Eiserner Vorhang 2007/2008

Gespräch mit Jeff Koons

AutorInnen
Hans-Ulrich Obrist

Hans-Ulrich Obrist: Als Erstes möchte ich dich bitten, mir etwas über die Entstehung des Projektes „Eiserner Vorhang“ zu erzählen. Wie kamst du dazu, dieses Bild im Zusammenhang mit dem Opernprojekt zu wählen?

Jeff Koons: Das Bild, das ich verwendet habe, stammt von einem Gemälde mit dem Titel „Geisha“. Ich hatte das Gefühl, dass bei diesem Bild der Inhalt ein sehr breites Spektrum abdeckt. Was immer sich im Opernhaus abspielt, ist dieses Bild nicht an eine bestimmte Erzählung gebunden ist und für viele Interpretationen offen.

HUO: So ist also die Idee, dass das Publikum – es sitzen ja tausende Menschen während des ganzen Jahres davor – das Publikum an viele verschiedene Interpretationen, Lesarten und Betrachtungsweisen denken kann.

JK: Ja, ganz genau, Hans. So würde es nie langweilig werden für das Publikum. Die Zuschauer würden immer etwas sehen und etwas Interessantes finden und verschiedene Assoziationen darin finden können. Wenn man zum Beispiel genau hinsieht, kann man einige Affen im Bild erkennen. Man könnte das ansehen und dabei an einen von einem Affen begleiteten Drehorgelspieler denken.

HUO: Das Bild ist von einer geradezu Schwindel erregenden Komplexität. Ich denke, dass diese Art Komplexität, die mehrschichtigen Aspekte dieses Bildes, verschiedene Lesarten zulässt. Kannst du etwas über diese Komplexität, die für mich gerade das Besondere an diesem Bild ausmacht, sagen?

JK: Dieses Bild hat verschiedene Elemente. Ein Element ist ein sich nähernder Eisenbahnzug, der auf eine Pferdekutsche trifft. Es wird also eine Technologie von einer anderen abgelöst und so entsteht diese sexuelle Spannung. Diese sexuelle Spannung wird auch von Popeye und Olive Oyl symbolisiert. Es sind zwei amerikanische Zeichentrickfiguren, die eine männlich – Popeye – und die andere weiblich – Olive Oyl. Sie stehen symbolisch für die sexuelle Spannung, dieses Zusammentreffen zweier sich ablösender Technologien. So wird man mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Sie befinden sich auf derselben Ebene – in Silber. Es gibt auch das Bild einer Geisha, das einem japanischen Holzdruck aus dem 18. Jahrhundert entnommen wurde. Auch das repräsentiert eine sexuelle Ebene in diesem Bild. Ein weiteres Element wäre Hulk, eine Art Actionfigur. Vielleicht nicht eine Actionfigur, eine Figur aus einem Comic-Book. Was mir am Hulk gefällt, ist, dass er sowohl die östliche als auch die westliche Kultur repräsentiert. So kann man an diese Actionfigur, diese Figur aus einem Comic-Book denken, doch gleichzeitig kann man sie betrachten und die Verbindung zu den östlichen Schutzgöttern sehen, jenen Beschützern, die auch zu einer extremen Gewalt fähig sind.

HUO: Die Opernbesucher werden vielleicht nicht vertraut sein mit dem ganzen Werkzyklus, zu dem dieses Bild gehört. Könntest du uns sagen, bis zu welchem Grad es Teil einer größeren Bildserie ist?

JK: Das Wichtigste beim Schaffen eines Werkes ist, dass man versucht, etwas mit Energie aufzuladen. Visuell vermittelt gerade diese Arbeit einen starken Eindruck von Energie, die man einfach spürt, wenn man das Bild betrachtet. Diese Arbeit ist Teil eines Werkzyklus mit dem Titel „Hulk-Elvis“. Es handelt sich um einen Werkzyklus, der versucht, das auf sehr sinnliche Weise zu behandeln. Also wenn man diese Bilder betrachtet, kann man diese Kraft deutlich spüren. Es ist ein Werkzyklus, der auch versucht, mit Menschen mit Hilfe von Kunstgeschichte und kunstgeschichtlichen Bezügen in Kontakt zu treten. Diese Arbeiten können Menschen mit den tiefsten Schichten unserer eigenen menschlichen Geschichte verbinden und uns ein Gefühl von unserer Vergangenheit und unserer Zukunft geben. Dies ist nur ein Bild aus einer Serie von Gemälden, die ich gemacht habe. Meistens beinhalten diese auch einen Aspekt der Hulk-Figur, die eine Stellung wie Andy Warhols Elvis einnimmt. Das ist auch der Grund, warum ich die Serie „Hulk-Elvis“ genannt habe. Es gibt auch einige Bilder, in denen Affen vorkommen, die mit diesen Affen-Zug-Bildern verwandt sind. Ich glaube, dass sie im Geisha-Bild sehr deutlich integriert sind. Man hat einen Affenkopf und man hat auch das Aufeinandertreffen vom Zug und der Pferdekutsche. Ich glaube, dass diese Arbeiten mit Sterblichkeit zu tun haben. Und es gab andere Werke in der Serie, die auf Landschaft beruhten, die diesem Werkzyklus einige weibliche Aspekte verleihen sollten.

