Geschälte Zeit 05

museum in progress stellt Fragen an: Anna Artaker

Für die Ausstellungsserie „Geschälte Zeit“ von museum in progress im DATUM wählten Sie als Grundlage für Ihr Werk das Datum 11. Jänner 1929. Welche Bedeutung trägt dieses Datum für Sie, was verbinden Sie damit?

Das Datum bezeichnet den Abend, an dem der kubanische Kommunist Julio Antonio Mella (*1903–†1929) in Mexico City auf offener Straße erschossen wurde. Einzige Zeugin war seine Lebensgefährtin, die Fotografin Tina Modotti (*1896–† 1942). Für mich ist weniger das Datum von Bedeutung, als die Fotografien, in denen das Ereignis als historisches Faktum überliefert ist. Wie heute noch üblich wurde eine Rekonstruktion des Attentats am Tatort angeordnet und fotografisch dokumentiert (in Mexico wurde Fotografie schon sehr früh für Polizeiarbeit eingesetzt). Außergewöhnlich an diesem Fall ist jedoch, dass – nachdem die Nachstellung des Verbrechens keine Klärung brachte – Modotti mit prominenter Hilfe aus dem künstlerischen, linken Lager eine zweite Rekonstruktion durchführte, bei der sie ihre eigene Rolle einnahm.

Haben Sie sich schon in früheren Arbeiten mit diesem Thema auseinandergesetzt?

Ich beschäftige mich schon länger mit dem Verhältnis von Abbildung und Wirklichkeit. „Geschichte“ bzw. historische Fotografien, wie die hier gegenübergestellten, interessieren mich in erster Linie als Modellfall für dieses Verhältnis, d.h. insofern es sich dabei um konkrete Objekte handelt, die eine Untersuchung der komplexen Beziehungen zwischen Abbild und Wirklichkeit erlauben. Der Fall Mella erscheint mir nicht nur deshalb interessant, weil die Bilder, die damit verbunden werden, nicht das tatsächliche Ereignis, sondern nur Rekonstruktionen davon zeigen, die mehr oder weniger fiktiv sind: Dass es mehr als eine solche Rekonstruktion gab, führt die Fragilität dieser polizeilichen Untersuchungsmethode vor Augen, die Pluralität von Perspektiven, die bei der Re-inszenierung eingenommen werden können.

Welche Aspekte Ihres künstlerischen Schaffens sind Ihnen besonders wichtig?

Der Bezug auf eine Wirklichkeit außerhalb der Kunstwelt, dass meine Kunst nicht nur sich selbst und ihre Rahmenbedingungen zum Gegenstand hat, sondern – in der Tradition des Realismus wenn man so will – danach strebt, Aussagen über die Welt zu treffen, sich Realität anzueignen und sie so mit zu formen.


Wenn Sie eines Ihrer Werke bestimmen könnten, das die Zeiten überdauert und auch in der fernen Zukunft noch betrachtet wird, welches würden Sie wählen?

Heute würde ich sagen: GESCHICHTE, 2010 für meine Ausstellung in der Secession entstanden. Es handelt sich dabei um Stereofotografien der Totenmasken prominenter Persönlichkeiten der Sowjetunion (bis 1952), die in Schaukästen präsentiert werden: eine Arbeit, die viele meiner Interessen berührt. Ich hoffe, es werden weitere Werke dazukommen, wo mir das gelingt.

Spielen prägende Erlebnisse eine Rolle in Ihrer Kunst? Wenn ja: Was wäre ein Beispiel dafür?

Für mich war u.a. die Lektüre bestimmter Autoren wie Michel Foucault prägend, die mir eine neue Weltsicht eröffnet haben, die ich zum Teil versuche, künstlerisch „ins Werk“ zu setzen.

Worin besteht für Sie der Reiz, ein Werk für den öffentlichen oder medialen Raum zu schaffen?

Die Nutzung des medialen Raums (auch wenn dieser hier durch das Label museum in progress bereits geprägt ist) ist eine Möglichkeit, meinen oben formulierten Anspruch nach Relevanz außerhalb des Kunstfelds einer Probe aufs Exempel zu unterziehen und die Wirksamkeit der Kunst außerhalb des „Kunstraums“ zu testen.

Inwiefern sollte Kunst eine gesellschaftspolitische Funktion erfüllen?

Die Überzeugung, dass Kunst gesellschaftspolitisches Potential entfalten kann, ist eine Voraussetzung für meine Arbeit. Das bedeutet aber weder, dass es ihr immer gelingt, diesen Anspruch einzulösen, noch dass sie ihn in jedem Fall zu ihrem eigenen machen muss. In gewisser Weise ist es die Aufgabe der Künstlerin mit ihrem/n Werk/en ihre eigene Definition von Kunst zu formulieren. 

Was zeichnet Ihrer Meinung nach gute Kunst aus?


Guter Kunst gelingt es, neue Perspektiven in die Welt zu setzen, dem Betrachter alternative Zugänge zu dem, was ist, zu erschließen.

Wo liegen die Grenzen der Kunst?


Potentiell werden die Grenzen der Kunst mit jedem Werk neu ausgelotet, erforscht, im besten Fall verschoben.


Alle Künstler/innen, die an der Ausstellungsserie „Geschälte Zeit“ teilnehmen, werden jeweils gebeten, die gleichen Fragen zu beantworten. Damit werden einerseits der serielle Charakter des Projektes und andererseits die individuellen Blickwinkel der Künstler/innen betont. Außerdem erhalten die interessierten Leser/innen dadurch weiterführende Informationen zu den einzelnen Werken und ihren Urhebern.

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