wenig mit dem Gedanken anzufreunden, dass diese anonymen, scheinbar banalen und wertlosen Aufnahmen wohl das bedeutendste Archiv, die große bleibende Erinnerung und in gewissem Sinn das wirkliche Monument oder Denkmal dieses 20. Jahrhunderts darstellen.

Deshalb auch hat Hans-Peter Feldmann die Gestaltung so einfach wie möglich gehalten: Der blaue Grund hinter den Schwarz/Weiß-Photos auf den Plakaten entspricht eben nicht zufällig den alten Photoalben, die jeder hat und in denen diese Photos auch oft in dieser Weise hin- und herrutschen. Die Absicht des Künstlers ist in diesem Werk bewusst – wenn auch meilenweit entfernt von jedem einfältigen Populismus – der Effekt des Gedankens beim Besucher: „Das kann ich ja auch!“. – „Ja, bitte, fassen Sie das so auf!“, will Hans-Peter Feldmann sagen, und auch: „Gehen Sie so mit ihren ‚Familienphotos’ um, werfen Sie sie nicht weg, dann sind nicht nur Dinge bewahrt, in denen sich unser Jahrhundert spiegelt wie in keinem anderen Medium, sondern Sie haben auch selbst getan, was ein heutiger Künstler vornehmlich tut, auf kleine, aber unerlässliche Unterschiede aufmerksam zu machen“.

So gesehen scheint es mir, als habe Hans-Peter Feldmann dieses neue Medium – „Das Plakat“ als seit 1991 stattfindende Ausstellungsreihe auf der Straße – in ganz besonderer Weise begriffen, nämlich im Sinne des prozessualen Kunstgedankens, der die Künstlergeneration der späten sechziger Jahre entscheidend prägte und der heute nahezu verlorengegangen scheint: Das Kunstwerk ist in diesem Fall nicht das scheinbare „Produkt“ (das von einem Künstler konzipierte Plakat, das auch als Vitrine oder spektakuläre Ausstellungsfläche aufgefasst werden kann), sondern der Prozess, den „Das Plakat“ von Hans-Peter Feldmann in seiner fast flächendeckenden Verbreitung bei dem einen oder anderen Betrachter auslöst, der als Passant natürlicherweise tagein, tagaus an Plakatflächen vorbeigeht, sich hier aber plötzlich Fragen stellt. Zum Beispiel: „Solche Bilder habe ich ja auch bei mir zu Hause? Wo eigentlich? Ich sollte sie hervorholen und aufheben!“. Im Sinne von Hans-Peter Feldmann wäre die Gesamtheit dieser Prozesse das Kunstwerk. „Das Plakat“ ist nur eine Art Zünder für den Prozess, um den es dem Künstler vor allem geht. Natürlich ist „Das Plakat“ von Hans-Peter Feldmann zugleich in einer Weise künstlerisch in höchstem Maße durchgestaltet, die der Betrachter auf den ersten Blick nicht bemerkt – und nicht bemerken soll. „Prozesskunst“ (in der die eigentliche künstlerische Arbeit im ausgelösten Prozess besteht, nicht im scheinbaren „Produkt“) hatte einer solchen „Ästhetik der Beiläufigkeit“ immer bedurft. Aber Hans-Peter Feldmann ist wohl jener Künstler, der in den letzten dreißig Jahren am eingehendsten und am intelligentesten die verschiedenen – wenigen – Bildmuster untersucht hat, die die heute prägende fotografische Bilder- und Vorstellungswelt kennt; und er zählt zu jenen Künstlern, die am erhellendsten das neue Verhältnis verschiedener Bildmedien betrachtet haben, das seit der Konkurrenzierung der Photographie durch das Fernsehen unsere Weltwahrnehmung am Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend beherrscht. Auch von dieser Seite her lässt sich „Das Plakat“ von Hans-Peter Feldmann lesen. Feldmann ist nie der geläufigen Interpretation anheimgefallen, die eine Geschichte der Medienepochen in der Abfolge der Photo-, Film- und Fernsehtechnik beschreibt. Für ihn, dessen Werk fast allein aus der ruhigen Betrachtung von mehreren Millionen Privat- und Pressephotos seit dreißig Jahren hervorgeht, ist die Illustriertenphotographie noch immer ein prägender Bildtypus; „Wenn es dem Fernsehen zu schnell wird, schalten die Photos“, sagt Feldmann.

So ist die Entscheidung, auf den Plakaten in Wien „Familienphotos“ zu zeigen, auch ein medienphilosophisches Statement: Was nach diesem Jahrhundert bleiben wird, sind die Millionen und Abermillionen anonymen Photos, die vielleicht wirklich das Kunstwerk dieser Epoche bilden. Das ist eine Entscheidung gegen Werbephotographie, aber auch gegen das Fernsehen – letztlich sprechen uns diese anonymen Photos mehr an als die perfekten Bilder in quadratischen Guckkasten. Hans-Peter Feldmann meint wohl zu Recht, dass sie ganz einfach ehrlicher sind (so wie es ein sehr „ehrlicher“ Akt von seiner Seite ist, vor der Wiener Bevölkerung sein persönliches Familienalbum auszustellen).

Die Aktion von Hans-Peter Feldmann auf den Wiener Plakatwänden ist als offene und im Prinzip unbeschränkte Aktion angelegt. Jeder Einsender kann eigene Familienphotos zu der Plakatreihe beitragen, die unter der Auswahl des Künstlers nach technischen Möglichkeiten den plakatierten Bildfolgen eingefügt werden. Diese vom Künstler beabsichtigte Wirkung hat sich bereits bei der Vorbereitung der Plakataktion bei Austrian Airlines eingestellt: Nach dem spontanen Angebot von Mitarbeitern über 200 Familienphotos zur Verfügung zu stellen, hat Feldmann bereits einige Photos dieser Art in den endgültigen Plakatentwurf integriert. Was das Wiener Publikum auf den Plakatwänden wahrnehmen wird, ist also bereits eine „Zeitaufnahme“ aus dem vom Künstler beabsichtigten interaktiven Prozess.

Hans-Peter Feldmanns wesentlichstes Anliegen aber ist es, wenigstens in Wien möglichst viele Leute davon zu überzeugen, dass sie für dieses Jahrhundert viel wegwerfen, wenn sie ihre Familienbilder in den Müll zur Altpapierverwertung legen. Oder auch: Wenn wir erst einmal akzeptiert haben, dass Photographie im Prinzip unspektakulär ist, ist jeder Mensch ein Künstler. Um solche Gedanken hat die Moderne in diesem Jahrhundert immer gekreist.

(November 1994)

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