Eiserner Vorhang 1998/1999

Schattenwelt und Exorzismus. Kara Walkers Großbild am Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper.

AutorInnen
Vitus Weh

In der Oper gibt es gute und böse Geister. Die guten lieben wir; vor den bösen schützt traditionell der Eiserne Vorhang. In der nächsten Spielzeit der Wiener Staatsoper wird diese Brandschutzwand nicht nur versuchen, dem Feuerteufel zu wehren, sondern auch einige Dämonen zu bannen, die im Opernrepertoire selbst enthalten sind.

Ist gerade keine Aufführung, hat der Eiserne Vorhang Bühne und Zuschauerraum wie eine Mauer zu trennen. Auch in den Pausen. Ein Opernbesuch bietet daher nicht nur den Genuss der jeweiligen Musik, der Schauspielkunst und der verschiedenen Bühnenbilder; man wird unweigerlich auch die Gestaltung dieses Vorhangs sehen. In der Wiener Staatsoper war der prominente Platz seit 1955 durch eine „Orpheus und Eurydike“-Szene von Rudolf Eisenmenger besetzt, über die man aus politischen und ästhetischen Gründen allerdings nie recht glücklich war.

Seit damals erfuhr die Oper unter dem Einfluss des modernen und postmodernen Theaters ebenso wie auf musikalischem Gebiet durch die Änderungen der Interpretationsweisen und durch die Ausbildung neuer Hörgewohnheiten ständige Erneuerungen. Auch die Kunst entwickelte sich weiter; die Gestaltung eines Eisernen Vorhangs ist heute nicht mehr eine kunsthandwerkliche Aufgabe, sondern eine Herausforderung an die Malerei, für die es in den letzten Jahrzehnten selbstverständlich geworden ist, aktiv auf den umgebenden Kontext einzugehen und ihn mit als Bildraum zu begreifen. Dass Staatsoperndirektor Holender im Frühjahr 1997 daher eine entsprechende Neugestaltung zur Diskussion stellte, war längst schon fällig.

Temporäre Raumkunst

Da man das alte Bild jedoch nicht zerstören wollte, suchte man sich mit „museum in progress“ einen Partner, der bereits zahlreiche Erfahrungen auf dem Gebiet temporärer Kunstpräsentationen (Projektionen und Plakate im Stadtraum, Inserts in Zeitungen, Großbilder an der Fassade der Kunsthalle u.a.) gesammelt hat. Zusammen entwickelte man ein Modell, das bald Schule machen könnte: Der Vorhang wechselt mit der Spielzeit. Die Technologie, die dabei allen künstlerischen und konservatorischen Ansprüchen genügt, ist so brillant wie innovativ: Der Bildentwurf wird mit dem „Calsi ® System“ – einer neuartigen, österreichischen Erfindung – auf die benötigten 176 m² ausgedruckt. Der Trägerstoff ist so leicht, dass er einfach mit Magneten am Eisernen Vorhang aufgespannt werden kann.

Feingeschnittene Grobheiten

Für den Auftakt der vorerst vierjährigen Reihe wählte eine internationale Jury die junge afro-amerikanische Künstlerin Kara Walker aus. Ihr Großbild wird während der Spielzeit 1998/1999 zu sehen sein. In Schwarz/Weiß gehalten und partiell auf Goldgrund, der aus dem verdeckten Eisenmenger-Bild übernommen wurde, passt das Tableau brillant zum Glanz des Zuschauerraums. Schnell erkennt man drei Bäume, Bergspitzen und einige Figuren. Was zuerst wie liebliche Märchenillustrationen aussieht, hat es allerdings in sich. Die Scherenschnitte haben weniger mit Idylle und beschaulicher Handarbeit zu tun, als mit grotesken Grobheiten. In den mit Sumpfmoos überwachsenen Bäumen lauern Augenpaare, und hinter jedem Bildelement öffnen sich Bösartigkeiten. Die Szenerie, die da auf dem Vorhang tanzt, ist nicht nur ästhetisch ein Schattenriss. Diesmal aber geht es nicht wie bei Eisenmenger um jenes elegische Totenreich, aus dem Orpheus mit der Macht der Musik seine Eurydike entführen wollte, sondern um einige böse Geister der europäischen Kultur.

Ikonografie des Anderen

Besonders die Oper liebt die Exotik. Je fremder der Handlungsort, desto besser: Verdis „Aida“ entführt uns zur Monumentalität des Alten Ägyptens, Puccinis „Madame Butterfly“ zeigt anmutig die Melancholie der Japaner, Gershwins „Porgy and Bess“ feiert die ärmliche Welt der Afro-Amerikaner und von Mozart kennen wir die lebenslustige Art der Spanier und Italiener. Keine Frage, dass sich dabei Klischee an Klischee reiht, – gerade das macht doch die Unterhaltung aus. Wenn Kara Walker allerdings eine wulstlippige Neger-Karikatur ins Bild setzt, die aus ihrem Saxophon einen hakennasigen Juden bläst, ahnt man, wie leicht der Spaß auch kippen kann. Dafür braucht man nicht einmal zu wissen, dass eine ähnliche Karikatur 1938 das Plakat der Ausstellung „Entartete Musik“ zierte.

Der ganze Vorhang steckt voller solcher Schattenspiele. Den Mohren, der vom Baum herunter Eurydike eine Kaffebohne reicht und hierzulande nicht nur von Meinl, Mohrenbräu und cafe del moro bekannt ist, deutet Kara Walker selbst wie folgt: „Der ‚Mohr’ ist der sinnliche Eunuch. Der Orientalismus in der westliche Kunst rückt diesen schwarzen Charakter in die Nähe der klassisch schönen weißen Frau, um ihre Sexualität zu betonen. Er/sie wird gewissermaßen zu einem Agens der Psyche. Er/sie hält eine übergroße Kaffeebohne, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem weiblichen Geschlecht hat. Eurydike hat ihren klassischen Retter-Orpheus für die erlebten Freuden der schwarzen Anderen verlassen.“

Wie man natürlich auch selbst in die Senkschmiede der Klischees gepresst werden kann, deutet eine kleine Figur auf einem Berggipfel an: In diesem Silhouetten-Fräulein mutiert das österreichische Wesen zu einer Mischung aus Heidi und der singenden Maria aus dem 60er-Jahre-Musical „The Sound of Music“. Der Holzhammer steht wirklich für alle bereit. Ziehen wir den Hut.

Debug [+/-]
Queries:
Array
(
    [redirect] => /attachments/63
    [Config] => Array
        (
            [language] => de
        )

)