White Wall Travelling 1997

White Wall Travelling 1997 von Melik Ohanian

AutorInnen
Brigitte Huck

Melik Ohanian, geboren 1969, lebt und arbeitet in Paris. Mit Pierre Huyghe und Philippe Parreno gehört er zu jener jüngeren Generation französischer Künstler, in deren Arbeit sich verschiedene Realitätsebenen überlagern. Er ist ein Künstler, der Geschichten erzählt. Seine Bilder kommen von „anderen“ Orten. Man könnte glauben, dass es sich um Reportagen handelt, doch geht seine Arbeit über das Dokumentarische hinaus, sie basiert auf dem Tauschhandel zwischen dem Realen und dem Imaginären. Er setzt sich mit etablierten Erzählmodellen auseinander, zögert jedoch nicht, auch alternative Szenarien auszuprobieren.

„White Wall Travelling“ ist in seiner ursprünglichen Form ein Film, der aus drei individuellen Sequenzen besteht. Er führt uns in die Docks von Liverpool, wo 1995 ein für die Arbeiterbewegung Europas richtungsweisender Streik stattfand. 500 Docker und ihre Frauen, die „Women of the Waterfront“, protestierten über zwei Jahre lang gegen ihre Entlassung und die sogenannte „Arbeit auf Abruf“ (flexible work), die unter der Thatcher-Regierung in den britischen Häfen Einzug gehalten hatte. Es kam zu internationalen Solidaritätsaktionen und Protestveranstaltungen in 82 Häfen. Die Docker übernahmen die Hymne des FC Liverpool „They'll never walk alone“ und die Fußballspieler trugen unter ihren Trikots das Docker Streik T-Shirt. 1998 wurden die Docks geschlossen, die Hafenarbeiter hatten ihren Kampf verloren. Er geht als Symbol für kollektive Solidarität innerhalb der Arbeiterbewegung in die Geschichte ein.

Melik Ohanians Film zeigt den Weg durch Straßenzüge der Liverpooler Docklands, die sich über zwölf km erstrecken. Es ist ein langsames, stilles Road-Movie, ganz anders als der heftigere, militante Film „Dockers“, den Ken Loach einige Monate vorher am selben Ort gedreht hatte. Ohanian zeigt keine Demonstrationsszenarios, sein Storyboard basiert auf der Topografie. Für das Billboardprojekt der Arbeiterkammer hat er signifikante Kader ins Plakatformat gebracht. Die Docks liegen öde und verlassen da. Wie eine Filmkulisse. „Das ist das Ende der Ära, in der Produkte hauptsächlich mit dem Boot in den Handel gebracht wurden. Hier geht es um die Geschichte eines ökonomischen Systems, das über 100 Jahre funktioniert hat. Und wenn man eines der alten Schiffe betritt, hat man heute das Gefühl, als spiele man in einem Film mit. Und alles, auch die Architektur, sei nur Dekoration. Also wenn man hierher kommt, fühlt man, dass man zu spät kommt, dass alles zu Ende ist“ sagt Ohanian.

„White Wall Travelling“ fügt dem Plakatprojekt „Arbeistwelten“ eine neue Dimension hinzu: Erstmals kommt Sound zu den Bildern: Aus einem Lautsprecher dringen die Stimmen von drei Dockern. Seltsam gelassen klingen ihre Gespräche, leidenschaftslos die Streikparolen. Ein Rezitativ zwischen Wut und Resignation. Bild und Ton als Nachhall des Verschwundenen, Bild und Ton, die kollektive und individuelle Erinnerung formen.

Die Wirklichkeit, meint der Künstler, ist eine Zone zwischen sich überschneidenden Realitäten. Sie ist alles zusammen: die Gegenwart, aber auch das, was vorher, und das, was nachher war. Hier bezieht sich Ohanian auf Gilles Deleuzes Untersuchungen über das Kino. In „Bewegungs-Bild“ stellte Deleuze fest, dass es nur ein indirektes Bild der Zeit gibt: Es entsteht durch die Aufeinanderfolge, durch das Vorher und Nachher. Diffus sind die Grenzen zwischen Zukunft und Vergangenheit, sie vermischen und durchkreuzen sich, wie in Ohanians fließenden Bildern, wo das Kippen aus der Zeit und ihren Bezugssystemen zum essentiellen Teil unserer Erfahrung wird.

Debug [+/-]
Queries:
Array
(
    [redirect] => /attachments/45
    [Config] => Array
        (
            [language] => de
        )

)