Eiserner Vorhang

Rudolf Hermann Eisenmenger und sein Eiserner Vorhang

AutorInnen
Christine Oertel

Um die Debatte Ende der 1990er-Jahre rund um den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper verstehen zu können, braucht es einen Blick in die Vergangenheit. Wer war der Künstler hinter dem Werk auf der Brandschutzwand, und weshalb gab sein Großbild über vierzig Jahre nach seiner Entstehung und der Wiedereröffnung der Staatsoper Anlass für Diskussionen, die aufgeregt und polemisch geführt wurden? Im Kern der Kontroverse lag eine übergreifende Thematik, die in der Öffentlichkeit jedoch nur am Rande diskutiert wurde: die Beteiligung österreichischer Kunstschaffender in der NS-Zeit und der Umgang der Nachkriegsgesellschaft mit diesem Erbe. Es geht um den Eisernen Vorhang, aber ebenso um einen Künstler, der in der NS-Zeit erfolgreich Karriere macht – gleichermaßen wie im Nachkriegsösterreich. Es geht um die österreichische Politik und das große Verdrängen.

Der in Siebenbürgen 1902 geborene Rudolf Hermann Eisenmenger kommt knapp 19-jährig nach Wien, studiert an der Akademie der Bildenden Künste und wird 1930 ordentliches Mitglied des Künstlerhauses.¹ Seinen künstlerischen Weg macht er in den 1930er-Jahren in einem gesellschaftlichen Umfeld, das konservativen Themen verpflichtet ist. Analog zur gesellschaftspolitischen Lage dominieren in Eisenmengers Werken heimatbezogene Motive mit christlichem Inhalt, womit er den Geschmack eines großen Teils des Publikums trifft. Vorzugsweise malt er Stillleben, Landschaften, Porträts und Bilder mit religiösen Inhalten.² Er engagiert sich aktiv im „Kampfbund für deutsche Kultur“, 1931 gegründet, 1933 verboten, der mit Begriffen wie „Kulturverfall“, „deutsches Wesen“, „arteigen“, „Rasse“ und „Notwendigkeit des Kampfes um die Kultur“ operiert und damit eine durchaus politische Zielsetzung verfolgt. 1937 ist er Gründungsmitglied des „Bundes deutscher Maler Österreichs“, dessen Vereinssatzungen fordern: „Zusammenschluss aller deutschstämmigen Maler Österreichs, die befähigt und gewillt sind, durch ihr Schaffen, frei von modischen oder wesensfremden Einflüssen, am Aufbau und der Erhaltung unserer arteigenen deutschen Kunst im Sinne der österreichischen Tradition mitzuwirken... Mitglieder können alle deutschstämmigen, ständig in Österreich lebenden Maler werden...“³

Eisenmengers Auftragsarbeiten, die in Österreich ab den 1930er-Jahren entstehen, wie die Wandbilder für das Bahnhofsgebäude in Wels und die Wanduhr für die Räumlichkeiten des Reichsarbeitsdienstes, können als propagandistische Werke bezeichnet werden.⁴ So auch die beiden Wandbilder für das Wiener Rathaus „Heimkehr der Ostmark“ und „Gaben der Ostmark“, die junge Männer im Braunhemd mit Hakenkreuzfahnen zeigen und deren NS-Gesinnung unbestreitbar ist.⁵ Dass dieser Künstler viele prestigeträchtige Aufträge bekommt, mag wohl auch mit den Preisen zusammenhängen, die er bei Wettbewerben in Deutschland gewinnt. Einen Höhepunkt bildet seine Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936, die neben einer sportlichen Disziplin auch einen Kunstwettbewerb einschließt, an dem vierundzwanzig Nationen mit neunhundert Werken beteiligt sind. Eisenmenger nimmt an der Olympiade teil und gewinnt die Silbermedaille in der Rubrik „Gemälde“.⁶ In direkter Folge erhält er das Österreichische Verdienstkreuz für Kunst und Wissenschaft. Danach ist Eisenmenger so angesehen, dass er als einziger Österreicher in die Jury der von 1937 bis 1944 jährlich stattfindenden „Großen Deutschen Kunstausstellung“ eingeladen wird. Die Jurytätigkeit befördert seine Vernetzung mit einflussreichen Persönlichkeiten des deutschen Kulturlebens, was ihm auch in der Zeit nach dem „Anschluss“ 1938 zugute kommt.⁷ Mit dem Vorsitz des Künstlerhauses 1939 wird Eisenmenger zu einer einflussreichen Persönlichkeit im Wiener Kulturleben. Er bekommt viele Aufträge für den öffentlichen Raum und ist über die Grenzen Österreichs hinaus so erfolgreich, dass er von Goebbels (im Auftrag Hitlers) UK⁸ gestellt wird und Hitler ihm den Professorentitel verleiht.

