Eiserner Vorhang

Das Opernhaus als Bilderrahmen

AutorInnen
Claudia Büttner

Ein aktuelles Werk der bildenden Kunst inmitten von Blattgold, Kristalllüstern und Plüsch? Abstrakte Formen, reduzierte Umrisse kombiniert mit kritischen Inhalten und brisantem Diskussionsstoff – zu sehen, kurz bevor „große Oper“ ihren Auftritt glanzvoll zelebriert – kann das funktionieren?

Anstatt der alten Aufgabe von bildender Kunst in Architekturzusammenhängen zu folgen, also dem Haus ein Motto zu geben, die Oper als Gesamtkunstkunstwerk von Musik, Theater, Tanz und Architektur zu feiern oder Themen und verdienstvollen Köpfen ihrer Erfolgsgeschichte mit Ornament, Skulptur, Reliefs und Emblemen zu huldigen, stellt sich die aktuelle Gestaltung des Eisernen Vorhangs der Wiener Staatsoper durch Kara Walker ihrer Umgebung brüsk entgegen. Dabei erscheint das mit der Eigenwilligkeit der Kunst einhergehende Aufeinandertreffen neuer Stile, Formen und Inhalte an diesem Ort nicht einmal problematisch. Schließlich ist der Oper mit ihrem weitausholenden Griff nach Themen aller Kulturen, Länder und Epochen und der Kombination ihrer Musik und Bilder das historistische „mixtum kompositum“ schon zutiefst zu eigen. Es stellt sich vielmehr die Frage nach der Funktion von bildender Kunst innerhalb dieses Zusammenhangs, der von Stil- und Inhaltsreferenzen überbordet.

Wohin gehört die Kunst? Folgen wir der Entwicklungsgeschichte aktueller Kunst gehört sie auf jeden Fall nicht mehr nur ins Museum. Die neutralen Wände der Kunstinstitutionen sind heute nicht mehr der eigentliche Ort avancierter Kunst. Verschiedenste KünstlerInnen haben den Verkauf „autonomer“ Werke an Sammlungen oder für dekorative Ausschmückungen längst als marktwirtschaftliche Falle denunziert. Wohin gehört also die Kunst?

Eine mögliche Antwort lautet: in die Öffentlichkeit! Doch wo ist die Öffentlichkeit? Gibt es überhaupt einen öffentlichen Raum? Probleme bereiten nicht allein die Besitzverhältnisse und die beschränkten Zugriffsmöglichkeiten angesichts des konkreten Verkaufs staatlicher oder kommunaler und solchermaßen „öffentlicher“ Flächen an private Unternehmen. Zudem verkompliziert die Institutionalisierung des vermeintlich „öffentlichen“ Raumes für einzelne Funktionen den Fall. So wundert sich niemand über die Einschränkung der Öffentlichkeit einer Schule auf die SchülerInnen, oder die eines Kunstmuseums auf ein Kunstpublikum; aber als „öffentlichen“ Raum würde eben auch niemand diese Institutionen betrachten. Gleichzeitig bleiben die verschiedenen Besetzungen – für Werbung, Parkplätze, Infostände usw. – des als „öffentlich“ angesehenen Straßenraums unbemerkt. Die Öffentlichkeit eines Ortes ist immer nur eine eingeschränkte. Richtiger wäre demnach die Antwort, dass sich die Kunst ihre jeweils passende Öffentlichkeit immer neu zu suchen hat.

Dieses Aufeinanderabstimmen von geeigneten Adressaten und relevanten Themen bewegt die Kunst seit Jahren. Mit dem Interesse an Aspekten des alltäglichen Lebens und der Bearbeitung spezifischer Inhalte ergab sich für die KünstlerInnen die Notwendigkeit, sich vor Ort zu informieren und dort auch die künstlerische Umsetzung vorzustellen – also nicht in Galerien oder anderen Kunstinstitutionen. Mit der Präsentation der Kunstwerke vor Ort eröffnet sich die Möglichkeit, mit der Kunst direkten Anteil am öffentlichen Diskurs zu haben und diesen neu zu beleben: Rassismus ist z.B. ein gesellschaftliches Problem, das auf der Straße und mit Medien der Straße am wirkungsvollsten zur Diskussion gestellt wird; sinnliche Erfahrungen sind ein wichtiger Teil unseres Freizeitvergnügens und haben daher auch als künstlerische Umsetzungen ihren Platz in Cafés und Clubs; die Auswüchse und Gefahren kulturellen Imperialismus sollte auch den Rezipienten arrivierter Hochkultur vor Augen gebracht werden; usw. Damit verbunden scheint aber auch jeweils der Wunsch, ein bestehendes Publikum neu für Themen und Herangehensweisen zu gewinnen.

Ein Ausdruck dieses Wunsches ist die Nutzung des Eisernen Vorhanges in der Wiener Staatsoper für aktuelle Kunst. Das zunächst verwegen erscheinende Platzieren von aktueller bildender Kunst im Zentrum des bereits vielfältig besetzten Ortes ist keine willkürliche Applikation von Neuem in Bestehendem. Es ist das Ergebnis einer genauen Analyse der Rezeptionsmöglichkeiten von Kunst. Kaum irgendwo ist die Sichtbarkeit einer Bildfläche größer als auf der Gesamthöhe und -breite einer Bühne; und dennoch ist gerade hier auch die Erfahrung von Leere und Ungeduld spürbar – angesichts des geschlossenen Vorhangs. Gleichzeitig ist wohl nirgends die Ausrichtung der Aufmerksamkeit eines Publikums höher als kurz vor dem Aufheben eines Vorhanges. Im Unterschied zum Theater und zur Oper wird die Nutzung des Ortes und der besonderen Situation der Anfangserwartung vom Kino und Rockkonzert und auch bei Sportveranstaltungen längst praktiziert. Während Theater und Oper wie beim Gottesdienst auf die innere Einkehr des Publikums setzen und sie erst nach dem Schließen der Türen mit einem Prolog oder einer Ouvertüre auf das Folgende einstimmen, nutzen diese zeitgenössische Veranstalter auch die Dauer der Ankunft und des Wartens, sprich die Zeit des „geschlossenen Vorhangs“, zur Informationsvermittlung, Unterhaltung und Werbung. Die deutliche Sichtbarkeit und die Aufmerksamkeit des Publikums erklären auch im Opernhaus das Interesse der KünstlerInnen an der Bearbeitung der Vorhangfläche. Obwohl sie in den Zuschauern auf kein gezieltes Kunstpublikum treffen, finden sie an wenigen Orten in der Stadt so aufnahmebereite Betrachter. Der visuellen Kraft und inhaltlichen Stärke ihrer Werke bleibt es überlassen, aus der eher zufälligen Begegnung eine längerfristige Beziehung werden zu lassen. Damit – und nicht schon durch die Ausschmückung des Bauwerks mit Ornamenten, Skulpturen und Emblemen – wird auch das Opernhaus zu einem Ort der bildenden Kunst.

Claudia Büttner ist Kunsthistorikerin und designierte Kunstkuratorin für die Messestadt Riem in München. 1997 erschien von ihr: „Art goes Public. Von der Gruppenausstellung im Freien zum Projekt im nicht-institutionellen Raum.“ (Silke Schreiber Verlag, München 1997).

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