Eiserner Vorhang 2001/2002

Verzögerung in Eisen

AutorInnen
Ecke Bonk

sator arepo tenet opera rotas

dromos bezeichnet im Griechischen Geschwindigkeit und Bewegung. Palin meint dasselbe wie zurück. Palindrom lässt sich als „beschleunigte Rückkehr“ übersetzen. Sei es, dass sich diese Rückkehr auf eine abc-Symmetrie (rotor, radar) bezieht, sei es, dass Photonen von einer reflektierenden Oberfläche zurückgeworfen werden, der Vorgang ist in beiden Fällen „palindromisch“.

meta-atem

Eine Verzögerung – jenes Emblem der Bewegung – kann diese palindromische Wiederkehr repräsentieren. Das Bild des Teatro alla Scala, fotografiert in den frühen 50er Jahren, später in allgegenwärtiger Vielfalt auf farbigen Postkarten reproduziert, wurde von Hamilton in den späten 60er Jahren in einer Edition von Radierungen mit farbigen Siebdruck-Ergänzungen reformuliert. Eine Art Wiedergeburt des bemerkenswerten Fotos von Erio Piccagliani. Implantiert in die Wiener Staatsoper, schaut nun die Mailänder Scala auf sich selbst zurück in einer seltsam vertrauten Suspension. Das Ereignis wandelt sich in eine gefaltete Raumzeit-Reflektion. Der Eiserne Vorhang, der die Bühne vom Zuschauerraum trennt, transmutiert zu einem „Retard en Fer“ (Verzögerung in Eisen), als ironische Paraphrase des Untertitels „Retard en Verre“ (Verzögerung in Glas), den Marcel Duchamp für sein „Grosses Glas“ verwendet hat.

o grammar go

1974 fotografierte sich Hamilton in einem Spiegel, das Foto verwandelte er dann mittels einer bei 3D-Postkarten verwendeten Technik in ein Selbstportrait. Er nennt das Bild Palindrom. Die spezielle Methode des 3D-Drucks ist einem einfachen optischen Trick verwandt, dem Lincoln-Wilson-System, das auch Duchamp erprobte. Sieht der Betrachter, von links kommend, das Portrait des Präsidenten Wilson (1913–21), zeigt ihm dasselbe Bild, von rechts angeschaut, das Portrait des Präsidenten Lincoln (1861–65) – eine andere Art von Zeitfalte. Über diesen optischen Trick nachdenkend, kam Duchamp zu seiner Formulierung einer „Spiegelnden Rückkehr“. Gäste von Langans Brasserie in London hatten, wenn sie an einem bestimmten Tisch saßen, die Möglichkeit, mit einem Gemälde vor Ort zu interagieren. Es war ein Schwarzweißfoto des Restaurants vor seiner Renovierung und Neueröffnung, in welches ein Tisch mit gedeckter Tafel aus dem neuen Restaurant hineingemalt war. Das Bild hing an eben der Wand, die auf demselben abgebildet war. Die nicht auflösbare Verschränkung der drei Raumachsen mit der vierten Dimension der Zeit wurde modellhaft vorgeführt.

oh, cet echo

Hamilton begreift Dimensionen als mentale Konstruktion (Verzögerung in Protein) – auf der Basis neuronaler Beweglichkeit von maximal 9 m/sec für die synaptischen Übertragungen. Sein Vorgehen erinnert auch an das „Letzte Abendmahl“, das Meisterwerk von Leonardo da Vinci, gemalt für das Refektorium der Dominikaner Mönche in Mailand. Leonardo ergänzt hier die traditionelle Anordnung der Tische, in dem er einen vierten virtuellen Tisch mit Hilfe einer komplexen Anwendung der Gesetze der Zentralperspektive hinzufügt. Bilder wurden besonders seit der Renaissance mit Fenstern und/oder Spiegeln assoziiert; da die Konvention der Zentralperspektive sich auf einen senkrechten Schnitt durch den Sehkegel bezieht, der im Auge des Betrachters zentriert ist. Spiegel und Fenster sind Demonstrationen dieses senkrechten Schnitts, und somit auch der vergoldete Rahmen des Proszeniums.

no it is opposition

Wenn das Licht erlischt, verliert jeder Spiegel seine geheimnisvollen Kräfte. Der Nobelpreisträger Richard Feynman hat einmal in einem Vortrag die Vermutung ausgesprochen, dass es ein großer Schritt vorwärts wäre in unserer Beschreibung der Natur, wenn wir verstehen könnten, was an der Oberfläche eines Spiegels tatsächlich passiert. Und so wie jedes Spiegelbild eigentlich als ein Ereignis, ein Prozess in der Zeit betrachtet werden muss, so ist auch jeder Eindruck ein cerebrales, elektrochemisches Produkt, egal ob Spiegelbild oder eine andere visuelle Wahrnehmung: Der Betrachter wird vom Bild re-produziert.

aide moi o media

Albert Einstein postulierte im Zuge seiner Bemühungen, Kohärenz in unser Universum zu bringen, die Lichtgeschwindigkeit als unveränderliche Naturkonstante, und somit „klein c“ als unberührt von der relativen Geschwindigkeit eines Betrachters oder einer Messapparatur. Dieses Axiom wird nicht länger generell akzeptiert und wird von neueren, zur Zeit u. a. in Wien durchgeführten Experimenten ernsthaft in Frage gestellt. In einem traditionellen Einstein-Universum aber würde ein Beobachter vor einem Spiegel, den man auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt hätte, am Ende sein Spiegelbild verlieren, da jedes von der Oberfläche des Spiegels reflektierte Photon die Lichtgeschwindigkeit überschreiten müsste, um ein Spiegelbild auf der Retina des Betrachters zu erzeugen. Wenn wir akzeptieren, dass Licht keine momenthafte Präsenz, sondern eine messbare Dauer für seine Ausbreitung hat, verwandelt sich jede Reflexion in ein Ereignis. Dann sind Femto-Sekunden nur ein Sonderfall anderer Zeiteinheiten, egal ob Stunden oder Jahrtausende. Entsprechend werden Entfernungen von astronomischer Bedeutung in Lichtjahren gemessen.

Warnung: Nur kurz bevor das Licht ausgeht, wird das Bild vollständig erscheinen.

are poses opera

„Manche Theorien der Russelschen und Fregeschen Logik machen den Fehler den man machen würde, wenn man sagte ein gemaltes Bild könne man auch als Spiegel benutzen wenn auch nur für eine einzige Stellung wo dann Übersehen wird dass das Wesentliche beim Spiegel gerade das ist dass man aus ihm auf die Stellung des Körpers vor dem Spiegel schliessen kann während man im Fall des gemalten Bildes erst wissen muss dass die Stellungen übereinstimmen ehe man das Bild als Spiegelbild auffassen kann“. Ludwig Wittgenstein, Philosophische Bemerkungen.

rever /refer /eye /level

Spiegel: altfranz. mirour, modern miroir, von lat. miratorium, von mirari, bewundern.

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