1944 schreibt Eisenmenger an den Reichsstatthalter von Wien, Baldur von Schirach: „Als Vorsitzender der Gesellschaft der bildenden Künstler Wiens, Künstlerhaus, melde ich Ihnen den Beschluss des Vorstandes der Gesellschaft: Wir erklären unsere glühende Bereitschaft, dem Führer und dem Vaterlande in der entscheidenden Phase des Lebenskampfes unseres Volkes jeden in unseren Kräften liegenden Dienst zu leisten. Da der Reichsbeauftragte für den totalen Kriegseinsatz alle Kreise des Volkes zum Einsatz aufgerufen hat, zögern wir Künstler nicht, diesem Ruf zu folgen. Wir wollen in Gemeinschaftsarbeit unsere Kraft und unser Gesellschaftshaus dem Auftrage zur Verfügung halten, der uns die unseren Fähigkeiten entsprechende Mitwirkung an der Rüstung unserer Helden an der Front zuweist, sofern wir nicht als Soldaten eingesetzt werden können…“⁹ Kurze Zeit später wird der Betrieb des Künstlerhauses eingestellt und ein Rüstungsbetrieb in den Räumen errichtet.¹⁰

Obschon bereits im Februar 1933 der NSDAP beigetreten,¹¹ folgt mit Kriegsende 1945 nur ein kurzer Einschnitt in Eisenmengers beruflicher Karriere. 1945 noch mit Berufsverbot belegt, aber als Minderbelasteter eingestuft, wird er 1947 entnazifiziert. Er wird wieder in das Künstlerhaus aufgenommen, erhält einen Lehrstuhl an der Technischen Universität Wien,¹² den Professorentitel 1951 und neue Großaufträge – eine außergewöhnliche Karriere, aber nicht allzu ungewöhnlich für die Nachkriegszeit.

Der Eiserne Vorhang. In den letzten Kriegstagen wird die Wiener Staatsoper schwer beschädigt, allerdings verhindern fehlende Geldmittel und Arbeitskräftemangel einen raschen Wiederaufbau. Die Oper ist wohl eines der wichtigsten Bauwerke, das wiederaufgebaut wird, um eine Brücke zur einst glanzvollen Zeit zu schaffen, als Wien den Ruf einer internationalen Kulturhauptstadt trug. Der Architekt Erich Boltenstein, ein Kollege Eisenmengers an der Technischen Universität Wien, bekommt den Auftrag für die Wiedererrichtung.¹³

