Arbeitswelten

Arbeitswelten

AutorInnen
Brigitte Huck

Von Juni 2001 bis zum Ende des Jahres 2005 war die Prinz Eugen Straße in Wien Schauplatz eines bemerkenswerten Kunstprojekts: „Arbeitswelten“ ereignete sich auf dem Vorplatz und entlang der Fassade des Arbeiterkammer Headquarters. Anlass war nicht zuletzt der Umstand, dass sich der Begriff und die Strukturen von „Arbeit“ am Beginn des 21. Jahrhunderts radikal geändert haben. Der Mentor der Initiative, AK Direktor Werner Muhm, und seine Mitstreiterin Ilse Wintersberger haben das Projekt von Anfang bis zum Ende mit Entschiedenheit und Begeisterung begleitet und sich für ein Vorhaben engagiert, das Bezüge und Querverweise zwischen den gesellschaftspolitischen Inhalten und Anliegen der Kammer für Arbeiter und Angestellte und aktueller Kunstproduktion herstellen sollte.

Nichts Geringeres als die Königsdisziplin der Künste, die „Kunst im Öffentlichen Raum“, so waren sich Arbeiterkammer und museum in progress einig, wäre geeignet, die entscheidenden Veränderungen der Arbeitswelten als gesellschaftsrelevante Frage im Format der bildenden Kunst zu formulieren und zur Diskussion zu stellen, sie in den öffentlichen Stadtraum und damit zu den ArbeitnehmerInnen zu tragen.

Arbeitswelten sollte sich auf einem traditionellen Propagandafeld abspielen, auf Plakaten. Entlang der Fassade des Gebäudes in der Prinz Eugen Straße, gut sichtbar für Fußgänger, Auto- und Straßenbahnfahrer, entwickelte Architekt Walter Kirpiscenko eine Trägerkonstruktion für Plakatflächen, ein panoramaartiges Band für das Display der Arbeiten, das schleusenartig zum Haupteingang führt. Auf diesen Plakatflächen wurden im Laufe der vergangenen vier Jahre insgesamt 15 Ausstellungen präsentiert. Darüber hinaus erweiterte sich der Präsentationsraum, der Praxis von museum in progress folgend, in den Kommunikationsbereich der Medien – auf die Infoscreens in den U-Bahnen etwa, die City Lights an der Straßenbahnstation und auf die Seiten der Tageszeitung DER STANDARD.

Im Juni 2001 begann die Serie mit einer Arbeit von Helmut und Johanna Kandl. „Your Way to the Top“ verschränkte historisches Fotomaterial und die modernen Werbestrategien der Wirtschaft. Darauf folgte „Remix“, eine Konstruktion des Foto- und Medienkünstlers Herwig Kempinger, der, an der Schnittstelle von Form und Funktion, Schlaglichter auf das AK-plus Logo warf. Dorit Margreiter untersuchte mit „some establishing shots (arbeit)“ den Einfluss der Fiktionen aus der Film- und Fernsehindustrie auf die Wirklichkeit unseres Lebens. Es folgten Andreas Siekmanns Bilderzyklen „Machine“ und „Ne travaillez jamais“. Seine Filzstiftzeichnungen konnten als lineare Bildketten gelesen werden und beschrieben, wie sich der Ökonomische Paradigmenwechsel von der sozialen Marktwirtschaft zum Neoliberalismus auf die Gesellschaft auswirkt. Auch für die Österreichische documenta-Teilnehmerin Lisl Ponger wird der öffentliche Stadtraum zur Bühne des sozialen Umbaus. Die Arbeit „Die große Schere“ befasste sich mit dem Thema Frauenarbeit und den Basisforderungen nach „gleichem Lohn für gleiche Arbeit“. Melik Ohanian führte mit „White Wall Travelling“ in die Docks von Liverpool, wo 1995 ein für die Arbeiterbewegung Europas richtungweisender Streik stattfand. Der Künstler Marko Lulić, Österreicher mit serbisch-kroatischen Wurzeln, beschäftigte sich mit jenem ikonischen „Kolaric“ Plakat aus dem Jahr 1973, das seither als Symbol und Parabel der „GastarbeiterInnen“ gilt. Thomas Locher, dessen Werk sich um Sprache und Kommunikation dreht, hat mit „Politik der Kommunikation“ untersucht, was Büroräume und Konferenzsäle über Hierarchien und Machtgefüge erzählen. Mit „Women's Work is Never Done“ inszenierte die charismatische Künstlerinnengruppe „Die Damen“ das Rollenspiel der Geschlechter im Tableau Vivant. Mit „Arbeit Kino“ zeigte Kurator Christian Höller Momentaufnahmen aus 100 Jahren Kinogeschichte, in denen unterschiedliche Arbeitswelten und Arbeitsprozesse, aber auch deren historischer Wandel, festgehalten sind. Der Kanadier Ken Lum nahm sich in „Schnitzel Company“ das Genre „MitarbeiterIn des Monats“ vor, der dänische Künstler Jakob Kolding collagierte Text und Bild aus so unterschiedlichen Bereichen wie Architektur, Politik, Musik, Comic und Sport zu Topografien des öffentlichen Raums. Vorbei an Deutschbauer/Springs umstrittener Doppelconference „Arbeit macht froh“ und Anderwald/Gronds Relativierung von körperlichen und gesellschaftlichen Prozessen in „Relative Strength“ fand Arbeitswelten schließlich mit „Shipwreck and Worker“ des amerikanischen Künstlers Allan Sekula und seinem kritischen Beitrag zu sozialen Realitäten der Ökonomischen und kulturellen Globalisierung einen großartigen Abschluss.

