Geschälte Zeit 06

museum in progress stellt Fragen an: Agnieszka Kurant

Für die Ausstellungsserie „Geschälte Zeit“ von museum in progress im DATUM wählten Sie als Grundlage für Ihr Werk das Datum 29. September 2020. Welche Bedeutung trägt dieses Datum für Sie, was verbinden Sie damit?

Ich wählte einen beliebigen Tag im September 2020. Diese Zeitung ist ein kleines Stück Zukunft in der Gegenwart, das bereits jetzt für uns verfügbar ist. Es handelt sich um ein Objekt aus der Zukunft, das wir lesen und im Hier und Jetzt berühren können, wie wenn es auf wundersame Weise aus dem Jahr 2020 in die Gegenwart gereist wäre. Mich interessiert die Existenz der Zukunft in der Vergangenheit und Gegenwart, ebenso die Zeitlosigkeit: Phänomene und Objekte, die weder in die Vergangenheit, noch in die Zukunft oder in die Gegenwart gehören. Zeitlose Objekte und Orte, über die Bruce Sterling spricht, faszinieren mich. Ich wählte das Jahr 2020 in Anspielung auf „Visus 2020“ (das optimale, „objektive“ Sehvermögen), aber auch als Datum, das zeitlich sowohl weit entfernt als auch nahe ist. Ich fand es spannend, den Statuswechsel dieses Objektes, der Zeitung, einzubeziehen, von 2008, als sie hergestellt wurde und ihr gesamter Inhalt, der auf den Vorhersagen des Hellsehers basiert, fiktiv war, bis zum Jahr 2020, wenn manche der Ereignisse, die in der Zeitung geschildert werden, unter Umständen wahr werden. Retrospektiv könnte die Zeitung als prophetisch und sogar als politisch wichtig erscheinen, wenn man die Vielzahl der Quellen bedenkt, die in der heutigen Zeit herangezogen werden, um Informationen zu sammeln. Es interessiert mich, wie viel Fiktion in der Realität enthalten ist, in diesem Fall: wie paranormale Phänomene von Regierungen als verlässliche Informationsquelle für Wirtschaft und Politik genutzt werden. Die Zeitung wurde mit sympathetischen Pigmenten gedruckt, weil ich die Fragilität von Informationen und ihre Anfälligkeit beispielsweise für Gerüchte thematisieren wollte. Infolgedessen verschwindet und erscheint die Zeitung je nach Wettersituation oder wenn sie von Menschenhand berührt wird.
Mich interessierte ebenfalls die kognitive Verzerrung – wie wir oft kausale Verbindungen zwischen Dingen herstellen, die überhaupt nicht zusammenhängen. Aber manchmal ist es einfacher für uns, die Welt auf diese Weise zu interpretieren und zu glauben, dass gewisse Tatsachen zusammenhängen und sich bedingen, auch wenn sie es nicht wirklich tun. Somit würde sich der Status dieser Zeitung von fiktional zu möglicherweise real wandeln, wenn bestimmte abgedruckte Fakten wahr würden. Manche sind es bereits, beispielsweise der Absturz des polnischen Präsidentenflugzeugs oder der arabische Frühling. Vielleicht wird bis zum 29. September 2020 ein Großteil der Zeitung mit dem übereinstimmen, was tatsächlich in der Welt geschehen sein wird, und dann wird daraus möglicherweise etwas anderes als nur ein Kunstwerk. Das ist meine Hoffnung. Mich interessieren Situationen oder Kunstwerke, die aufhören Kunstwerke zu sein und stattdessen etwas anderes werden, oftmals etwas Spannenderes. Hier wollte ich also eine gewisse zeitverzerrende Situation erzeugen.

Haben Sie sich schon in früheren Arbeiten mit diesem Thema auseinandergesetzt?

