Geschälte Zeit

Geschälte Zeit

Ein mediales Kunstprojekt im Monatsmagazin DATUM (2013/14)

Die Ausstellungsreihe „Geschälte Zeit“ steht im Zeichen der Diversität. Zehn internationale Künstler/innen wurden von museum in progress eingeladen, ein Datum zu wählen, das für sie eine spezielle Bedeutung hat, und dazu einen doppelseitigen Beitrag für das österreichische Magazin DATUM zu gestalten. Die Künstler/innen sind zwischen 29 und 72 Jahre alt, befinden sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere, arbeiten mit diversen Medien (Fotografie, Zeichnung, Aquarell, Konzeptkunst, etc.) und stammen alle aus verschiedenen Ländern (Deutschland, Frankreich, Indien, Irland, Italien, Nigeria, Österreich, Polen, Russland, Ungarn). Entsprechend vielfältig präsentieren sich die einzelnen Werke, die politische, kulturelle und persönliche Ereignisse aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft reflektieren. 

Vier der teilnehmenden Künstler/innen bestimmten ein Datum aus der Vergangenheit zur Grundlage für ihr Werk: Michael Craig-Martin eröffnete die Reihe mit einer formal-ästhetischen Reduktion eines der bedeutendsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts – Marcel Duchamps Urinoir „Fountain“ –, das er neben den berühmten „Rot-Blauen Stuhl“ des Designers und Architekten Gerrit Rietveld stellte. Als inhaltliche Verbindung zwischen den beiden Objekten dient neben der historischen Wichtigkeit das gemeinsame Entstehungsjahr 1917. Im gleichen Jahr erfolgte auch die Oktoberrevolution in Russland, mit der sich Anna Jermolaewa auseinandersetzt. Sie erinnert sich anhand von zwei Familienfotos, wie in ihrer Kindheit der Beginn der Oktoberrevolution jeweils am Jahrestag gefeiert wurde. Die beiden Fotos wurden 1981 und 1982 unmittelbar nach dem Besuch der Parade in St. Petersburg (Leningrad) aufgenommen. Mit diesen familiären Zeitdokumenten verschränkt die russische Künstlerin, die 1989 aus der ehemaligen UdSSR nach Wien geflohen war, private Erinnerungen mit der Frage nach einem adäquaten Umgang mit kollektiver Geschichte. Ebenfalls mithilfe von älteren Fotografien begibt sich Anna Artaker auf die Spur eines politischen Attentats, dem der kubanische Kommunist Julio Antonio Mella in der Nacht des 11. Jänner 1929 in Mexico City zum Opfer fiel. Dabei konfrontiert Artaker ein in der Zeitung erschienenes Foto, das bei der Rekonstruktion des Ereignisses durch die Polizei angefertigt wurde, mit einer zweiten Rekonstruktion durch die italienische Fotografin Tina Modotti, der Lebensgefährtin von Mella und einzigen Zeugin des Attentats. Pia Gazzola stellt eine Besucherkarte aus dem Observatorium von Greenwich, dem historischen Bezugspunkt für die Festlegung des Nullmeridians, einer Fotografie gegenüber, die Lichtreflexe auf Fußbodenfliesen in der Alhambra in Granada zeigt. Die suggerierte Verbindung zwischen der Besucherkarte aus Greenwich und den Fußbodenfliesen in Granada wird bewusst nicht expliziert und lässt damit umso mehr Assoziationen zu. Gewisse Entsprechungen sind auf ästhetischer Ebene zu erkennen: In einer bunten Fliese findet sich die blaue Farbe des Tickets wieder und die Nullen des Meridians in Greenwich scheinen durch die Lichtreflexe in der Alhambra vervielfältigt zu sein.