Die Ausstellungsreihe „Arbeitswelten“ dokumentierte nicht zuletzt auch ein neues Rollenverständnis: Künstler und Künstlerinnen mischen sich in ökonomische, politische oder soziale Kontexte ein, sie untersuchen die verschiedensten Bereiche unserer unmittelbaren, erlebten Umwelt und übersetzen die Ergebnisse ihrer Recherchen in die Sprache der Kunst, in ästhetische Aggregate, die über das Format des Sichtvermerks hinaus auch Reflexions- und Orientierungswissen vermitteln und das Visuelle als Erfahrungs- und Dialogfläche im Gebrauch haben.

Ich würde „Arbeitswelten“ generell als Aufforderung zum Widerstand lesen, gegen die vielen Formen der Manipulation, der Belehrungen und der Ermahnung. Als Aufforderung, sich nicht von dominanten Wirtschaftssystemen vereinnahmen zu lassen.

Eine kühne Volte könnte die von der Wirtschaft geforderten Qualifikationen wie spezialisiertes Wissen, selbstverantwortliches Handeln, Team- und Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz, Flexibilität etc. auch als gute Voraussetzungen für widerständiges und solidarisches Handeln interpretieren. Die Aufforderung gilt nicht nur für die Mehrzahl der ArbeitnehmerInnen, sie gilt auch für jene KünstlerInnen, die die Autonomie der Kunst gegenüber der Politik und Ökonomie zu verteidigen suchen. Eine Position, die eine wichtige Tendenz der gesellschaftlichen Entwicklung unterschlägt: nämlich dass Wissen, Kreativität, Stilgefühl, Kennerschaft, Lebensart nicht mehr im Besitz einer einzigen Klasse in westlichen urbanen Zentren sind, sondern durch die neuen Technologien und die Kulturindustrie eine radikale Demokratisierung erfahren haben. Deshalb bleiben die geschätzten Territorien der Kunst verdächtig, denn sie blenden das Leben aus.

„Arbeitswelten“ wollte sich den Bezug zur sozialen Realität bewahren und verständlich bleiben für viele, nicht nur für die Klubmitglieder eines rätselhaften Geheimbunds. „Arbeitswelten“ räumte dem Luxusgut Kultur den Flitter ab und profilierte sich als Katalysator zwischen der Kunst und der Welt. Wenn „Arbeitswelten“ etwas klar gemacht hat, dann dieses: Es muss um neue Wirtschaftskonzepte gehen, und damit um neue Gesellschaftsentwürfe.

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