HUO: Daniel Birnbaum hat vor ein paar Jahren in einem von ihm verfassten Text behauptet, dass es zum jetzigen Zeitpunkt fast zu einer Orgie der Aneignung gekommen ist. Da dieser Begriff in den achtziger Jahren so viel verwendet wurde, wollte ich wissen, wie du das mit dem Begriff der Aneignung in Bezug auf diese Arbeit siehst.

JK: Ich bin Daniel übrigens am Frankfurter Flughafen über den Weg gelaufen. Es war wirklich sehr nett, ihn zu sehen. Aber weißt du, ich fühlte mich nie von den Aneignungstendenzen in der Kunst angesprochen. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass ich mehr von der Tradition der Readymades als vom Aneignungsdenken komme. Der Grund, warum ich diesen Unterschied mache, ist, dass ich glaube, dass Readymade wirklich mit Optimismus zu tun hat und nicht mit Diebstahl oder Plagiat. Das Aneignungsdenken beruht auf diesem Gefühl, dass etwas Subversives stattfindet und man sich etwas aneignet, etwas beherrscht, während die Readymade-Philosophie viel optimistischer ist. Es hat damit zu tun, dass einem alles offen steht und dass man nicht von Besitztum sprechen kann, wenn es sich um die menschliche Geschichte handelt. Weißt du, in der Kunst geht es wirklich darum, dass man mit Metaphern und der Ästhetik arbeitet. Alles dreht sich wirklich um Metaphern der Akzeptanz und nichts hat jemals wirklich mit Objekten zu tun, es geht immer nur um Menschen. So bin ich gerne an eine Geschichte der Kunst gebunden, bei der es darum geht, die Kunst als Mittel zu verwenden, das Menschen dazu verhelfen soll, sich selbst zu akzeptieren und andere zu akzeptieren.

HUO: Sehr oft können Elemente deiner Bilder wie Hulk in dreidimensionaler Form, in einer Skulptur auftauchen. Ich glaube, es wäre sehr spannend, sich vorzustellen, wie der große Vorhang mit dem enormen Bild, das ein ganzes Jahr lang hängen wird, plötzlich in dreidimensionaler Form im Raum auftaucht. Es geht eigentlich um den Raum, der sich zwischen Malerei und Skulptur auftut.

JK: Ich glaube, dass die Kunst sowohl das Innenleben als auch das Außenleben thematisiert. Sie behandelt die Schnittstelle zwischen den beiden, das Innenleben und die Art und Weise, wie Menschen mit der Außenwelt umgehen. Ich glaube, dass der dreidimensionale Aspekt von Dingen, dass das Nebeneinander von Zwei- und Dreidimensionalem diese Spannung fast aufrechterhält. Die ständige Spannung bei der Entzifferung der Welt und der Auseinandersetzung mit den Unterschieden zwischen innen und außen ... Es tut mir leid, wenn ich das nicht so gut ausformulieren kann.

HUO: Nein, das ist eine tolle Antwort. Sie führt uns zu der Frage von Architektur und Raum. Denn die Wiener Oper ist offensichtlich ein außerordentlich spektakulärer Raum – sie erinnert auch an das ebenfalls spektakuläre Opernhaus in Budapest. Wenn dieses Bild auf die Dimensionen des enormen Vorhangs projiziert wird, wird das eine sehr starke architektonische Präsenz im Raum haben. Wie siehst du dieses Verhältnis zwischen Malerei und Architektur?

