Mediationen

The Art of Becoming a Social Sculpture

AutorInnen
Roman Berka

Welche Funktion hat die Kunst? Im europäischen Mittelalter waren Kunstwerke durch einen religiösen oder höfischen Zusammenhang funktional und rituell im Alltagsleben der Menschen verankert. Mit Beginn der Neuzeit begann sich die Kunst aus dem funktionalen Zusammenhang zu lösen, ehe sie in der klassischen Moderne ihre volle Autonomie erreichte, Kunst hatte keinem anderen Zweck mehr zu dienen als der künstlerischen Kontemplation (l’art pour l’art/art for art’s sake). „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihr Freiheit“ heißt es über dem Eingang der Wiener Secession, ein Ausstellungshaus zeitgenössischer Kunst, das im Jahr 1897/98 als Gegenmodell zum akademischen konservativen Kunstbegriff der Zeit erbaut wurde. Das Erlangen der Freiheit in der Kunst und anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen war eine der großen Errungenschaften der Moderne.

Bewegungen der historischen Avantgarde, wie die russischen Konstruktivisten oder die italienischen Futuristen, versuchten die Kunst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts an den Fortschrittsgedanken anzukoppeln und ihr wiederum eine Funktion im gesellschaftlichen Zusammenhang zu geben. Auch Bewegungen der Neo-Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg, wie Fluxus oder die Situationisten, bemühten sich um eine Überführung der Kunst in Lebenspraxis. Der konsequenteste Vertreter dieser Bemühungen war wahrscheinlich der deutsche Künstler Joseph Beuys (1921–1986) mit seinem Konzept eines „erweiterten Kunstbegriffs“, der alle Menschen zu Künstlern erklärte; nicht in dem Sinne, dass alle Menschen zu Malern oder Bildhauern werden müssten, sondern dass alle Menschen, egal welchem Beruf sie nachgehen, potenziell einen Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft als „Soziale Skulptur“ leisten können. Beuys’ Ideen nahm wiederum der deutsche Künstler Christoph Schlingensief (1960–2010) auf; sein letztes großes Werk ist der Bau des „Operndorfs Afrika“ in Burkina Faso (www.operndorf-afrika.com), ein Komplex bestehend aus Schule, Werkstätten, Wohn- und Gästehäusern, Restaurant, Sport- und Agrarflächen, Krankenstation, Theaterbühne und vielem mehr – eine „Soziale Skulptur“, die auch ohne ihren Erfinder in die Zukunft wächst.

Die Frage, was das kreative Gestaltungspotenzial von Kunst für die Gesellschaft leisten kann, beschäftigt nach wie vor viele Künstler und stellt sich heute vielleicht mehr denn je vor dem Hintergrund einer sich rapide verändernden globalisierten Welt, politischen Umwälzungen und dem drohenden Zusammenbruch des Finanzkapitalismus. Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit, des Übergangs. Evolution „passiert“ nicht mehr, heute bestimmen wir die weitere Evolution des Planeten, wir beeinflussen sie nachhaltig durch Segen und Fluch des wissenschaftlichen Fortschritts wie durch Gentechnik, Kernenergie, industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltung, globalen Personen- und Güterverkehr oder grenzenloses Internet. Einem höheren Lebensstandard in vielen Bereichen der Welt stehen zunehmende Ausbeutung und die Zerstörung der Lebensgrundlage in anderen Teilen der Welt gegenüber, eine Entwicklung die mit dem rücksichtslosen Kolonialismus in der Neuzeit begonnen hat; hier wurde der Grundstein dafür gelegt, dass es heute eine sogenannte „Erste“ und „Dritte Welt“ gibt. Wo stehen wir und wie geht es weiter? Es liegt in unseren Händen, wie wir die „Soziale Skulptur“ in der Zukunft gestalten, mit Beuys zu sprechen: „Jeder Mensch ist ein Künstler!“

Die Frage der Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenhangs stellt sich in Sri Lanka nach Ende des fast 30-jährigen Bürgerkriegs, der Generationen geprägt hat, auf ganz besondere Weise. Wunden müssen heilen, Versöhnung in die Köpfe und Herzen Einzug halten. Auch Sri Lanka befindet sich auf nationaler Ebene in einer Phase des Übergangs und viele srilankische Künstler setzen sich in ihrer Kunst mit dieser Frage auseinander. Und was bedeuten die globalen und nationalen Umwälzungen für den Einzelnen, also auf einer persönlichen, psychologischen Ebene? Letztlich geht es darum, als autonomes Individuum gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Dieser allgegenwärtige Zustand des Übergangs auf einer globalen, nationalen wie persönlichen Ebene ist das Thema der 2. Colombo Art Biennale 2012 mit dem Titel „Becoming“. Sie soll ein Labor sein, ein Experimentierfeld für srilankische, regionale und internationale Künstler, die gesellschaftliche Realitäten künstlerisch widerspiegeln und Denkimpulse geben. Die Künstler kommen aus allen Bereichen der zeitgenössischen künstlerischen Praxis wie Malerei, Zeichnung, Skulptur, Installation, Performance, Fotografie, Video, Film, Concept Art oder partizipatorischer Kunstpraxis.

Dem Ansatz eines „erweiterten Kunstbegriffs“ und dem Konzept des Wiener Kunstvereins „museum in progress“ (www.mip.at) folgend – der von Kathrin Messner und Joseph Ortner gegründet wurde, die auch die in Sri Lanka tätige Sozialorganisation „one world foundation – free education unit“ (www.owf.at) gründeten – erweitert die Biennale ihren Aktionsradius über die traditionellen Ausstellungsräume hinaus paradigmatisch auch in einen „erweiterten Ausstellungsraum“. In Kooperation mit dem „museum in progress“ wird erstmals in Sri Lanka eine Ausstellungsreihe in Form künstlerischer Beiträge in den Tageszeitungen „Daily Mirror“ und „Financial Times“ realisiert. Die Kunst erreicht so nicht nur ein exklusives Kunstpublikum, sondern auch eine breite Öffentlichkeit in ihrem Alltagsleben. Die Colombo Art Biennale löst so – ihrem Thema „Becoming“ gemäß – nicht zuletzt die avantgardistische Forderung einer Integration von Kunst und Leben ein.

Roman Berka
Kurator, BECOMING 2012

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