Jardin Voyageur/Travelling Garden

„Jardin Voyageur“ von Martine Aballéa

AutorInnen
Vitus Weh

Als im Europa des 19. Jahrhunderts die ersten großräumigen Handels- und Informationsnetze etabliert wurden, fand man für die entsprechenden Routungspläne den schönen Ausdruck der „offiziellen Infektionskarten“. Heute, da als dynamische Metapher eher der Datenhighway gebräuchlich ist, befremdet es mitunter, dass kursierende Waren und Nachrichten früher in sprachlicher Nähe zu Seuchen standen. Nur: Jeglicher Austausch zeigt tatsächlich epidemische Züge. Im Französischen und Englischen hat sich dieser Sinn in den Wörtern „dissémination / dissemination“ (Verbreitung) bis heute erhalten. In ihnen schwingt die Bedeutung von „wuchender Aussaat“ immer noch mit.

Eine „Infektionskarte“ anzulegen, wäre auch für die Plakatprojekte von museum in progress reizvoll: In kleinen Keimzellen in Wien gefertigt verteilen sich die Plakate alsbald in alle Gegenden. Die „Dissémination“ ist ein fast unmerklicher aber effektiver Vorgang. Prinzipiell ist dieses Phänomen heute zwar bekannt – jedes Industrieprodukt ist mittlerweile mit dem Traum verbunden, dass es sich ausbreitet wie ein Virus in der Blutbahn – die Plakate von museum in progress sind jedoch gleichsam speziell markiert. Im Unterschied zu herkömmlichen Werbeplakaten verweisen sie nicht auf irgendein Produkt, sondern im wesentlichen auf sich selbst als Bild.

Dass es sich dabei um kursierende Bilder handelt, dass Plakatsujets immer auch mobil und infektiös sind, macht in besonderem Maße das Projekt „Jardin Voyageur“ von Martine Aballéa deutlich. In Kooperation mit Austrian Airlines und gewista/europlakat beginnt die Affichierung in Graz und Budapest, um dann später (Dezember '98 / Januar '99) in Wien und ca. 20 weiteren europäischen Städten aufzutauchen. Vier fehlfarbene Naturszenarien sind es, die dabei durch die Städte wandern; dunkle, nicht ganz greifbare Vegetation. Wege scheinen in sie hineinzuführen, doch so recht trauen will man ihrer Stille nicht: Was eben noch sicherer Boden schien, erweist sich bald als Brackwasser, die Bäume und Sträucher dringen bedrohlich nach vorn und ein purpurfarbener Schleier klebt lastend in der Luft. Ob der Dunst nun glosendes Abendrot oder aber den Widerschein giftiger Dämpfe anzeigt, ist schwer zu sagen.

Manch einer wird sich vielleicht an die Bilder von Jacob van Ruisdael erinnert fühlen. Die Landschaften, die van Ruisdael Mitte des 17. Jahrhunderts malte, galten bis in die Zeit des Impressionismus hinein als Vorbild für das ganze Genre. Berühmt sind sie vor allem aufgrund der suggestiven Wirkung ihrer unbetretbaren Proszenien, abgestorbenen Bäume und dräuenden Wolken. Eine ähnlich gedämpfte Ahnung geht auch von Aballéas Plakaten aus. Selbst der Schriftzug „Jardin Voyageur/Travelling Garden“, der wie ein goldener Schimmer auf einzelne Module gedruckt ist, vermag ihre gewittrige Stimmung kaum zu klären. Dabei klingt ein „reisender Park“ ja durchaus positiv: Ein Park oder Garten verspricht gesetzte Kultiviertheit; gleiches gilt für unser heutiges, so komfortables Reisen. Zusammengenommen werden die Begriffe jedoch paradox. Sie verrätseln die Szene weiter, sie bringen die Bilder aber auch zur Sprache. Begriffliche Einsprengsel wie „Jardin Voyageur“ oder „Travelling Garden“ machen die Plakate verlässlich zu „conversation pieces“ so als wäre es das Ziel, weniger ein autonomes Werk zu produzieren als vielmehr Gesprächsanlässe sich ausbreiten zu lassen. Dazu passt sehr gut, dass Plakate im öffentlichen Raum üblicherweise nicht sofort als Kunst erkannt werden. Interessiert wahrgenommen werden sie mehr als Alltagsdinge – wie Hinweisschilder beispielsweise, wie Signallampen oder Duftwolken. Das scheint mir überhaupt der verführerischste Gedanke angesichts der Sujets von Martine Aballéa zu sein: dass man durch eine Stadt gehen könnte und plötzlich von einer Welle erfasst wird, die nicht vorherzusehen war. Das Medium Plakat also als eine Art betörendes schweres Parfum, das einen kurz in Bann schlägt. Mitunter auch als infektiöser Hauch.

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