Das Auswahlverfahren für die Neugestaltung des Eisernen Vorhangs in der Wiener Staatsoper erfolgt als geladener Wettbewerb. Bevor Eisenmenger seinen Entwurf zu „Orpheus und Eurydike“ einreicht, hat er schon dreizehn Gobelins für die Oper entworfen.¹⁴ Unter seinen zahlreichen Konkurrenten befinden sich bedeutende Künstler wie beispielsweise Fritz Wotruba, Herbert Boeckl und Max Weiler, die ebenfalls Entwürfe für den Eisernen Vorhang einbringen. Aufgrund der Wichtigkeit dieses Auftrages soll sogar Marc Chagall sein Interesse bekundet haben.¹⁵ Nach zwei Bewerbungsdurchgängen ohne Ergebnis kommen laufend neue Namen ins Spiel, nicht immer zur Freude der Jurymitglieder. Karl Maria May, Eisenmengers Nachfolger als Künstlerhauspräsident, schreibt in einem Brief an den Bundesminister für Handel und Wiederaufbau: „Die ‚Furche’ meinte, nur zwei Künstler wären dazu berufen gewesen, diesen Vorhang zu gestalten: Kokoschka, ein ehemaliger Österreicher, der, als seine Heimat in Not war, in englische Staatsbürgerschaft untergeschlüpft ist, und Chagall, ein national-israelischer Künstler russischer Herkunft“ und weiter „Die österreichische Kunst ist kein Tummelplatz für die Sensationsgier einer Minderheit überspitzter Intellektueller, sondern hat dem ganzen Volk zu dienen, Arbeiter und Bauern miteingeschlossen.“¹⁶ Die Jury des dritten Durchgangs besteht dann mehrheitlich aus Beamten der Ministerien, dem Bundesminister für Unterricht, Heinrich Drimmel, dem Bundesminister für Handel und Wiederaufbau, Udo Illig, dem Leiter der Österreichischen Bundestheaterverwaltung, Ernst Marboe, sowie Staatssekretären und Ministerialräten – einzig die Architekten Clemens Holzmeister und Erich Boltenstein sind vom Fach. Erst im vierten Durchgang kommt es schließlich zu einer Entscheidung.¹⁷ Eisenmengers Wahl stößt in der Presse bereits damals auf teilweise heftige Kritik, wobei die konservative künstlerische Gestaltung ebenso Stein des Anstoßes ist wie die Entscheidungsfindung und Vergabe.¹⁸

Die Eröffnung der wiederaufgebauten Oper erfolgt am 5. November 1955. Vierzig Jahre später entflammt eine neue Debatte um den Eisernen Vorhang. Auslöser für eine differenziertere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Hauses ist eine Gedenkveranstaltung in der Oper im Jahr 1995.¹⁹ Der Operndirektor Ioan Holender schlägt in der Folge öffentlich vor, das Werk Eisenmengers als symbolische Geste zu entfernen. Nach Holenders Verhandlungen mit dem Denkmalamt und der Planung verschiedener Konzepte, entwickelt die Kunstinitiative museum in progress einen Vorschlag, der sich durchsetzt und bis heute realisiert wird: Seit 1998 transformiert die Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“ die Brandschutzwand zwischen Bühne und Zuschauerraum in einen Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst und überdeckt dabei das Bild von Eisenmenger. Jedes Jahr gestaltet ein international anerkannter Künstler, ausgewählt von einer unabhängigen Jury, ein neues Werk, das jeweils eine Spielzeit lang zu sehen ist. Eisemengers Großbild ist jedoch aufgrund von Bestimmungen des Bundesdenkmalamtes für zumindest drei Monate jeweils in den Sommermonaten zu sehen. Nicht überall stößt das Projekt von museum in progress in der Wiener Staatsoper auf Zustimmung, wobei insbesondere eine Unterschriftenaktion zur „Erhaltung des Eisernen Vorhanges der Wiener Staatsoper als Gesamtkunstwerk für den Wiederaufbau“²⁰ 2002 und eine parlamentarische Anfrage²¹ von Heidemarie Unterreiner (FPÖ) im Jahr 2010 anzuführen sind. 2017 begeht das Kunstprojekt sein zwanzigjähriges Bestehen mit einer Sonderausstellung in der Wiener Staatsoper sowie mit einer Publikation.   

(2017)


