Stage

„Stage“ von Markus Schinwald

AutorInnen
Jens Hoffmann

„Outside and inside from a dialectics of division, the obvious geometry of which blinds us as soon as we bring it into play in the metaphorical domains. It has the sharpness of the dialectics of yes and no, which decides everything. Unless one is careful, it is made into the basis of all thoughts of the positive and negative.“ [1]

„Die Mehrdeutigkeit des Titels scheint wie ein Hinweis auf die Mehrdeutigkeit der Arbeit selber“, sage ich. „Ja“, bestätigt mir mein Gegenüber kurz und ich frage: „Vielleicht sogar die Mehrdeutigkeit des Theaters des Lebens“?

Theater basiert auf dem Prinzip der Lüge. Schauspieler versuchen uns glauben zu machen, sie seien jemand, der sie in Wirklichkeit nicht sind und wir wären an einem Ort, an dem wir in Wirklichkeit nicht sind. „Eine Repräsentation von Realität, die durch den Vorhang immer wieder unterbrochen wird. Der Vorhang als Metapher für das Verstecken und das Dahinter“, erklärt mein Gegenüber im Zusammenhang mit einer Arbeit, die er für das jährliche Plakatprojekt des museum in progress konzipiert hat.

Das Dahinter, die Bühne selber, ist wohl der Ort, an den wir geführt werden sollen. Am Ende der Bühne befindet sich eine inszenierte Tür, ein Ein- und Ausgang gleichermaßen – von und zu der Welt, dessen Ikonographie benutzt wird, dieses Stück zu inszenieren. „Konkreter wird das bei der weiblichen Person im Plakat! Sie erinnert an Ingrid Bergmann in Hitchcocks Film ‚Notorious’. Während sie bei Hitchcock aus dem Bild sieht und den Zuschauer förmlich beim Beobachten der Handlung ertappt, teilt sie im Plakat unseren Blick“, höre ich. Dieses Prinzip, das Verwenden und Manipulieren uns vertrauter Bilder, Momente, Objekte, Räume, und die daraus entstehende Verwirrung und Störung scheint wie eine wiederkehrende Methode im Werk von Markus Schinwald.

Bei seiner Arbeit „Jubelhemd“ von 1997 trennte er die Ärmel eines klassischen, weißen Herrenoberhemdes ab und nähte sie anschließend verkehrt herum wieder an. Auf den ersten Blick war kein Unterschied zu erkennen. Der Effekt war jedoch, dass der Träger des Hemdes nun gezwungen war, mit erhobenen Händen – jubelnd – das Hemd zu tragen, wenn er es vermeiden wollte, die Ärmel abzureißen. Für eine Gruppenausstellung im Salzburger Kunstverein inszenierte der Künstler, inspiriert von Siegfried Kracauers Aufsatz über die Hotelhalle im „Detektiv-Roman“ [2], einen Raum, der auf einer von Julius Schulmann fotografierten Hotellobby in Los Angeles basierte. Kracauer beschreibt diesen Raum als einen Ort extremer Beziehungslosigkeit, in dem wir meist nur warten und uns untätig versammeln. Diese Beziehungslosigkeit taucht in verschiedenen Momenten der Arbeit auf: Die Anordnung der Möbel und Personen ist bewusst nicht schlüssig – Lampen sind zu tief gehängt, Möbel zu weit auseinander stehend, die Posen der abgebildeten Personen wirken fremd, leer und entrückt. Diese Form der Beziehung zwischen Raum, Arbeit und Betrachter wird auch durch die Präsentation der Arbeit selber deutlich: Die Inszenierung des Raumes fand lange vor der Eröffnung der Ausstellung statt und war für den Besucher der Ausstellung nur durch ein Foto sichtbar, das in einer Salzburger Tageszeitung am Tag der Eröffnung abgedruckt wurde.

„Der Ausgangspunkt kann eine einfache Geschichte, ein Theaterstück oder ein Film sein, in dem alles, was Handlung bedeutet oder bestimmt und weitertreibt, herausgeschnitten wurde. Nur die Momente des Dazwischen bleiben sichtbar. Die Frage ist, was habe ich schon gelesen oder gesehen und wo schließt das an“, sagt er und ich denke, dass dieses post-narrative Moment wohl etwas mit einer Leerstelle zu tun hat, die ich selber mit Handlung, Inhalt und Gedanken füllen muss. Im ersten Augenblick ist nicht schlüssig, was ich auf der als Werbefläche bekannten Plakatwand sehe. Was als Referenzpunkt bleibt, sind wir selber und unsere Sehgewohnheiten, und hier fügt mein Gegenüber hinzu: „Der Punkt ist die Möglichkeit der Variation, aus der sich immer wieder andere Situationen ergeben und die Tatsache, dass einfache Plakate immer wieder mit den selben Sujets arbeiten“.

Was mich noch interessiert, ist die Präsenz des Menschen auf der Bühne, und ich frage nach den Beziehungen der drei Protagonisten. „Man soll die Zweckmäßigkeit der Umherstehenden empfinden ohne aber einen konkreten Zweck damit zu verbinden“, bekomme ich als Antwort. „Es sieht beinahe so aus, als ob die Kant'sche Definition des Schönen hier eine Realisierung erfährt“, erwidere ich, wie eine Isolierung des Ästhetischen und ihrer Inhaltslosigkeit. Bei den entleerten Individuen des Fotos wird in der Tat das ästhetische Vermögen aus dem existentiellen Zug des Menschen herausgelöst und zu einer rein formalen Relation entwirklicht, die sich gegen die Inszenierung genauso gleichgültig wie gegen das Selbst verhält.

[1] Gaston Bachelard, „The Poetics of Space“, New York, 1964

[2] Siefried Kracauer, „Der Detektiv-Roman“, in Schriften 1, Frankfurt am Main, 1971

(Brüssel, 1999)

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