Eiserner Vorhang 2004/2005

Play as Cast

AutorInnen
Daniel Birnbaum

Wovon handelt überhaupt diese Szene? Niemand weiß es wirklich, nicht einmal Tacita Dean. Sie kann sich nicht mehr erinnern, wo sie das Foto gefunden hat, das sie seit Jahrzehnten in ihren Akten aufbewahrt. Vermutlich dreht es sich um eine Laientheatergruppe, die ein klassisches Stück aufführt, wahrscheinlich in England. Wann? Raten wir doch: so um 1920. Welches Werk? Vielleicht eine Tragödie, eine mit einer Frau in der Hauptrolle. Sagen wir: Antigone. Offensichtlich ist es auch das, was Dean meint. Oben in der linken Ecke des Bildes hat sie „Antigone von Sophokles“ notiert. In Aufschriften in englischer und griechischer Sprache, wobei manche leserlicher sind als andere, liest man „Applaus“, „Ausgang“, „Bühne links“, und denkt dabei sofort an Bühnenanweisungen. Was auch immer das Foto ursprünglich darstellte, es geht jetzt um Antigone. In der oberen rechten Ecke liest man „Polyneikes“, den Namen eines der beiden toten Brüder der Heldin, genauer gesagt dessen, dem von König Kreon eine richtige Bestattung mit folgender Erklärung verweigert wurde: „Des Polyneikes armer Leichnam aber darf nicht beweint und nicht begraben werden – und unbestattet soll man ihn den Vögeln zum üppigen Fraße lassen! Wer's dennoch tut, der stirbt durch Steinigung vor allem Volk!“ Für mich und vermutlich auch für sie hat das Bild jetzt mit Antigone zu tun. Und so wie ich werden vielleicht auch Sie versuchen, sich die ganze Geschichte in Erinnerung zu rufen, und beginnen darüber nachzudenken, was unsere Heldin als Nächstes ankündigen wird. Vielleicht die Schlüsselstelle auf die Fragen „Willst Du ihn trotz dem Staatsverbot beerdigen?“: „Ja meinen und den deinen, auch wenn du nicht willst!“ Und wer ist ihre Schwester Ismene? Die Frau, die unmittelbar zu ihrer Linken steht, oder die, die sich so entspannt dort anlehnt? Das werden wir wohl nie erfahren.

Tacita Dean, eine Künstlerin geboren in Canterbury, hat eine ältere Schwester, die Antigone heißt. So ist es auch keine große Überraschung, dass sie sich für die klassische literarische Figur und ihren mythologischen Hintergrund interessiert. Tatsächlich hat Dean eine Reihe von Werken geschaffen, die sich auf die Beziehung von Oedipus und Antigone beziehen. Die Arbeiten der Künstlerin, die ursprünglich als Malerin ausgebildet wurde, sind heute in verschiedenen Medien angesiedelt: Zeichnung, Fotografie, Ton und vielleicht am auffälligsten Film. Die für sie typischen langen Aufnahmen und statischen Kamerapositionen erzeugen einen Eindruck der Stille und der gesteigerten Wahrnehmung der Zeit. Der britische Autor J.G. Ballard, der ein Bewunderer ihrer Arbeiten ist, hat in all ihren Werken eine Besessenheit von der Zeit festgestellt. Vielleicht gibt dies auch einen Hinweis auf ihre neue Arbeit für den Eisernen Vorhang, die den Titel „Play as Cast“ trägt. Man könnte meinen, dass sie einen Eingang zu den verwinkelten Katakomben der Vergangenheit darstellt. Sie teilt die Aussage aller Fotografien: „Schau, das war einmal!“ Sie deutet auf etwas hin, das schon vergangen ist. In diesem konkreten Fall ist das Abgebildete (eine Gruppe von Schauspielern, die auf einer einfachen Bühne stehen) selbst eine Darstellung, die uns in das noch weiter zurückliegende Zeitalter von Sophokles katapultiert. Und sind wir einmal bei der klassischen Tragödie angelangt, so wollen wir bald das Thema des vorliegenden Stückes genauer erforschen und sehen uns in eine noch frühere Epoche zurück geschleudert, nämlich in die der griechischen Mythologie. Deans Bild lädt uns dazu ein, durch die Schichten des Vergangenen zu reisen. Dinge, die der Vergangenheit angehören, die aber nicht dem Verschwinden anheim gefallen sind. Auf dieser Exkursion begegnen wir nicht nur dem ältesten Vorfahren der Institution, in der dieses zeitgenössische Kunstwerk gezeigt wird, dem Vorläufer aller Theater und Opernhäuser. Wenn wir im Reich der alten griechischen Mythen angelangt sind, stoßen wir auf etwas viel Wesentlicheres. Wir treffen, wenn Sigmund Freud Recht behält, auf etwas, das wir bereits kennen (oder zu kennen glauben): uns selbst.

Debug [+/-]
Queries:
Array
(
    [redirect] => /attachments/73
    [Config] => Array
        (
            [language] => de
        )

)