Eiserner Vorhang 2006/2007

Angst essen Seele auf

AutorInnen
Brigitte Huck

„Ich mache kein Zeichen, schaffe kein Bild, sondern ich interessiere mich quasi für Einstellungen, eine Verschiebung der Denkweise. Ich mache nichts, worauf sich alle einigen können, nichts, das verkündet: ‚Das ist es, worum es letztlich geht.’ Es ist etwas viel Unbeständigeres und Flüchtigeres [...], eine andere Auffassung von Kultur“, sagt Rirkrit Tiravanija.

Der Künstler, der den Eisernen Vorhang für die Staatsopernsaison 2006/2007 geschaffen hat, wurde in Buenos Aires geboren, wuchs in Kanada und Thailand auf und lebt heute in New York und Berlin. Ein Pendler zwischen Metropolen und Kulturen. Kein Maler, kein Bildhauer. Ein Kommunikationsspezialist, ein Interaktionsprofi. Wenn Rirkrit Tiravanija Kunst macht, bietet er den Betrachtern das höchste Gut an, das auf dieser Welt zu erringen ist: Freiheit. Die Freiheit, zu entscheiden. Denn der Künstler gibt Strukturen vor, liefert die Ausstattung für Genreszenen des Alltags, das Werk jedoch entsteht erst durch die Aktion und Partizipation des Publikums.

„Das soziale Kapital“ hieß ein Projekt für das Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich. Dort eröffnete Tiravanija seine Migros-Supermarktfiliale. Man konnte shoppen, es wurde Curry gekocht, Musik gemacht, das Auto repariert, Bier und Cola ausgeschenkt. Im Fernsehen lief Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“ (1974).

Der Film, der von gesellschaftlichen Vorurteilen und Abhängigkeiten erzählt, ist das Thema des Eisernen Vorhangs. Rirkrit Tiravanija übersetzt die Geschichte – die Beziehung zwischen einer alternden Putzfrau und einem marokkanischen Gastarbeiter – in ein kühles, abstraktes Bild: der Filmtitel in Helvetica, jener neutralsten aller Schrifttypen, vor dem bunten Streifencode des Fernsehbildschirms. Die Demütigungen und Grausamkeiten, die soziale Außenseiter erleiden, in einen Satz gepackt, die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Angst, geschildert auf der Backstage des Ungegenständlichen. Darüber hinaus schickt der Künstler, ein Meister kultureller Sabotage, den Ouvertüren einen Sound voraus, der beim Heben des Opernvorhangs erklingt.

Tiravanija unterwandert klassische Verhaltensmuster: Im Museum wird gekocht, in der Galerie geschlafen, in der Oper: ferngesehen? Der Künstler verändert Blickregimes, löst die geläufigen Identifikationsmodi auf. Die Entauratisierung des bürgerlichen Weihespiels hat begonnen.

Den Mythos Fassbinder lokalisiert Tiravanija an einer Schnittstelle im Zwischenbereich vor und auf der Bühne, im Zwielicht von Realität und Illusion. Was aber passiert hinter der Bühne, hinter der Illusion? Was hat es auf sich mit den Fragen nach Exklusion und Inklusion, wer mitspielen darf und wer nicht, Fragen, die das Theater, die Fassbinder stellt? Was hat es auf sich mit der Realität? Die Cineasten unter den Opernbesuchern werden sich an Fassbinders Vorbild für „Angst essen Seele auf“ erinnern: Douglas Sirks „All that Heaven Allows“ (1955), ein Melodram über die unstandesgemäße Liebe zwischen einer reichen Witwe und einem Gärtner: ein trivialer Stoff in raffinierter, stilistisch ausgefeilter Inszenierung – auch eine Schnittstelle zur Oper.

In Kenntnis seines Werks könnte man davon ausgehen, dass Rirkrit Tiravanija mit dem Eisernen Vorhang in Wien einen skulpturalen künstlerischen Prozess vollendet, allerdings ohne ihn konkret zu benennen. Er bedient sich der Sprache als Medium und lässt die Möglichkeiten der Interpretation offen. Den Opernbesuchern bleibt die Freiheit, es sich innerhalb der vorgegebenen Rahmenbedingungen bequem zu machen, oder aber aufzubrechen in die Atmosphären der Konzeptkunst, die Rirkrit Tiravanija von den Fesseln der Insider-Referenz befreit hat. Seine Parallelwelten sind zugänglich für alle.

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