Eiserner Vorhang 1998/1999

Kara Walkers „Theater der Grausamkeit“

AutorInnen
Nancy Spector

Die Einladung lockt den Besucher mit folgendem Text: „Werden Sie Zeuge einer atemberaubenden, im Stil einer Papyrotonomie erzählten Geschichte, die von einer Negerin in Gefangenschaft erfunden wurde und über ihre außergewöhnliche Flucht in die Freiheit berichtet.“ Dies ist keine normale Einladung. Der Name der Künstlerin steht nirgendwo und es gibt auch keine Bilder, anhand derer man ihr Werk könnte. Der in Form einer theatralischen Schimpfkanonade verfasste Text, der eine Aufführung mit dem Titel „The High and Soft Laughter of the Nigger Wenches at Night“ ankündigte, stellte Kara Walker wilde Kunst der nichts ahnenden Öffentlichkeit vor. Diese Einladung, die anlässlich ihrer ersten Einzelausstellung im Jahre 1995 verteilt wurde, enthält bereits alle Schlüsselelemente ihres Werkes für diejenigen, die bereit sind, zwischen den Zeilen zu lesen. Walker, eine junge, afroamerikanische Künstlerin erweckt den literarischen Tropus der Sklavenerzählung und die theatralische Gattung der Minstrel Show wieder zum Leben, um ihre schrecklichen Erzählungen von Verfolgung und Rebellion zu flechten. Die oben-genannte „Papyrotonomie“ erinnert an das Zyklorama des 19. Jahrhunderts, ein sich drehendes lebensgroßes Gemälde, das historische Ereignisse wie den Revolutionskrieg und den Bürgerkrieg wiedergab, wobei sie in der Art eines kreisförmigen Theaters dargeboten wurden. Die Bezugnahme auf Papier („papyr“) schafft jedoch eine direkte Verbindung zwischen dieser dramatischen Anspielung und Walkers eigenem ästhetischen Feld. Ihre Geschichten werden aber mit lebensgroßen Papierfiguren, überraschenden Silhouetten, rätselhaften Schattenspielpuppen erzählt.

„Alles läßt sich in Gestalt von Schatten vermitteln“, verspricht die Einladung, auch „das Pathos von Leben und Liebe ebenso wie die allgemeinen und besonderen Missbräuche unter niederen Völkern.“ Indem sie erotische und niedrige Aspekte verbindet, greift Walker zurück auf die unterdrückte Geschichte der Rassenbeziehungen in den Vereinigten Staaten, woraus sie schreckliche Geschichten von Bigotterie und Ausbeutung spinnt.

Doch wie die theatralischen Motive, auf die sie auf der Einladungskarte für ihre Ausstellung anspielt, liegt Walker Zugang zu ihrem Thema auch auf der Ebene der „Unterhaltung“, die groben Humor und bitteren Sarkasmus verbindet. Ihr Auftrag, einen Vorhang für die Wiener Staatsoper zu entwerfen, bringt ihre eigenen Wurzeln im amerikanischen Theater auf spannende Weise an die Oberfläche.

Die Minstrel Show war die beliebteste Form öffentlicher Unterhaltung in den Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gespielt von weißen Schauspielern, die schwarz geschminkt waren, bot das Theater der Minstrel Show eine Travestie des Lebens der Afroamerikaner durch die übertriebene Darstellung von kulturellen Stereotypien. Es gab drei Hauptfiguren: Jim Crow, der unbekümmerte, naive Sklave; Mr. Tambo, der stets gutgelaunte Musiker; und Zip Coon, der freie Mann, der vom Zutritt zu einer vornehmen Welt träumte, die ihm aufgrund seiner Erfahrungen und Mittel nicht zugänglich waren. Als inszenierte Karikaturen verstärkten diese drei Figuren die abschätzigen Ansichten der weißen Gesellschaft von der schwarzen Kultur und milderten das Schuldgefühl der Weißen gegenüber der Unterdrückung eines ganzen Teils der Menschheit, indem sie erwachsene Männer in Gestalt von Clowns vorführte. Die Possen der Minstrel Show ließen das weiße Publikum ihre eigenen kulturellen Tabus auf voyeuristische Weise und durch Nachempfinden brechen: ungehemmte Sexualität, unstrukturierte Zeit und kindisches Verhalten.

In ihrem entsublimierten Theater des Südens der Vorkriegszeit kehrt Walker die Minstrel Show von innen nach außen und wirft sie zurück auf ihr herablassendes Publikum. Ihre Ausschneidefiguren stellen die tiefsten Ängste der Zuschauer in einem fantastischen Spektakel von Sadeschen Vergehen dar: Päderastie, Bestialität, Sodomie, Skatologie, Kastration, Mord und Kannibalismus. Die Schattenwelt, die sie darstellt, ist die Hölle selbst, wo der „Neger der Plantagengesellschaft“, aus der heraus die Minstrel Show die Freiheit nimmt, sich selbst und alle um sich herum zu zerstören. Es ist schwierig festzustellen, wo in Walkers Werk die halluzinatorische Darstellung von nicht gezeigten Folterungen endet und die Phantasie der Vergeltung beginnt: „Negerinnen“ verführen ihre weißen Meister, um sie dann zu zerstückeln; drei „schwarze Ammen“ mit unbedeckten Brüsten stillen einander in einem Kreis, der an die drei Grazien erinnert. Der Rumpf eines Mannes schmort auf einem Spieß über offenem Feuer wie ein Stück Fleisch. Ein alter Landbesitzer mit Holzbein vergeht sich an einem kleinen schwarzen Mädchen, während er ein Kleinkind mit seinem Säbel durchbohrt. Eine junge Sklavin hebt ihren Rock, um Neugeborene wie Tiere zu werfen. Es wäre aber falsch, Walkers Theater der Tragödie im Sinne der Hochkultur zu bezichtigen. Es sollte vielmehr als epische Parodie verstanden werden. Dies ist die karnevaleske Grenzüberschreitung eines Michail Bachtins, das Feiern des „Grotesken“ in dem das Abstoßende zu seinem Recht kommt. Das Gelächter, das ihr Werk hervorruft, sollte nicht unterdrückt werden, denn es richtet sich genauso an uns – wir, die modernen „aufgeklärten“ Betrachter – wie an die hier dargestellten historischen Perversitäten. Wie Walkers Technik des Scherenschnitts – eine unbedeutende Kunstform, die einst für Porträts verwendet wurde, aber heute als „Handwerk“ betrachtet wird – ist ihre Arbeit auf trügerische Art und Weise eindimensional. Unverblümter Humor und unaussprechliche Armut bestehen nebeneinander in einem dialektischen Spannungsfeld. Vielleicht sind diese gegensätzlichen Kräfte die notwendigen Zutaten für einen Akt des Exorzismus.

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