Geschälte Zeit 09

museum in progress stellt Fragen an: Anett Hámori

Für die Ausstellungsserie „Geschälte Zeit“ von museum in progress im DATUM wählten Sie als Grundlage für Ihr Werk das Datum 25. Dezember 1989. Welche Bedeutung trägt dieses Datum für Sie, was verbinden Sie damit?

1989 ist ein wichtiges Datum für mich. Ich war vier Jahre alt, als wir mit dem Auto zu meiner Großmutter fuhren und dabei im Radio eine Sendung über die Geschichte von Ceauşescu hörten. Obwohl ich nicht viel von dem ganzen verstand, prägte sich der Name Ceauşescu ein, und das ist eine meiner ersten Erinnerungen aus der frühen Kindheit. Ich weiß nicht warum, aber ich wiederholte den Namen von Ceauşescu auch später immer wieder. Damals hatte ich natürlich keine Ahnung, wer er war und was geschah, dennoch hat Ceauşescu seither eine spezielle Bedeutung für mich.
Der 25. Dezember 1989 ist das Datum, an welchem Nicolae Ceauşescu hingerichtet wurde, und steht damit für das Ende der Rumänischen Revolution. 1989 ist darüber hinaus auch für Ungarn ein wichtiges Datum: In diesem Jahr erreichte das Land seine Unabhängigkeit.

Haben Sie sich schon in früheren Arbeiten mit diesem Thema auseinandergesetzt?

Ich denke üblicherweise in Zyklen und seit anderthalb Jahren arbeite ich an der Serie mit dem Titel „PC – Politically Correct“. Außerdem korrespondiert das Thema auch mit meinem Doktorat an der Universität von Pécs.

Welche Aspekte Ihres künstlerischen Schaffens sind Ihnen besonders wichtig?

Der Fokus meiner künstlerischen Tätigkeit liegt auf Geschichten und Ereignissen; die Arbeiten können als visuelle Eindrücke der Informationen, denen ich in meinem Alltag ausgesetzt bin, betrachtet werden. Ich bin an gegenwärtigen Konflikten und Katastrophen interessiert – die Unruhen in Kirgisistan, die Folgen von naturgegebenen und nuklearen Katastrophen für die Menschen in Japan, die Costa Concordia oder die Zwangsernährung von Frauen in Mauretanien. Um meine Beobachtungen in Form zu bringen, benutze ich das Medium des Aquarells wegen seiner unwiederholbaren und symbolischen Qualität und weil es am besten dafür geeignet ist, einen bestimmten Moment festzuhalten. Zur Zeit bin ich auch sehr an dem Phänomen internationaler Freiwilligenarbeit interessiert und untersuche die persönlichen Beweggründe von freiwilligen Helfern für das Pflanzen von Bäumen oder die Unterstützung von Waisenkindern in entlegenen Erdteilen. Die wichtigsten Quellen meiner Themen sind das Internet, Zeitungsartikel, Pressefotografien und Bildmaterialien aus Dokumentationen. Neben dem persönlichen Standpunkt nähere ich mich meinem Thema auf kritische und dokumentarische Weise an.

Wenn Sie eines Ihrer Werke bestimmen könnten, das die Zeiten überdauert und auch in der fernen Zukunft noch betrachtet wird, welches würden Sie wählen?


Heute würde ich die Serie „Politically Correct“ auswählen, weil das mein neuestes Werk ist. Es beschäftigt sich mit einer sehr komplexen und aktuellen Thematik, die unsere Zeit darstellt und reflektiert. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, dass wir in der Welt handeln; alles was wir tun, repräsentiert ein Weltbild, und auf diese Weise sind wir alle politisch – wenn etwas nicht politisch oder kritisch ist, dann gibt es da auch kein Weltbild.

Spielen prägende Erlebnisse eine Rolle in Ihrer Kunst? Wenn ja: Was wäre ein Beispiel dafür?


Ja, meine persönlichen Erfahrungen sind sehr wichtig in meiner Kunst. Das zentrale Thema meiner Beobachtung ist der Mensch sowie zwischenmenschliche Beziehungen und Kommunikation. Mich interessiert es, wie die Menschen leben, fühlen, sich bewegen, auf welche Weise sie sich verändern und vor allen Dingen was sie empfinden. Es ist eine Art emotionaler und persönlicher Interaktion, die mich in meiner künstlerischen Tätigkeit inspiriert. Der Fokus meiner Arbeiten ist auf Geschichten und Ereignisse gerichtet: auf die visuelle Transformation meiner Alltäglichkeit. Ich wähle Bilder aus, die mich inspirieren, arrangiere sie in einer bestimmten Ordnung und male sie – dadurch verwandeln sie sich in eine formal und kontextuell bedeutsame Geschichte.

Worin besteht für Sie der Reiz, ein Werk für den öffentlichen oder medialen Raum zu schaffen?

In der direkteren Interaktion mit den Betrachtenden.

Inwiefern sollte Kunst eine gesellschaftspolitische Funktion erfüllen?

Wie ich bereits erwähnt habe, ist es sehr wichtig, dass wir in der Welt handeln. Alles was wir tun, repräsentiert eine Weltauffassung, und auf diese Weise sind wir alle politisch. Etwas, das nicht politisch oder kritisch ist, verfügt über kein Weltbild und ist damit keine Kunst.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach gute Kunst aus?

Gute Kunst übernimmt Verantwortung.

Wo liegen die Grenzen der Kunst?

Heutzutage sind die Grenzen der Kunst so erweitert, dass es überhaupt keine Grenzen mehr gibt.


Alle Künstler/innen, die an der Ausstellungsserie „Geschälte Zeit“ teilnehmen, werden jeweils gebeten, die gleichen Fragen zu beantworten. Damit werden einerseits der serielle Charakter des Projektes und andererseits die individuellen Blickwinkel der Künstler/innen betont. Außerdem erhalten die interessierten Leser/innen dadurch weiterführende Informationen zu den einzelnen Werken und ihren Urhebern.

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