Beauty

„Beauty“ von Rosemarie Trockel (1995)

AutorInnen
Robert Fleck

Die fünfte Realisation der Ausstellungsreihe Das Plakat von museum in progress in Kooperation mit Austrian Airlines und Gewista betrifft eine Arbeit der deutschen Konzeptkünstlerin Rosemarie Trockel mit dem Titel „Beauty“.

Wie auch bei den vorhergegangenen Realisationen von „Das Plakat“ hat die Künstlerin diese Arbeit speziell für diesen Anlass entwickelt sowie in Hinsicht auf die besondere Struktur und Wirkung des Mediums „Mehrbogenplakat“ geschaffen, das das visuelle Erscheinungsbild unserer zeitgenössischen Stadtlandschaft wesentlich mitbestimmt.

„Beauty“, von Rosemarie Trockel als ihren Beitrag im Medium „Plakat“ gestaltet, wird wie bereits bei den anderen Realisationen seit 1991 ab 27. November auf rund 3.000 Plakatflächen in Wien und im Wiener Raum plakatiert.

Es handelt sich um ein visuelles System aus einzelnen Modulen, die das Format jener Einzelbögen aufgreifen, aus denen sich auch jegliches beliebige Werbeplakat zusammensetzt. Damit wird die Struktur des gewöhnlichen Werbebildes im Gegensatz zur Praxis der Werbung eindrücklich aufgezeigt und reflektiert. Die Gewista-Mitarbeiter wurden von der Künstlerin aufgefordert, die verschiedenen Modulkombinationen auf den einzelnen Plakatierungsflächen in einem bestimmten Handlungsrahmen selbst auszuwählen. Sie werden damit zu aktiven Mitgestaltern jedes einzelnen Plakats.

„Beauty“ von Rosemarie Trockel besteht aus computernachbearbeiteten Aufnahmen von Schönheiten (aus Modellagenturen und der Straße). Die Künstlerin hat die Gesichter mit Hilfe der Paint Box (Vienna Paint-Albert Winkler) von den „organischen Schönheiten“ der wirklichen Modelle in perfekte Schönheiten mit einer makellosen Erscheinung beider Gesichtshälften verwandelt. Der für das menschliche Auge zunächst kaum merkliche Eingriff, der etwa Augen ersetzt oder die unvollkommene Symmetrie beider Hälften jedes menschlichen Gesichts in eine vollkommene Symmetrie verwandelt, bewirkt im Betrachter nach dem Erblicken mehrerer dieser Gesichter das Aufkommen eines dumpfen Unwohlseins: Gesichter von solch mathematisch perfekter Schönheit sind offensichtlich nur auf künstlichem, elektronischen Weg erzeugbar – Die „Schönheiten“ von Rosemarie Trockel sind geklont. „Die zwölf Gesichter sollen so schön sein, wie die Natur und der Computer es erlauben.“

Auf diese Weise hat die Künstlerin, die seit Beginn der achtziger Jahre zu den führenden Konzeptkünstlerinnen in Deutschland mit breiter Beachtung und Wirkung im internationalen Rahmen insbesondere für die Entwicklung einer postfeministischen Kunst der neunziger Jahre zählt, einen sehr poetischen und zugleich überaus kritischen Eingriff in die von Werbeplakaten dominierte Stadtlandschaft unserer Tage mit ihrem aggressiven und klischeehaften Schönheitsbegriff gesetzt. Auch im Umgang der Werbegestaltung mit dem Bild des Mannequins ist ja heute die Nachbearbeitung durch Computer und Paint Box längst zu einer gängigen Praxis geworden, die das gewohnte Werbeplakat jedoch unsichtbar zu halten sucht. Mit ihrer bewussten Übersteigerung dieser „Klon-Technik“ und dem dadurch ausgelösten Unbehagen auch beim uneingeweihten Betrachter lässt Rosemarie Trockel die Problematik des von den Massenmedien und der Werbung verbreiteten Schönheitsbegriffs deutlich werden.

Zugleich geht die Plakatarbeit „Beauty“ über diesen aktuellen Bezugsrahmen hinaus. Die Künstlerin beschreibt die Schönheit selbst als einen „Fluch“ und als eine der ambivalentesten Eigenschaften des Menschen. In diesem Sinn bildet das modulhafte Plakatsystem „Beauty“ von Rosemarie Trockel auch eine zeitgenössische Weiterführung jener Auseinandersetzung von Malern mit dem Schönheitsbegriff ihrer Epoche, die als lange, unabgerissene Tradition die Geschichte der Malerei seit ihren Anfängen durchzieht. Der Umstand, dass unter den Gesichtern dieser Arbeit elf Frauen und nur ein Mann vertreten sind, wird von Rosemarie Trockel durchaus als ein politisches und feministisches Statement verstanden: Schönheit bildet einen „Fluch“ vor allem mit der Vorschreibung einer Norm der Perfektion, und in diesem Sinn bleibt in der heutigen Gesellschaft die Frau – ungeachtet jeder möglichen Emanzipation – das bei weitem meistbetroffene Opfer eines immer unmenschlicheren Schönheitsbegriffs.

(1995)

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