Eiserner Vorhang 2002/2003 – Komische Oper Berlin

Das Auge des Riesen

AutorInnen
Ina Blom

Größe betrifft das Objekt, der Maßstab hingegen ist Sache der Kunst, schrieb der amerikanische Künstler Robert Smithson vor einigen Jahrzehnten. Der Maßstab, nicht die Größe, macht es möglich, einen Riss in der Wand als den Grand Canyon wahrzunehmen oder die Ordnung des Raumes als das Sonnensystem. Beim Maßstab kommt es auf die Fähigkeit des Einzelnen an, sich der Bedingungen der Wahrnehmung bewusst zu sein.1 Angesichts – buchstäblich verstanden – der Arbeit von Michael Elmgreen und Ingar Dragset auf dem Eisernen Vorhang der Komischen Oper Berlin erhalten Smithsons Worte neue Bedeutung.

Ein Riesenauge, das uns, das Publikum, durch ein gleich großes Loch in der Wand fixiert, verwirrt im Moment unseren Sinn für Proportionen – d.h. den eigentlichen Sinn des Raumes, den wir gerade betreten haben. Architektur handelt zum einen von den Proportionen gelungener Form. Aber sie handelt auch von jenen Proportionen, die insgeheim auf die soziale Funktion eines Raumes verweisen, wie um unsere Wahrnehmung und unser Handeln zu steuern. Im Opernhaus ist es Aufgabe der Proportion, eine gewisse Distanz herzustellen – die Distanz, die für uns das fiktionale Ereignis auf der Bühne erschafft, als wäre es ein Puppenspiel in einer Spielzeugschachtel. Die Einsperrung des Publikums in eine luxuriöse, dem Mutterschoß gleiche Situation ist die Voraussetzung für die Herstellung der Fiktion.

Jetzt aber werden für einen kurzen Augenblick die Rollen vertauscht: Unter dem allzu nahen Blick des Auges werden die Zuschauer, wie Gulliver im Land der Riesen, aussehen wie Puppen in einer zerbrechlichen Schachtel. Unsere Handlungen werden den Charakter von Fiktionen annehmen (war es doch auch für die Riesen schwierig, Gullivers Auffassung der Wirklichkeit nachzuvollziehen). Und dann wird plötzlich klar, dass die so soliden, traditionell gemauerten Wände, die uns umgeben, eigentlich nur Kulissen sind, die „das Bühnengerüst errichten“ für das Leben, von dem wir glauben, dass wir es so leben müssen. Solche räumlichen, architekturgestützten Verschiebungen und Interventionen in sozialen und institutionellen Wirklichkeiten sind Elmgreens und Dragsets Spezialität. In ihrer Arbeit geht es um ein klareres Verständnis der Möglichkeiten und der Unmöglichkeiten der Räume, die wir als gegeben hinnehmen. Manchmal bedarf es nur eines kleinen Eingriffs – einer Verschiebung der Perspektive, eines Richtungswechsels, einer Arretierung des Zweckdenkens –, um die Wahrnehmung in erschreckender oder begeisternder Weise zu verändern.

Um nur einige Beispiele zu geben: Die Wände einer Galerie werden immer wieder von neuem weiß gestrichen, wie in ständiger Vorbereitung einer Ausstellung, die niemals stattfinden wird. Noch eine Galerie, schief gestellt und zum Teil im Boden, vor einem Museum, vergraben. Ein Sprungbrett, das aus einem Museumsfenster hinaus zum Meer hinüber weist. Bei all ihrer Dramatik unterscheiden sich diese Arbeiten von typischeren Werken der Fiktion in einem wichtigen Merkmal. Fiktion in der Oper beispielsweise setzt eine willentliche Suspendierung des Zweifels voraus. Die fiktionalen Aspekte in der Wirklichkeit aufzuzeigen, impliziert hingegen einen momentanen Zusammenbruch der nicht bewussten Suspendierung des Zweifels, die den Alltag intakt hält. Elmgreen und Dragset formulieren allerdings niemals die Form oder Richtung dieser neuen Wirklichkeit, die an die Stelle jener anderen, von ihnen für einen Augenblick demontierten Wirklichkeit treten soll. Sie schaffen nur Gelegenheiten für mögliche individuelle oder kollektive Neubestimmungen der Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Manchmal lassen sich solche Gelegenheiten herstellen, indem nur auf das, was schon da ist, verwiesen wird. Die Komische Oper in Berlin ist selbst ein perfektes Beispiel für die fragilen, stückwerkhaften und flüchtigen Aspekte der Architektur. Man betritt ein, wie man annimmt, funktionales Gebäude und stößt im Innern auf ein seltsames, neo-barockes Trugbild, ohne Warnung und ohne Übergänge. Die Trennung von Innen und Außen ist so radikal, dass es so wirkt, als wäre es nur die aufrecht erhaltene kollektive Verbundenheit mit den Freuden der musikalischen Fiktion, die den Gebäude noch Autorität verleiht. Für einen Augenblick lässt uns der Blick des Riesen unsere Zugehörigkeit zu diesem Kollektiv erkennen und lässt uns die Frage stellen: Wer sind wir, die Liebhaber der Oper?

1 Robert Smithson, The Writings of Robert Smithson (ed. Nancy Holt), New York 1979, S. 112.

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