Dieses Werk hängt in erster Linie mit meinem Interesse am unbekannten Unbekannten des Wissens und der damit verbundenen Ungewissheit und Spekulation zusammen. Ich untersuche, wie das unbekannte Unbekannte im Rahmen zeitgenössischer Politik oder Wirtschaft in Kapital umgewandelt werden kann. „Unknown Unknown“ ist der Titel meines Buches, das 2008 im Sternberg Verlag erschienen ist.
In „Future Anterior“ arbeitete ich zum ersten Mal mit der Idee der Zeitverzerrung. Mit dem Konzept einer Arbeit, die ihren Status verändert, beschäftigte ich mich allerdings, weil es eines meiner wichtigsten Ausgangspunkte in meiner Tätigkeit ist. Meine Auftragsarbeit für die Frieze Projekte 2008 – „Ready Unmade“ – war ein Werk, das darauf beruhte, Vögeln beizubringen wie Hunde zu bellen. Die Arbeit war eine Illusion von Sprache in einer Welt, in welcher Spezies mutierten und ineinander verschmolzen. Die Papageien hörten drei Monate lang nur Hundegebell, das sie schließlich zu wiederholen begannen. Aber sobald das Werk ausgestellt und den Zuschauern ausgesetzt wurde, fiel diese temporäre Sprache auseinander, weil die Vögel anfingen, andere Geräusche zu wiederholen, wie zum Beispiel die Klingeltöne von Mobiltelefonen, die Geräusche der sich öffnenden Türe oder einzelne Worte.
Meine Arbeit für die Biennale in Venedig 2010 (enstanden in Zusammenarbeit mit der Architektin Aleksandra Wasilkowska) beschäftigte sich mit der plötzlichen Änderung der Gemütsverfassung der Betrachter – die Teilnehmer konnten einen ungefährlichen „Selbstmordversuch“ unternehmen, indem sie aus einem Skisprungschanzenfenster in die Wolken sprangen; das war eine Weiterentwicklung von Yves Kleins Sprung ins Leere zum zeitgenössischen, urbanen Sport. Der plötzliche Stimmungswechsel, den die springenden Zuschauer empfanden, überraschte jeden. Von großer Angst vor dem unbekannten Unbekannten während des Springens in die Wolken hin zum Lustempfinden der sehr weichen Landung.

Welche Aspekte Ihres künstlerischen Schaffens sind Ihnen besonders wichtig?

  • Den Statuswechsel von Objekten in meine Arbeiten einzubeziehen
  • Die Wirkmächtigkeit von Arbeiten wie unabhängig lebende Organismen, die vom Autor befreit sind, zu untersuchen; zu denken wie ein Kunstwerk und nach eigener Lust und Laune zu agieren, auf eine Weise, die weder geplant noch vorhergesehen werden kann
  • Hybridität und quasi-Objekte
  • Komplexe Autorenschaft und Strukturen ohne Autor, Kunstwerke ohne Urheber
  • Situationen direkter Erfahrung von etwas sich Veränderndem, sich Wandelndem zu schaffen, vor den Augen der Zuschauer, die in ihrer Realität destabilisiert werden. Objekte und die Gedanken oder Gefühle von Zuschauern zu transformieren.
  • Zeitverzerrung und Zeitlosigkeit von gewissen Objekten
  • Vielschichtigkeit und das Entstehen von Strukturen aus Millionen von winzigen Elementen oder Beiträgen, erwachendes Verhalten und Selbststeuerung von Systemen
  • Zirkulation/Verbreitung und wie sie Objekte verwandeln können

Wenn Sie eines Ihrer Werke bestimmen könnten, das die Zeiten überdauert und auch in der fernen Zukunft noch betrachtet wird, welches würden Sie wählen?

Mich interessiert die Veränderung meiner Arbeiten viel mehr als ihre fortdauernde Existenz. Ich wäre eher neugierig, worin sich manche meiner Arbeiten verwandeln können oder was mit ihnen geschehen würde, wenn sie ihren Status von Kunstwerken in etwas anderes verwandeln.

Spielen prägende Erlebnisse eine Rolle in Ihrer Kunst? Wenn ja: Was wäre ein Beispiel dafür?

Das Sterben meiner Mutter fiel zeitlich genau mit der vielleicht größten polnischen, national-politischen Tragödie seit dem Zweiten Weltkrieg zusammen: die Katastrophe der Präsidentenmaschine mit einigen Mitgliedern der Regierung an Bord sowie vielen bedeutenden Intellektuellen und Politikern des Landes. Die ganze Nation trauerte. Ich erfuhr eine beinahe Science-Fiction ähnliche Situation beim Einschalten des Fernsehers, zu sehen, wie das ganze Land viele Tage lang weinte, während ich meine persönliche Tragödie durchlebte. Es schien sehr unwirklich. Ich wurde meiner persönlichen, individuellen Trauer beraubt, als wäre sie eine öffentliche Sache. Die polnischen Verantwortlichen für das Fernsehen beschlossen, die Ausstrahlung für einige Tage ausschließlich in schwarz und weiß zu halten, was sehr interessant war. Dieser Flugzeugabsturz geschah genau am Jahrestag und Ort einer noch größeren nationalen Tragödie: der Genozid von 30.000 polnischen Intellektuellen und Soldaten durch die stalinistische NKWD im sowjetischen Russland.
2010 schien es für die polnische Nation am schwierigsten zu akzeptieren zu sein, dass trotz des offensichtlichen zeitlichen Zusammentreffens überhaupt kein kausaler Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen besteht, diesen zwei Tragödien, die siebzig Jahre auseinander liegen, dass keinerlei versteckter Sinn oder Bedeutung in diesem Zusammentreffen liegt. Nichts. Es macht überhaupt keinen Sinn. Die Leute ziehen Fiktion der Wahrheit vor und erfinden nach einem Ereignis Geschichten, die ihnen helfen sollen, Erinnerungen und Tatsachen einzuordnen. Auf diese Weise entstehen auch Meme. Die Arbeiterbewegung in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn etc. lieferte kein Bild, das genügend sexy oder eingängig war, um zum ikonischen Bild vom Fall des Kommunismus zu werden. Stattdessen war ein Ereignis, das viel später erfolgte als die eigentliche Arbeiterbewegung – der Fall der Berliner Mauer –, einfacher als ikonisches Bild zu vermarkten, insbesondere weil sein visueller Aspekt sehr attraktiv war: eine fallende Mauer, eine lebende Metapher. Sie ist in die Geschichte und in die Sprache eingegangen. Wir sprechen heute vom Fall der Berliner Mauer als Fall des Kommunismus, wobei dieser Sieg gewissermaßen von Polen, der Tschechischen Republik etc. geklaut und dem ehemaligen Ostdeutschland oder allgemein Deutschland zugesprochen wurde, was eine zu starke Vereinfachung ist.

