Eiserner Vorhang 2008/2009

Rosemarie Trockels Eiserner Vorhang 2008/2009

AutorInnen
Brigid Doherty

„Das teilnehmende Zuschauen beim Schau-Spiel leistet dem Erwachsenen dasselbe wie das Spiel dem Kinde, dessen tastende Erwartung, es dem Erwachsenen gleichtun zu können, so befriedigt wird.“ (Sigmund Freud)

„Wenn man aber allein spielte, wie immer, so konnte es doch geschehen, dass man diese vereinbarte, im ganzen harmlose Welt unversehens überschritt und unter Verhältnisse geriet, die völlig verschieden waren und gar nicht abzusehen.“ Auf den Seiten, die diesem Zitat folgen, befindet sich der gleichnamige Erzähler aus Rainer Maria Rilkes bedeutendem experimentellen Prosatext „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910) in einer Abfolge von Szenen in einem abgeschiedenen Zimmer auf dem Stammsitz seiner Familie, wo Malte eine ganze Reihe tiefer dunkler Kleiderschränke durchstöbert, die voller Kostüme für Maskenbälle und Uniformen von Militär- und Verdienstorden stecken. Der letzte der Schränke enthält keine Kostüme als solche, sondern „allerhand vages Maskenzeug“. Als er die einzelnen Stücke befühlt und anprobiert – „die geräumigen Mäntel, die Tücher, die Schals, die Schleier, alle diese nachgiebigen, großen, unverwendeten Stoffe, die weich und schmeichelnd waren oder so gleitend, dass man sie kaum zu fassen bekam, oder so leicht, dass sie wie ein Wind an einem vorbeiflogen, oder einfach schwer mit ihrer ganzen Last“ –, fühlt er sich wie in einen Rausch versetzt. Eingehüllt in Stoffe, sieht er „wirklich freie und unendlich bewegte Möglichkeiten: eine Sklavin zu sein, die verkauft wird, oder Jeanne d'Arc zu sein oder ein alter König oder ein Zauberer.“

Rosemarie Trockels Projekt im Rahmen der Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“ führt dem Publikum der Wiener Staatsoper so etwas wie die Schwelle zu dem Zimmer voller Kleiderschränke aus den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge vor Augen. Bei dem Objekt, dessen Abbild auf den Brandschutzvorhang aufgebracht ist, handelt es sich um ein sogenanntes Wollbild mit dem Titel „Keller“, das die Künstlerin 1988 hergestellt hat. Dazu wurde ein maschinell gewirkter schwarzer Wollstoff über einen Holzrahmen gespannt, und auf dieser wollenen Bildfläche wurden anschließend Stränge von vorgefertigten Kunststoff-Fäden arrangiert, die industriell produziert und im Deko-Shop Schmitz in Köln als nachgemachte „Spinnenweben“ verkauft werden. Genauer gesagt ist das Abbild auf dem Brandschutzvorhang eine mehr als dreihundertfache photographische Vergrößerung des Wollbildes, wodurch eine Arbeit, die ihren Platz in Verbindung mit der Geschichte des Tafelbildes und vor allem des modernen Monochrom-Bildes eingenommen hatte – man denke beispielsweise an das „Schwarze Quadrat“ (1915) des russischen Suprematisten Kasimir Malevich, das einen Ausgangspunkt für weitere Arbeiten Trockels darstellt –, in ein Bild verwandelt wird, dessen Dimensionen geradezu kosmisch scheinen.

Wenn das Abbild der tiefschwarzen Wolle und des zarten weißen Kunststoff-Netzes an die Schwelle zu einem Zimmer denken lässt, das zugleich verlockend und beunruhigend ist, dann bekommt man den Eindruck, als könne die Erscheinung von Trockels Wollbild auf dem Eisernen Vorhang für das wartende Publikum der Staatsoper das sein, was die Kleidungsstücke im Inneren des dunklen Schranks für Malte waren: ein umhüllendes Gewebe – hier monumentalisch entmaterialisiert, eine Art bildgewordener oder gar raumgewordener Stoff –, in dem man sich selbst verwandelt findet; verwandelt nicht so sehr durch eine Veränderung der Umstände als vielmehr durch das Erwachen der eigenen Vorstellungskraft oder sogar des eigenen Kunstsinns. So gesehen mag sich das Publikum nicht nur Malte – und, natürlich, Trockel – verbunden fühlen, sondern auch den Arachniden, die jene Netze weben, zu denen die auf dem Eisernen Vorhang abgebildeten Kunststoff-Fäden das Simulakrum darstellen; jene Spinnentiere also, die ihre Netze spinnen wie menschliche Weber die Fäden, aus denen Wollbilder und so viele andere Dinge gemacht sind.

Trockels Bild auf dem Eisernen Vorhang markiert für das Publikum nicht nur eine Einbildungs-, sondern auch eine Identifikationsschwelle, einen Zugang zu einem Raum, in dem die Einbildungskraft übernehmen kann, ein Raum, in dem man sich plötzlich zur Identifikation wie beispielsweise mit Personen auf der Bühne befähigt sieht – sei es mit Figuren aus dem Repertoire der Geschichte (Maltes Jeanne d'Arc), sei es mit Kreaturen aus der Welt der eigenen oder fremden Phantasie. Oder vielleicht wäre es passender zu sagen, dass Trockels Bild auf dem Eisernen Vorhang eine Schwelle markiert, an der sich die Einbildungskraft als einen Raum mit privilegierter Sicht auf ein teatrum mundi wiederentdecken kann.

Quellen:

Sigmund Freud, „Psychopathische Personen auf der Bühne“ (1905/06), Studienausgabe, Band X: Bildende Kunst und Literatur, herausgegeben von Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey (Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1994), S. 161–168, hier: 163. Unpubliziert zu Freuds Lebzeiten.

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910), Werke, kommentierte Ausgabe in vier Bänden, Band III: Prosa und Dramen, herausgegeben von Manfred Engel, Ulrich Fülleborn, Horst Nalewski, August Stahl (Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 1996), S. 453–635, hier: 525, 527–528.

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