Eiserner Vorhang 2017/2018

Menschenmengen, Kontrolle und die Oper

AutorInnen
Meg Cranston
Es war im Frühjahr 1984, als John Baldessari mich fragte, wieso es ­meiner Ansicht nach im Vergleich zu Fotografien von Einzelpersonen oder ­Paaren so wenige von Menschenmengen gibt. Der Hintergrund von Johns Frage war seinerzeit, dass er gerade seine umfangreiche ­Sammlung von Filmstills sichtete. Er besaß hunderte, die er nach ­Themen geordnet in Mappen aufbewahrte. Und während die Mappe mit der Aufschrift „Kuss“ überquoll, war die Mappe „Massen“ nahezu leer. Wir erwogen ­diverse Theorien, selbstverständlich auch die ­naheliegendste, dass in der ­modernen westlichen Gesellschaft die individuellen ­Bedürfnisse und das individuelle Streben Vorrang vor den Anliegen der ­Gemeinschaft genießen. Doch schließlich gelangten wir zu der unserer Ansicht nach ­plausibelsten Erklärung, nämlich dass es schlichtweg ­einfacher sei, ­Kunstwerke, Romane oder Filme zu schaffen, die sich auf ein oder zwei Personen ­konzentrieren, als solche, die sich einer Menschenmenge ­widmen.

Was eine Menschenmenge denkt, lässt sich kaum ermitteln oder fassen, noch schwieriger jedoch ist die Darstellung davon, zumal hierfür keine künstlerischen Konventionen existieren. Die zeitgenössische bildende Kunst verfügt über kein Äquivalent zum Chor des antiken ­Dramas; eben ein solches zu schaffen unternimmt Baldessari in seinen ­zahlreichen Arbeiten zur Menschenmenge. Er richtet das Augenmerk auf ­Größe und ­formale Eigenschaften der Menge als mögliches Indiz für ihre ­Bestimmung.

Beispiele hierfür sind: „Three Crowds“, 1984; „Four Types of Chaos / Four Types of Order“, 1984; „Two Crowds With the Shape of Reason Missing“, 1984; „Two Crowds: Trouble (Excluded), Watching (Included)“, 1986; „Team“, 1987; „Aerial View / People“, 1988. Baldessaris jüngstes Werk zu diesem Thema ist „Graduation“ von 2017.

„Graduation“ entfaltet seine volle Wirksamkeit im Rahmen der Opern­aufführung, wenn der Blick eines Kollektivs – der ZuschauerInnen – auf das Bild eines zweiten Kollektivs auf dem eisernen Vorhang der Bühne fällt, die riesige Fotografie der Abschlussklasse einer Universität. Die Anordnung beider Gruppen wird von einer strengen klassifizierenden Ordnung bestimmt, sodass wir es nicht etwa mit zwei (chaotischen und unberechenbaren) Massen zu tun haben, sondern mit zwei der Kon­trolle/Disziplin unterworfenen Einheiten: Publikum und (Abschluss-)­Klasse. Wenn man Baldessaris Werk auf eine einzige Intention ­reduzieren wollte, ließe sich sagen, dass es sich mit der Frage beschäftigt, wie ­Menschen-mengen durch zugrundeliegende ­Ordnungsprinzipien bestimmt wer­den und ­dadurch das Potenzial der ­Gemeinschaft ­festgelegt und die Bedeutung des Einzelnen relativiert wird.

Die Fotografie zeigt StudentInnen, die ihr Studium abgeschlossen ­haben. Sie sind – nach Geschlechtern separiert – entsprechend ihrer ­Größe angeordnet. Die Frauen stehen in den vorderen vier Reihen, da sie im Durchschnitt kleiner als die Männer sind. Die groß gewachsenen Männer der hintersten Reihen lassen sich je nach Sichtweise als durch ihre Körpergröße dominant oder abgesondert betrachten. Manche der StudentInnen brechen indes aus dem Schema aus, und Baldessari lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf diese Ausnahmen.

Im Zentrum des Bildes befindet sich eine großgewachsene Frau, die aus der Anordnung nach Größe herausfällt. Sie überragt die anderen ­Frauen in ihrer Reihe, doch aufgrund des sekundären Anordnungsprinzips nach Geschlechtern steht sie nicht bei den Männern. Ihre Größe ­isoliert sie. Neben ihr befindet sich eine Frau, die ebenfalls herausfällt, in ­diesem Fall jedoch, da sie kleiner als die anderen in der Reihe ist. Noch ­hervorgehoben wird das Paar durch einen roten Umriss im Vordergrund, der in Korrespondenz zu der kleineren Frau steht. Baldessari bedient sich in seinen Werken oftmals der Anordnung nach Größenrelationen als formale Strategie, um so ein Element der Ordnung ­beziehungsweise der Störung einzuführen. Da Baldessari selbst von großer Statur ist, liegt die Vermutung nahe, dass er hierbei aus eigenen Erfahrungen, ­insbesondere im Theater, schöpft.

In der Sitzordnung des Opernpublikums wiederum spiegelt sich die Klassenzugehörigkeit (im nicht schulischen Sinne) wider, insofern eine ­Verbindung zwischen Klasse und Finanzkraft besteht (und ­besteht diese nicht immer?). Wenn das Theaterpublikum so platziert ­würde, dass ­
jedem die beste Sicht garantiert wäre, würde die ­Sitzordnung dem Beispiel des Abschlussfotos folgen. Die kleinsten ­ZuschauerInnen (also vor allem Frauen) würden in der ersten Reihe sitzen, die ­größten ­(überwiegend Männer) dagegen hinten. Daraus würde eine ­neuartige Störung der ­Ordnung resultieren, allerdings dürften selbst die ­experimentellsten Theatermacher bisher noch nicht so weit gegangen sein. Für das ­Theater geht es nicht zuletzt darum, Menschenmengen ­anzuziehen und zu ­lenken, was stets eine Herausforderung dargestellt hat.

Die Geschichte des Theaters ist seit ihren Anfängen im antiken ­Griechenland immer auch eine Geschichte der Menschenmengen und ihrer ­Kontrolle gewesen – auf und vor der Bühne. Seit die ersten ­SchauspielerInnen sich aus dem Chor gelöst haben, hat die Bedeutung der ­Menschenmenge als Akteur und Thema des Dramas stetig ­abgenommen. Eine ­Ausnahme bildet die Oper, die darauf angewiesen ist, dass eine Gruppe von ­Menschen als ein Akteur auftritt. Vermutlich ist genau das einer der Gründe für Baldessaris Interesse an dieser Kunstform.

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