Worin besteht für Sie der Reiz, ein Werk für den öffentlichen oder medialen Raum zu schaffen?

Im Kontrollverlust über die Arbeit. In der Verbreitung und Streuung, wodurch das Werk verändert werden kann, in der Zugänglichkeit der Arbeit für tausende Betrachter, was um so vieles demokratischer ist, als im Ghetto der Kunstwelt zu agieren.

Inwiefern sollte Kunst eine gesellschaftspolitische Funktion erfüllen?

Jede Kunst kann politisch vom Kontext abhängig sein oder werden. Daniel Burens Streifen waren oftmals politischer als hunderte von Kunstvideos, inklusive realer Dokumentarfilme aus Ruanda, dem Kosovo etc. Ein politisches Thema zu wählen ist nicht genug. Für mich bedeutet politisch sein, eine Veränderung von Gedanken zu bewirken. Kunst sollte die Leute dazu bewegen, selbständig zu denken und Fragen zu stellen – ihre eigenen Fragen und nicht die vorgegebenen Fragen des Künstlers – über die Realität um sie herum, so dass sie diese nicht mehr für selbstverständlich halten. Aber Kunst sollte den Menschen nicht sagen, was sie zu denken oder zu empfinden haben. Kunst sollte die Neugierde und das Hinterfragen der Welt anregen und nicht zu Propaganda werden, die den Leuten vorgibt, was gut ist und was nicht. Kunst ist in erster Linie ein Katalysator für das Denken, aber wohin die Gedanken des Betrachters schweifen, sollte nicht von den Urhebern von Kunstwerken kontrolliert oder geplant werden. Ich glaube an die Befreiung des Kunstwerks vom Autor und an den Kontrollverlust des Autors über die Kunstwerke. Mich interessieren auch Kunstwerke, die aufhören Kunstwerke zu sein und etwas anderes werden. Es ist diese Wandlung, die ich spannend finde und nicht, eine politische Kundgebung oder einen Krawall in einem Museum oder im Kunstkontext zu veranstalten, weil das könnte sowohl zu einer wirkungslosen politischen Äußerung als auch zu einem schlechten Kunstwerk werden.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach gute Kunst aus?

Gute Kunst wird zu einem Katalysator für das Denken. Es gibt keine bestimmten Kriterien für was gut ist und die Anforderungen an Kunst können sich mit der Zeit ändern. Solange ein Werk die Menschen dazu bewegt, kritisch über das Leben, sich selbst und die umgebende Realität nachzudenken oder wenn es die Gedanken oder Gefühle von jemandem verändert, ist es aus meiner Sicht gelungen.

Wo liegen die Grenzen der Kunst?

Die Grenzen der Kunst werden ständig verschoben, bewegt und aufgeweicht, für mich jedoch liegen sie da, wo die menschliche Würde und das menschliche Leben beginnen. Ich finde, dass die Grenze erreicht ist, wenn andere benutzt, gedemütigt oder ihrer Würde beraubt werden. Aus diesem Grund bin ich einigen „politischen“ Kunstpraktiken gegenüber kritisch, welche die Leute in ihrer Würde angreifen und sie missbrauchen, um ein interessantes Werk zu schaffen. Wir leben in Gesellschaften, die das menschliche Leben und die menschliche Würde schützen, daher sollte Kunst diese Regeln nicht brechen, andernfalls wird sie zu einem gefährlichen Machtinstrument.


Alle Künstler/innen, die an der Ausstellungsserie „Geschälte Zeit“ teilnehmen, werden jeweils gebeten, die gleichen Fragen zu beantworten. Damit werden einerseits der serielle Charakter des Projektes und andererseits die individuellen Blickwinkel der Künstler/innen betont. Außerdem erhalten die interessierten Leser/innen dadurch weiterführende Informationen zu den einzelnen Werken und ihren Urhebern.

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