Quotes

„Quotes“ von Jeremy Deller

AutorInnen
Stella Rollig

Vom Kanon der Plakatbilder unterscheiden sich Jeremy Dellers Sujets in erster Linie dadurch, dass sie keine Ideale repräsentieren. Das Ambiente ist alltäglich, gewohnt, zugänglich. Privaträume, die Straße, Musikclubs. Allerweltsorte, die höchstens über die Entzifferung von Details geographisch und national bestimmbar sind. Szenen, die in jeder der zwanzig europäischen Städte stattfinden könnten, in denen die Plakatarbeit „Quotes“ zu sehen ist, an 2000 Stellen in Wien und weiteren 500 in europäischen Städten wie Lissabon, Warschau oder Athen.

Sieben Bilder, die auf den ersten Blick keine schlüssige Serie ergeben. Auf manchen sind Menschen zu sehen: ein junges Mädchen, Tanzende, ein Sportler, Radfahrer. Diese sind jedoch, und hier operiert Deller wieder konträr zu geläufigen Werbestrategien, nicht die gewohnten StatthalterInnen unserer (Konsum-)Träume. Vielmehr wird die Betrachterin, der Betrachter an die Stelle eines/r Abwesenden gesetzt, der oder die die eigentliche Hauptrolle spielt. Das Individuum als Fehlstelle: Sieben Stationen einer Tagesreise in die Nacht, die sich um ein abwesendes Subjekt zu ordnen scheinen. Es arbeitet, ist unterwegs, träumt, geht aus, schaut. Medienbilder und unmittelbare Erfahrung mischen sich. Der Pulk der Radfahrer bei einer Demonstration, der Marathon-Läufer vor dem Riesenrad – erblickt auf einer Durchquerung der Stadt oder beim Zappen durch die Kanäle? Beides ist möglich, und es macht keinen großen Unterschied.

Das Individuum als ProtagonistIn einer Erzählung aus den späten Neunzigerjahren irgendwo in der Ersten Welt, wo es um die Verhältnisse so rosig nicht bestellt ist, dass man nicht Trost und Ablenkung brauchen könnte. Wenn man jung ist zumal, und allen Hinweisen nach hat Deller die Teile für sein fragmentarisches Bio-Puzzle aus der Folie eines Jugendlebens gestanzt.

In diesem Leben nun muss man sich einrichten, und am zweckmäßigsten ist dabei leichte Möblage. Tischplatten werden aufgebockt, Poster mit Klebestreifen fixiert. Leichtes Gepäck, bewegliches Gut ist gefragt, das sich umstandslos austauschen lässt, wenn die Umstände sich ändern. Vorlieben wechseln, Überzeugungen auch. Um flexibel zu bleiben, das hat uns die Postmoderne gelehrt, hilft es, Vorlieben und Überzeugungen vorübergehend auszuborgen, statt sie selbst zu formulieren. Auf diese Weise kann man sie wieder loswerden, ohne Herzblut zu vergießen. Zitate sind das Ideen-Gepäck auf dem Marsch von einem temporären Standort zum nächsten.

Dagegen steht das Zitat als Kulturerbe der ewigen Wahrheiten, wie es uns in der Schule mitgegeben wurde, gedacht für nichts weniger als den restlichen Lebensweg. Schiller, Goethe, Musil, Shakespeare, Matthias Claudius, Emanuel Swedenborg. Die lapidaren Bilder ergänzt Deller mit Zitaten von Schriftstellern und Philosophen, der geistigen Elite des Abendlandes, wenn man so will. Nur: Die Zitate formulieren keine Weisheiten. Als hehre Maxime mag vielleicht noch Shakespeares Hamlet-Spruch gewertet werden: „To thine own self be true / Sei dir selber treu“. Die anderen Sätze und Satzfragmente dagegen sind von einer Leichtigkeit des Hingesagten, das man sich von einer einfachen Melodie begleitet denken könnte. Phrasen aus Momenten des Glücks, sogar der Euphorie, aber auch des Überdrusses. Phrasen für das Leben, wie es nun einmal so ist. Dellers künstlerische Methode ist die der Rekontextualisierung. Schiller und Goethe werden exhumiert und finden sich im Repertoire eines/r Jugendlichen, der oder die im selben Atemzug eine Boyzone-Nummer zitiert. Deller ist respektlos, witzig, unberechenbar und erfrischend, und dabei voller Ernst in der Untersuchung unserer Gegenwart. Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen. Kennen Sie den Satz? Auch ein Zitat. In seiner Beschäftigung mit Popmusik interessiert Deller das Phänomen des Fans. „Quotes“ handelt von einem jungen Fan der Alten Meister. Ein Widerspruch? Ein Remix, gewiss. Gute Kunst verschiebt die Grenzen kultureller Territorien. Warum nicht Musil als Phrase dreschen, wenn es ein guter One-liner ist? Zum Start von „Quotes“ lässt Deller auf dem Wiener Rathausplatz eine englische Blaskapelle Acid House intonieren: „Acid Brass“. Eine Rekontextualisierung der anderen Art. Deller macht Kunst aus seiner Kennerschaft der Jugendkultur. Das machen heute viele. Er aber bringt deren Elemente mit solchen aus der Arbeiter- und aus der Bürgerkultur zur Deckung. Der zeitgenössische Künstler in einer noblen Rolle: als Vermittler zwischen sozialen Klassen und Generationen innerhalb unserer so homogen scheinenden europäischen Kultur.

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