Eiserner Vorhang 2002/2003

Theater als Rahmen

AutorInnen
Angela Vettese

Giulio Paolini hat einen Vorhang entworfen, für den er von der Idee des Vorhangs ausgegangen ist: als einer zugleich realen und metaphorischen Trennwand zwischen den Zuschauern und der Bühne. Die Funktion des Vorhangs für das Theater entspricht in der bildenden Kunst derjenigen des Rahmens, der den Raum der Repräsentation von der umgebenden Wirklichkeit trennt. Das Theater, und wahrscheinlich die gesamte Kunst, entsteht aus dieser Dualität, sinnlos waren die Anstrengungen der Avantgarden des 20. Jahrhunderts, diese Trennung zu leugnen, indem sie auf der kreisförmigen Einheit von Kunst und Leben bis zur vollständigen Löschung jeglicher Differenz insistierten. Dort, wo ein Werk verwirklicht wird, werden wir Zeugen einer Spaltung der Wirklichkeit. Das Leben wird auf der Bühne, wie auch im Bild, wiederholt und verdoppelt. Diese Widerspiegelung deckt sich jedoch nicht mit der Existenz, denn in keiner ihrer Formen geht die Kunst in der gelebten Wirklichkeit auf. Im Gegenteil, sie setzt sich als privilegierter Modus ihrer Überschreitung: Zwischen Kunst und Leben öffnet sich eine schmale Kluft, ein unaufhebbarer ontologischer Unterschied. Der Vorhang ist ein ausgezeichnetes Symptom.

Im weiteren Verlauf seiner Überlegungen zu den Zentralbegriffen des Theatralischen machte sich der Künstler auf die Suche nach einem Bild, das als klassische Ikone, als Prototyp fungieren könnte. Bei seinen Nachforschungen in seinem persönlichen Bilderarchiv stieß er auf eine alte Darstellung eines Vorhangs aus karmesinrotem Samt: ein beweglicher Vorhang, von einer prächtigen, schweren Goldborte gesäumt. Aus diesem Bild wurde eine gleichschenklige Trapezform ausgeschnitten, die sich zur Borte hin verjüngt. Vier Exemplare dieser ausgeschnittenen Form wurden hergestellt und so aneinander gefügt, dass sich eine geschlossene Figur ergab. Diese wurde dann im Maßstab vergrößert und auf das textile Material gedruckt, das über den Eisernen Vorhang gespannt wurde.

Was nun zu sehen ist, ist ein großes goldenes, nach allen vier Seiten von den karmesinroten Vorhangflächen umgebenes Quadrat, das sich auf der Stelle in einen Rahmen verwandelt und auf die geschlossene Welt verweist, in der sich jegliche Fiktion entfaltet. In diesen Rahmen eingesperrt finden sich die einfachsten Elemente des Bühnenbildbaus: Leitern, diverse Objekte, Fragmente eines Bühnenbildes, die in einem Moment der Ruhe erfasst werden, als hätte man sie überrascht, bevor sie aus dem Blickfeld des Publikums geräumt werden konnten. Diese Trugbildchen zeichnen sich vor einem Sternenhimmel ab, als wären es fremde Körper, die an uns vorüberziehen. Man denkt an den Kosmos, an die Nacht, aus der der Tag entsteht, an die unendlichen, möglichen Universen, die kraft der Nachahmungstätigkeit vorstellbar werden. Der Künstler verweist die Zuschauer auf all die für die Opernaufführung notwendigen Vorbedingungen, auf den Ort, an dem sie stattfindet, und auf die Instrumente, derer es bedarf.

Dieses Bild ordnet sich kohärent in den Verlauf der künstlerischen Entwicklung Paolinis ein, ja, es stellt sich in einen Zusammenhang mit seinem ersten Werk, dem Disegno geometrico (1960), das nichts als die Quadratur eines weißen Raumes zeigt. Die weiße Fläche ist die Bühne, auf der die Darstellung/Vorstellung erwartet wird. Die mit dem Bleistift gezeichnete Figur und der Bleistift sind die Elemente, mittels derer ein solches Erscheinen Gestalt gewinnen kann. Der Autor ist selbst nur der Diener, dessen Bestimmung es ist, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, auch wenn diese nicht hinreichen oder zwingend sind, die Mimesis zur Erscheinung zu bringen.

Im Verlauf seiner Reflexionen über das Wesen des Kunstwerks und über seine radikale Differenz zum Wahren hat Paolini immer wieder und absichtlich Elemente verwendet, die in der Geschichte der Repräsentation typisch wiederkehren: das Quadrat auf dem Zeichenblatt, aber auch den Rahmen, klassische Gipsstatuen, zentralperspektivisch gezeichnete Bühnenbilder, und den Sternenhimmel, verstanden als erstes Bild, das im Menschen den Wunsch der Betrachtung erregt hat, verstanden aber auch als Raum der Freiheit, in dem die Wahrheit zugleich immer präsent und immer zweifelhaft erscheint.

Dieser Vorhang, der zum Rahmen und zum Himmel wird, zeigt den Weg, der ins Unbekannte und zur Erstellung unvorhersehbarer Hypothesen führt. Nur der Künstler kennt ihn, und tatsächlich stellt sich Paolini, de Chirico zitierend, die Frage: „Et quod amabo nis quod aenigma est?“

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