Beauty

„Beauty“ von Rosemarie Trockel (1999)

AutorInnen
Robert Fleck

Rosemarie Trockels Plakatarbeit „Beauty“ ist der seltene Fall, dass ein Auftragswerk zu einer zentralen Arbeit für den Werkverlauf des Künstlers wird. Als Rosemarie Trockel dieses Werk 1995 konzipierte, hatten bereits drei Künstler vor ihr spezifische Arbeiten für die Serie „Das Plakat“ von museum in progress gestaltet. Die Künstlerin war nicht im luftleeren Raum tätig, sondern baute auf den Methoden und Erfahrungen ihrer Vorgänger sichtbar auf. So übernahm sie das Prinzip der modulartigen Struktur des Großplakats, das aus vielen gleichgroßen Teilen zusammengesetzt ist, in Richtung eines seriellen Prinzips der Arbeit, bei der jedes einzelne Großplakat in der Stadt aus einer puzzleartigen Zusammenstellung durch den jeweiligen Plakatkleber hervorgeht. Dies hatte 1991 bereits Gerwald Rockenschaub mit monochromen Modulflächen angewandt. Von solchen Grunderfahrungen des Mediums Großplakat ausgehend, schuf Rosemarie Trockel mit „Beauty“ eine Arbeit, die während ihrer Präsentation auf 3000 Plakatflächen in Wien eine enorme Wirkung ausübte – „Beauty“ war laut Medienanalyse das Plakat mit dem höchsten Wiedererkennungswert bei Jugendlichen –, aber auch in anderen Zusammenhängen ihre Stringenz bewahrt, etwa bei Ausstellungen „reiner“ Kunst, und auch vier Jahre nach ihrer Entstehung ihre Frische und Aktualität bewahrt, als sei sie gestern entstanden.

„Beauty“ besteht aus zwölf computerbearbeiteten Porträtfotos von Mannequins, davon elf Frauen und ein Mann. Die Bildbearbeitung mittels „Paint Box“ bezweckte, die Gesichter in Schönheiten zu verwandeln, wobei Rosemarie Trockel das Prinzip der absoluten Regelmäßigkeit zur Anwendung brachte. Jede Nichtentsprechung von linker und rechter Gesichtshälfte wurde durch Computermanipulationen ausgeschaltet. Teils spiegelte die Künstlerin eine Gesichtshälfte über eine andere, teils wurden die Augen oder der Mund ausgewechselt usw. Die dadurch entstandenen Schönheiten besitzen eine Anziehungskraft und Magie, die sich in vielen Arbeiten von Rosemarie Trockel wiederfindet und die in der Nachfolge des Surrealismus steht. Die Gesichter mit ihrer vollständigen Regelmäßigkeit erhalten bei näherem Hinsehen aber auch etwas Bedrohliches und Fürchterliches in ihrer Unwirklichkeit. Das Retoucheverfahren am Computer wurde von der Künstlerin so differenziert ausgeführt, dass man ausgehend von der mechanischen Reproduktion der Fotografie die Bedeutungsvielfalt und die Verweildauer wiederfindet, die traditionellerweise der Malerei vorbehalten war.

„Beauty“ von Rosemarie Trockel bleibt ein halbes Jahrzehnt nach der Entstehung der Arbeit ein emblematisches Werk für unsere Epoche und ein vielbeachtetes Modell für die nachstrebende, jüngste Künstlergeneration. Es handelt sich aber auch um eine zentrale Arbeit von Rosemarie Trockel in persönlicher Hinsicht, da sie jenen Moment bezeichnet, als die Künstlerin ihr zuvor weitestgehend über das gegenstandslose, abstrakte Objekt kommunizierte Werk mit den plastischen Möglichkeiten der elektronischen Bildmedien versöhnte. In ihrer meisterlichen Gestaltung des deutschen Pavillons der Biennale Venedig 1999 fanden sich viele Elemente von „Beauty“ wieder, stark weiterentwickelt – „Beauty“ war neben anderen Werken ein Auslöser für diese Entwicklung. Ganz nebenbei beweist diese Arbeit neben vielen anderen Auftragswerken, die museum in progress vergab, dass ein ephemeres, für eine zeitlich begrenzte Präsenz im medialen Raum geschaffenes Werk zu Klassikern eines Jahrzehnts zählen kann und eigentlich in keiner Sammlung eines Museums zeitgenössischer Kunst fehlen sollte.

(1999)

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