Museum in Progress

Museum in Progress von Isabelle Arthuis

AutorInnen
Anne Pontégnie

Im Juli 2001 wurde Isabelle Arthuis von museum in progress zur künstlerischen Teilnahme am World Economic Forum in Salzburg eingeladen. Im Rahmen einer Kooperation mit Wissenschaftlern arbeitete sie mit Satellitenbildern von Europa, für die sie eine von der gängigen Lesart abweichende Lektüre entwickelte. Das Satellitenbild ist eine Fotografie, ein globales Bild, das in sich – virtuell – unendlich viele Bilder enthält, eine Welt, die tausend andere in sich einschließt. Und es ist als Bild auch ein Readymade, partiell unlesbar für denjenigen, der kein Meteorologe, Geograph oder Angehöriger der Armee ist. Isabelle Arthuis eignet sich häufig Fotos an. Als Fotografin versteht sie die Welt mit ihren Schichten und Graden, Welterfahrung, Bilderfahrung, kein Unterschied.

Alljährlich stellt museum in progress – mit der Unterstützung der Austrian Airlines – jeweils einem Künstler ca. 2500 Plakatflächen in Wien im gesamten Wiener Stadtraum zur Verfügung. Mit diesem Angebot konfrontiert, spielte sie es erst einmal an den Anbieter zurück: auf eines der Plakatmodule druckte sie die Wörter „Museum in Progress“. Das ist auch der Titel, den sie ihrer Arbeit gegeben hat. Vielleicht, um einen Teil der Verantwortung abzugeben: Werberaum zu besetzen, die Stadt mit ihren Bildern zu überschwemmen oder auch jener Verantwortung, mit einer Fluggesellschaft zusammenzuarbeiten.

Vielleicht, weil dies die mehr als zufällige Begegnung ist zwischen der Praxis einer Fotografie, die sich mit den durch die Bedingungen der zeitgenössischen Kunst gegebenen Einschränkungen nicht abfindet, und einer Organisation, die nichts anderes tut, als unablässig Alternativen für eben diese Bedingungen zu entwickeln. Oder vielleicht, weil hier die Auffassungen von einer Positionsverschiebung (déplacement) übereinstimmen, die den Aktivitäten des museum in progress und der Fotografin gleichermaßen wesensgemäß ist.

Während Isabelle Arthuis damit beschäftigt ist, alle Bilder dieser Welt zu erfassen, arbeitet sie auch daran, sie nur provisorisch festzuhalten. Sie erfindet Dispositive, wie ihr Diaporama oder ihre Postkartenedition, die es ihr möglich machen, jedes ihrer Bilder zu anderen in Beziehung zu setzen, Räume – zwischen den Bildern – zu schaffen, in die die Bewegung der zugleich spezifischen und globalen Erfahrung eingeht. So wie das Satellitenbild, mit dem sie diese Hänge- bzw. Klebeaktion beginnen möchte, bei der Positionsverschiebungen unterschiedlichster Art aufeinandertreffen werden. Diejenigen des Spaziergängers oder des Arbeiters, die von den eingeschlagenen Richtungen und den vorbeifahrenden Autos rhythmisiert werden, Verschiebungen auch der Bilder, zuerst das abstrakte, pikturale Satellitenbild, dann konkrete, fotografische Bilder, Zooms auf Lebensmomente, die das frühere Satellitenbild langsam überlagern werden, im Wechsel mit den Buchstaben des Titels oder völligem Schwarz – Pause.

Positionsverschiebungen, die die Plakatkleber verursachen, denen die Komposition der einzelnen Plakatmodule überlassen bleibt, Bilder, aus denen sich ein immer wieder neues Patchwork webt, kombinieren eine durch das Spiel des Zufalls und der Differenz offen bleibende Wahrheit. Im Gegensatz zu jeglicher Logik der Werbung, im Gegensatz zu aller totalitären Logik. Eine unablässig aufgelöste und neu zusammengesetzte Wirklichkeit, dem Spiel der Verschiebungen preisgegeben, das uns mehr begeistert als das unaufhörliche Hin und Her der Flugzeuge, die über den verwalteten Himmel Europas ziehen.

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