¹ Veronika Floch, Rudolf Hermann Eisenmenger (1902–1994), Mechanismen einer Künstlerkarriere, Diplomarbeit, Wien 2007, S. 7.
² Ebd. S. 11ff.
³ Stadt- und Landesarchiv Wien, M. Abt. 119, A 32, Mappe Bund deutscher Maler Österreichs, zitiert nach: Veronika Floch, Rudolf Hermann Eisenmenger, S. 16f.
⁴ Ebd. S. 39ff.
⁵ Ebd. S. 42f.
⁶ Da keine Goldmedaille vergeben wird, ist Eisenmenger Wettbewerbssieger in seiner Rubrik.
⁷ Rückblickend betonte Eisenmenger, dass einzig seine künstlerische Tätigkeit im Vordergrund seines Interesses stand und er keinerlei politische Ambitionen hatte. Vgl. Brief Von R.H. Eisenmenger an Walther Maria Neuwirth (o. Datum, aber 1967 entstanden), Archiv des Künstlerhauses, Mappe Eisenmenger. Spätestens als er 1939 die Leitung des Künstlerhauses übernahm, muss ihm jedoch die politische Komponente seines Amtes bewusst gewesen sein.
⁸ Eisenmenger wurde in die Liste „Künstler im Kriegseinsatz“ aufgenommen, was ihm eine Einberufung zur Wehrmacht und einen Einsatz in der Kriegsindustrie ersparte. Vgl. Brief an das Wehrbezirkskommando I. Süd, UK-Abtlg, Wien, vom 01.06.1943, gezeichnet Blauensteiner, Archiv des Künstlerhauses, Mappe Eisenmenger; Aktenvermerk für Prof. Blauensteiner vom 10.12.1942, unterzeichnet Kurz, Archiv des Künstlerhauses, Mappe Eisenmenger.
⁹ Brief an den Reichsstatthalter vom 15.09.1944, gezeichnet Eisenmenger, Archiv des Künstlerhauses, Mappe Eisenmenger.
¹⁰ Rudolf Schmidt, Das Wiener Künstlerhaus, Eine Chronik 1861–1951, Wien, 1951, S. 111.
¹¹ Personalfragebogen Nr 1,457.641, Antrag zur Aufnahme in die NSDAP, 19.05.1938, AdR, Zivilakten NS Zeit, BMIGA.
¹² In Eisenmengers Personalbogen, den er 1951 ausfüllt, ist die Rubrik über die Zugehörigkeit zur NSDAP mit einem Querstrich durchgestrichen, so als gäbe es keine Notwendigkeit diese Frage zu beantworten. Auch im beigefügten Lebenslauf findet sich kein Hinweis auf seine politische Tätigkeit. Vgl. Personalfragebogen vom 09.07.1951, Archiv der Technischen Universität Wien, Mappe Eisenmenger.
¹³ Boltenstein war in der NS-Zeit seine Architekturerlaubnis entzogen worden.
¹⁴ Die Tapisserien wurden 2002 restauriert und hängen bis heute im Gustav Mahler-Saal der Wiener Staatsoper.
¹⁵ Für die vielerorts auftauchende Darstellung, dass Marc Chagall an dem Auftrag interessiert war und möglicherweise sogar einen Entwurf gestaltete, konnte kein Beleg gefunden werden. Aber selbst wenn er sich beworben hätte, wäre seine Teilnahme als Nicht-Österreicher ohnehin nicht anerkannt worden.
¹⁶ Vgl. Brief von Karl Maria May an Udo Illig vom 20.06.1955, Archiv des Künstlerhauses, Mappe Eisenmenger.
¹⁷ Veronika Floch, Rudolf Hermann Eisenmenger, S. 59ff. Entscheidungsträger für die Vergabe war das Ministerium für Handel und Wiederaufbau, das auch den Wiederaufbau der Oper finanzierte.
¹⁸ Vgl. Die Presse vom 28.11.1954 und 24.10.1954; Wiener Tagebuch vom 01.01.1955.
¹⁹ Oliver Rathkolb, Die paradoxe Republik, Wien, 2015, S. 340.
²⁰ Die Unterschriftenaktion wurde 2002 von der Kunsthistorikerin Maria Mißbach initiiert, die 1986 ihre Dissertation über Eisenmenger verfasste und sich seinem Erbe verpflichtet fühlt. Diese Liste, die laut Inititorin an die 22.000 Unterschriften brachte, wurde Ioan Holender vorgelegt. Einfluss auf die Entscheidung für eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Eiserner Vorhang hatte das aber keinen.
²¹ In der parlamentarischen Anfrage von 2010, die sich gegen das Projekt richtete, heißt es: „Der Vorhang [Eisenmengers] ist das größte malerische Kunstwerk seiner Zeit und international unbestritten Hauptwerk der Nachkriegsepoche.“ Vgl. Anfrage der Abgeordneten Mag. Heidemarie Unterreiner und weiterer Abgeordneter an die Bundesministerin für Unterricht Kunst und Kultur betreffend Eiserner Vorhang in der Wiener Staatsoper, XXIV.GP.-NR 6164/J vom 09.07.2010, www.parlament.gv.at.

Debug [+/-]
Queries:
Array
(
    [redirect] => /attachments/445
    [Config] => Array
        (
            [language] => de
        )

)