Die Gegenwart spielt bei den folgenden Künstler/innen eine zentrale Rolle, sei es die Gegenwart der künstlerischen Kreation, aktuelle Politik oder das zeitlose „Heute“. Olaf Osten und Jean-Luc Moulène nannten ihre Beiträge nach dem Entstehungstag ihrer Werke. Osten bestimmte den Donaukanal zum Motiv seiner Zeichnung, in welcher er verschiedene Zeitebenen miteinander verknüpfte. Der zufällig gewählte Kalenderuntergrund verweist auf die Vergangenheit, die Spontaneität in der Darstellungsweise auf die Gegenwart und das Sujet der Donau symbolisch auf den fortlaufenden Zeitfluss. Moulènes Aktfoto verfügt über mehrere Referenzen auf die Gegenwartszeit der Aufnahme. Neben dem Werktitel ist hierbei insbesondere die ausgebreitete Tageszeitung „Le Monde“, auf welcher das Modell liegt, von wesentlicher Bedeutung. Aber auch das Sujet des nackten Körpers ist in seiner Gegenwart verhaftet und beinhaltet im vorliegenden Kontext die Thematik der Vergänglichkeit. Mit aktuellem Zeitgeschehen beschäftigen sich Adeola Olagunju und Anett Hámori. Olagunjus Fotografie „1st January 2012. Bloodline-Bloodlust“ kritisiert die massive, 2012 realisierte Anhebung des Benzinpreises in Nigeria, dem größten Öl-Förderland Afrikas. Was offiziell als Mittel zur Verbesserung der Lebensumstände im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas ausgewiesen wurde, hatte tatsächlich erhebliche, negative Folgen für die Bevölkerung, da mit dem Benzinpreis viele andere Bereiche wie Lebensmittel teurer wurden. Anett Hámori stellt im Jubiläumsjahr von fünfundzwanzig Jahren Fall des „Eisernen Vorhanges“ mit dem Aquarell „25 December 1989. Politically Correct“ pointiert einen Konnex zwischen zwei Potentaten her: Auf der linken Bildseite ist Baschar Hafiz al-Assad zu sehen, der an der Macht festhaltende Präsident des von Bürgerkrieg erschütterten Syriens, und auf der rechten Seite der ehemalige rumänische Staatspräsident Nicolae Ceauşescu, der am 25. Dezember 1989 hingerichtet wurde. Die nach Pressefotografien gestalteten Szenen inkludieren außerdem surreal anmutende, leblose Tiere. Der indische Künstler N.S. Harsha vermied es, ein spezifisches Datum als Grundlage für sein Werk zu bestimmen, indem er es im Heute („Today“) verortete. Die Gegenwart wird dabei mithilfe eines fragilen Eies zwischen vergangenen und künftigen Tagen dargestellt. Seine händisch auf einen Eierbehälter geschriebenen Datumsangaben sind arbiträr bestimmt und verzichten somit auf konkrete Referenzen.

Einen Blick in die Zukunft wagte Agnieszka Kurant. Auf Basis von Prophezeiungen eines Hellsehers, der regelmäßig mit Interpol und den Regierungen diverser Länder zusammenarbeitet, gestaltete die polnische Künstlerin unter dem Titel „Future Anterior“ eine Ausgabe der „New York Times“ vom 29. September 2020. Ursprünglich mit spezieller Farbe gedruckt, die bei Temperaturen über 21 Grad Celsius (oder wenn die Zeitung in die Hand genommen wird) verschwindet, zeigen die Fotografien im DATUM die Titelseite, die nur teilweise lesbar ist. Der Transfer einer Zeitung in eine Zeitschrift erscheint hierbei als besonders reizvolle Verflechtung, wie sie ebenfalls in der Fotografie von Moulène zum Tragen kommt.