JK: Ich sah das Bild im Rahmen des Opernhauses und spürte, dass es als Bühnenvorhang einen ganz besonderen Charakter annahm. Es nahm eine noch viel stärkere Präsenz an und vermittelte das Gefühl, dass es als Vorhang den Auftakt zu einem Ereignis bildet, in dem sich die Welt auftut. Das machte einen ganz „gehobenen“ Eindruck. Ich wünsche, ich hätte das Ganze jetzt vor mir, aber es wirkte auf mich wie ein sehr barocker Innenraum, oder?

HUO: Ja, sehr barock.

JK: ... mit Gold und mit vielen Schnörkeln. Die monochromen Bereiche des Vorhangs bilden einen sehr guten Kontrast dazu.

HUO: Was denkst du über die Vorstellung, dass sich ein Kunstwerk aus dem Atelier in die Welt hinaus ausbreitet und in einem anderen Format existiert und in gedruckter Form sogar ein viel größeres Format annehmen kann. In den sechziger und siebziger Jahren haben Gilbert und George für eine Kunst für alle plädiert. Es geht um die Idee, dass Kunstwerke durch die verschiedenen Medien viel mehr Menschen erreichen können. Interessiert dich der Gedanke einer Kunst für alle?

JK: Ja, da ich an die Großzügigkeit glaube. Ich glaube, dass der Künstler so großzügig wie möglich sein muss. Aber ich denke, dass das vermittelnde Medium nicht durchkommt, ob es sich um einen Vorhang in einem Opernhaus handelt oder ob man etwas auf Badetücher oder auf die Titelseite einer Zeitschrift druckt. Für mich wird es erst durch die Idee vermittelt. Es ist aber wirklich wichtig, glaub ich, über verschiedene Medien für die Präsentation einer Idee zu verfügen. Bei der Arbeit an Skulpturen für meine „Hulk-Elvis“-Serie versuche ich, eine große Skulptur für den öffentlichen Raum zu schaffen, wobei ich sogar die Außenfläche von Dakis Joannous Yacht gestalte und dabei das ursprüngliche Farbschema entdecke. Ich arbeite noch an Skulpturen für die „Hulk-Elvis“-Serie. Es gibt eine große öffentliche Skulptur für das LACMA, das Bezirksmuseum von Los Angeles, eine Auseinandersetzung mit minimaler Statik. Der Titel dieser Arbeit ist „Train“.

HUO: Meinst du das Dampfobjekt, das du vorhin erwähnt hast, der Dampf eines Zuges?

JK: Ja, richtig. Es enthält einen Kran, der aus Deutschland stammt, einen Liebherr-Kran. Von diesem Readymade-Kran hängt eine Dampflokomotive aus dem Jahr 1943, eine aus der 2900 Serie, eine der größten Dampflokomotiven, die je produziert wurden. Sie hängt über dem Boden und der als Kuhfänger bezeichnete Schienenräumer hängt etwa zehn Meter über dem Boden. Die Maschine wird in Bewegung gesetzt und läuft und die Ausstellungsbesucher können unmittelbar darunter spazieren. Nichts steht zwischen ihnen und dem Gegenstand – dem Kuhfänger der Lokomotive, der direkt von oben auf sie zukommt. Und sie läuft und wird immer schneller. Sie bewegt sich mit voller Geschwindigkeit und gibt ein sich orgiastisch steigerndes Geräusch von sich. Und dann wird sie wieder langsam, bis sie zum Stillstand kommt.

HUO: Eine allerletzte Frage zu Wien. Der Vorhang wird ja in Wien hängen und einige Hunderttausend Menschen werden das Bild im Laufe des Jahres sehen. Was ist deine Beziehung zu Wien? Magst du Wien? Hat Wien eine Rolle in deiner Arbeit gespielt? Es wäre interessant zu hören, was dir zu Wien einfällt.

JK: Nun, wenn ich an Wien denke, hat mir immer die Idee einer „akademischen“ Stadt gefallen. Als ich in München lebte, habe ich Wien oft besucht und verschiedene Kunstausstellungen besichtigt. Ich war gerade vor zwei Wochen dort. Ich habe in der Kunsthalle Dakis Joannous Ausstellung „Traum und Trauma“ gesehen. Ich habe Vorträge an der Hochschule gehalten und so eine gute Beziehung zu Wien aufgebaut. Ich habe auch immer gerne das große Kunsthistorische Museum mit seinen alten Gemälden besucht. Das ist ja eine wirklich tolle Sammlung.

HUO: Gut, ganz herzlichen Dank für dieses wunderbare Gespräch.

(New York, 18.7.2007)

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