Für das mediale Kunstprojekt „Geschälte Zeit“ stellte das Monatsmagazin DATUM über den Zeitraum eines Jahres pro Ausgabe eine Doppelseite zur Verfügung. Die hervorragenden Arbeiten der internationalen Künstler/innen wurden spezifisch für diesen Medienraum konzipiert und sind keine Reproduktionen von Kunstwerken, sondern funktionieren als Multiples, als eigenständige Werke in der Auflage des Magazins. Folglich wird das einzelne Heft zum Original und Sammlerstück. Trotz Anbindung an die inhaltliche Ausrichtung und den Namen der Zeitschrift „DATUM – Seiten der Zeit“ ist das Projekt auch ein (produktiver) Störfaktor, der die Geschlossenheit des Magazins aufbricht, einen Dialog mit der Leserschaft eröffnet und zum Nachdenken anregt. Die zehn Panoramaseiten waren einzig durch den Schriftzug „museum in progress“ als Ausstellungsraum gekennzeichnet. Durch den Verzicht auf Erklärungen direkt neben den Werken – Hinweise zur Reihe fanden sich auf der Autorenseite nach dem Editorial – war das Lesepublikum gefordert; es wurde unvermittelt mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert und konnte sich ohne vorgegebene Interpretationen mit den einzelnen Arbeiten auseinandersetzen. Auf den Webseiten von museum in progress und DATUM sowie in der iPad-Ausgabe wurden für das interessierte Publikum Kurzinterviews mit den teilnehmenden Künstler/innen veröffentlicht, die weiterführende Informationen zu ihren Beiträgen und ihren Auffassungen von Kunst enthielten. Um einerseits den seriellen Charakter des Projektes und andererseits die individuellen Blickwinkel der Künstler/innen zu betonen, erhielten alle die gleichen Fragen zur Beantwortung. Auf die Frage beispielsweise, was gute Kunst auszeichne, wurden folgende mögliche Kriterien zur Antwort gegeben: Uneindeutigkeit, Originalität, Ehrlichkeit, Relativität, sie fungiere als Katalysator für das Denken, beflügle die Phantasie, übernehme Verantwortung und treffe den Wundpunkt der Gesellschaft. Es herrschte allerdings Uneinigkeit darüber, ob Kunst eine gesellschaftspolitische Funktion habe beziehungsweise einnehmen sollte, oder ob sie im Gegenteil an keinerlei gesellschaftspolitische Implikationen gebunden sei.

Jede Beschäftigung mit Zeitgeschehen ist auch eine Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Zeit, wobei gerade Diskontinuitäten und Widersprüche manchmal die spannendsten Einblicke zu Tage fördern. Die Arbeiten der vorliegenden Ausstellungsserie wurden bewusst nicht in chronologischer Abfolge nach den von den Künstler/innen gewählten Daten und mit wenigen Ausnahmen ohne Überschneidungen mit dem Erscheinungszeitraum des Magazins veröffentlicht. Schließlich besteht zwischen den einzelnen Beiträgen, trotz gemeinsamer Aufgabenstellung als ihre Grundlage, keine Linearität. Vielmehr präsentieren sich die Kunstwerke wie Mosaiksteine eines multiplen, sich permanent verändernden Weltbildes.

Man könnte sagen, dass sich Vergangenes in den Erinnerungen und Künftiges in den Vorstellungen des Einzelnen und der Gesellschaft manifestieren. Allerdings sind Erinnerungen und Zukunftsvisionen niemals objektiv, da sie stets der Interpretation unterliegen und sich mit dem Verlauf der Zeit mitverändern. Aus diesem Grund ist die Ausstellungsreihe „Geschälte Zeit“ der Diversität verschrieben, um so der Subjektivität von (Zeit-)Erfahrungen Rechnung zu tragen. Die teilnehmenden Künstler/innen unternehmen mit ihren Arbeiten den Versuch, sich einem bestimmten Geschehen anzunähern und seine Essenz herauszuschälen, wodurch wiederum neue, künstlerische Interpretationen entstehen. Und wie nebenbei verändern die Werke auch unseren Blick, unsere Wahrnehmung von Zeit und Zeitgeschehen.

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